SÜDKURIER
06.12.2011
Jauchzen und Frohlocken im Reichenauer Münster
Die
Birnauer Kantorei unter Klaus Reiners' Leitung bot Bachs Weihnachtsoratorium
Alljährlich für
Konzertchöre zur Weihnachtszeit ein Garant für volle Kirchen: Bachs
„Weihnachtsoratorium“, in allen Darbietungsformen von spröder Historizität mit
kleinen, elitärem Originalklang verpflichteten Ensembles über grundsolide
Kirchenchorkonzepte bis zu gewaltigen, oratorischen Großaufführungen, seien es
die Kantaten 1-3 oder 4-6 oder gar das ganze Werk. Und das ist gut so, weil
nirgendwo sonst die Weihnachtsbotschaft so eindringlich und ergreifend
vermittelt wird wie in diesem populär gewordenen Werk.
Die Birnauer Kantorei unter
Klaus Reiners' immer präsenter, klarer, auch ideenreicher Leitung führte jetzt
im Reichenauer Münster die ersten drei Kantaten in sehr geschlossen wirkender
Weise auf.
Mit 70 Sängerinnen und
Sängern gibt die Kantorei sowohl einen zu rundem Pianoklang als auch zu
Fortissimo-Großlob fähigen Klangkörper ab, der zudem mit sattem
Männerstimmenanteil punkten kann. Die adventlichen Choräle waren in getragenen
Tempi ohne Fermaten-Zäsuren empfindsam dargestellt; Lobchoräle hatten
trompetenüberglänzt festliche Züge. Maß aller Dinge sind aber immer die
Koloraturenketten, die die Birnauer perlenschnurglänzend, ohne Stimmdruck
elegant servierten: „Ehre sei Gott“ und „Herrscher des Himmels“ waren solche
Glanzpunkte.
Großen Anteil an der
Beliebtheit des Werks haben das Orchester respektive die von Bach mit
besonderer Sorgfalt ausgesuchten Soloinstrumente zu den ariosen
Vokalsolopartien: Ob die so klangschöne Wunderwelt der Oboen und Oboi d'amore
(Gisela Feifel), die von feiner Blaskunst getragene Querflöte (Gertraud
Malchow), die herrliche Figurierung der Violine (Roland Baldini), das
ergänzende Solo- und Generalbassspiel von Cello (Katharina Buschhaus),
Kontrabass (Peter Lamm) und registerwechselnder Truhenorgel (Helmut Brand) oder
die festlich und klangdicht geblasene Trompete (Bernd Kratzer): Das war
farbenplastischer Genuss, zu dem sich das stark besetzte Tutti als
geschmeidiger Partner des Chors gesellte. „Jauchzet, frohlocket!“ war
religiöses und musikalisches Programm von großer Ausstrahlung.
Das
Weihnachtsevangelium nach Lukas sang der
Tenor-Evangelist Christoph Wittmann,
rezitativisch begleitet, so stimmschön und höhengewandt, dass
es von Sprache zu
eindrücklich lebendiger Musik wurde – souverän auch in
der ganz schwierigen
Koloraturarie „Frohe Hirten, eilt!“. Mechthild Bach gab in
den wenigenSopranpartien leuchtende lyrische Momente präzise
artikulierten Ausdrucks
zusammen mit Hermann Locher („Herr, dein Mitleid“), der
großartige
Bass-Ariendarstellung mit voluminöser, auch
baritonaler Klangschönheit bot
(„Großer Herr“ zusammen mit königlicher
Trompete). In drei Alt-Arien erlebte
man diemezzosopranhelle, geschmackvoll gestaltende Stimme von Mirjam
Blessing
(„Bereite dich, Zion“, „Schlafe, mein
Liebster“).
Eine Aufführung in moderner
Stimmung, frei von überdramatischer Interpretation, die anheimelndem
Musikgenuss Raum gab und sicher zu großem Beifall geführt hätte, hätte sich der
Veranstalter nicht die stille Rückbesinnung auf das Wesentliche gewünscht: Die
frohe Weihnachtsbotschaft statt des Leistungs-Beklatschens.

Geistliches Konzert in
Birnau
Uhldingen-Mühlhofen
– Ein höchst interessantes Programm hat sich der
Leiter der Birnauer Kantorei,
Klaus Reiners, für das sehr schöne geistliche Konzert in der
voll besetzten
Wallfahrtskirche Birnau einfallen lassen. Mit der Kantate BWV 78 „Jesu,
der du
meine Seele“ erklang ein Werk, basierend auf dem gleichnamigen Lied von
Johann
Rist, das in kompositorischer Hinsicht und in Bezug auf Wirkung genial
ist.Schon der Eingangschor im Stil einer Passacaglia schmeichelt sich
schnell
ins Ohr, nicht zuletzt deshalb, weil das Thema bestehend aus einem
Oktavsprung
und gefolgt von einer chromatisch abfallenden Linie höchst
einprägsam ist und
im Lauf dieses Satzes siebenundzwanzig Mal in allen Vokal- und
Instrumentalstimmen auftritt, einschließlich einer zweimaligen
Umkehrung.
Die Birnauer Kantorei sang
im verhaltenen mezzoforte, was dem Text, der den Gedanken an die
Passion Jesu,
die den Glaubenden geheilt und das Gewissen gestillt hat, geschuldet
ist.
Bezaubernd
geriet das folgende Sopran-Alt-Duett mit obligater Cellobegleitung.
Eindrucksvoll
das Tenorrezitativ mit gewiss nicht leicht zu singenden, großen
Intervallsprüngen, die die „Verzweiflung der Sünder“ treffend
nachzeichnen.
Unaufmerksamkeiten im Generalbass wirkten hier gleichermaßen
irritierend, wie
die anfänglichen Intonationsschwächen der Celli im ersten
Satz des
Orgelkonzerts op. 7.4 in d-moll von Georg Friedrich Händel, dessen
Gravität im
ersten Satz gerade mit der dunklen Klangfärbung der tiefen
Streicher ganz
charakteristisch betont wird.
Bernhard
Ladenburger spielte die Truhenorgel im Chorraum der Birnau absolut
souverän.
Gestaltungsmöglichkeiten scheinen aber instrumentell bedingt
begrenzt zu sein,
so liefert die Orgel offensichtlich kaum Möglichkeiten, bei
Echopassagen
wirkungsvoll abzuregistrieren. Dafür waren die
Orchestereinwürfe höchst präzise
und die Balance zwischen Orgel und Orchester wirkte sehr ausgewogen.
Im
frühklassischen „galanten Stil“ und damit völlig anders die
Bachkantate
präsentierte sich das „Gloria in excelsis Deo“ in G-Dur des
jüngsten Bachsohnes
Johann Christian Bach, der erst 15 Jahre alt war, als sein Vater starb.
Das
Werk zeigt deutliche italienische Einflüsse mit
verselbstständigen Soli, denen
lange Orchestervorspiele vorausgehen. Prägnant sind zudem die
opernhaften
Kadenzen am Schluss der Soli. Im ersten Satz packte der Chor richtig
zu, ließ
die kurz skandierten „Gloria“ im ersten Satz jubeln und überzeugte
durch
Präsenz und gut verständliche Sprache. Von den Solisten,
denen es im Quartett
etwas an Homogenität fehlte, überzeugte besonders die
Sopranistin Barbara
Locher mit klarer Stimme und federleicht erscheinenden Koloraturen.
Mirjam
Blessings Altstimme klang ebenfalls sehr schön, wenngleich etwas
weniger
tragfähig. Bertrand Bochuds Tenorpart ließ mitunter
Konsonanten missen, was ihn
schwerer verständlich machte. Eric Fergusson präsentierte
eine sehr kräftige,
sonore Bassstimme. „Es war wieder einmal sehr schön“, meinte ein
Zuhörer nach
dem Konzert, dem ist nichts hinzuzufügen.
Bernhard
Conrads
SÜDKURIER
30.07.2010
Barocke Lebendigkeit im warmen
Lichtspiel
Birnauer
Kantorei und
Bernhard Kratzer begeistern mit zwei Haydn-Werken in der ausverkauften
Wallfahrtskirche
Uhldingen-Mühlhofen
(bc)
Mit zwei Werken des Komponisten Joseph Haydn gestaltete die Birnauer
Kantorei
unter der Leitung von Klaus Reiners ein geistliches Konzert in der
ausverkauften
Wallfahrtskirche Birnau. Die Nachmittagssonne schuf dazu im barocken
Kirchenraum mit warmem Lichtspiel eine stimmige Szenerie, in der das
„Konzert
für Trompete und Orchester in Es-Dur“ sowie die
„Missa Cellensis
In Honorem
Beatissimae Virginis Mariae“ erklangen. Zu dieser
„großen
Marienzeller Messe“
überaus passend, thronte die Skulptur der Jungfrau Maria mit
Kind
über Chor und
Orchester.
Das
Trompetenkonzert zu
Beginn faszinierte mit barocker Lebendigkeit und typisch Haydn'scher
Fröhlichkeit. Im ersten Satz treten Soloinstrument und
Orchester
thematisch in
einen Dialog, in dem Trompeter Bernhard Kratzer mit treffsicherer
Intonation
brillierte und besonders, aber keineswegs ausschließlich in
der
virtuosen
Kadenz überzeugte. Verzierungsreich und mit Anmut gestaltete
Kratzer den
zweiten langsamen Satz. Virtuos auch der dritte Satz, dessen Thema sich
als
Ohrwurm sofort ins Ohr einnistet. Nichts „kiekste“
und mit
ansprechender
Artikulation machte Kratzer der Beliebtheit dieses Werks wirklich alle
Ehre. Lediglich
das Orchester leistete sich hin und wieder gewisse rhythmische
Unschärfen. Es
„klapperte“ zuweilen nicht nur im Trompetenkonzert,
sondern auch in der
nachfolgenden Messe.
Die
„Große Marienzeller
Messe“ ist Haydns zweite erhaltene und zugleich
größte
Messevertonung. In
dieser hat der Chor der Kantorei einiges zu tun und er löste
diese
Aufgabe mit
Bravour. Ausnahmslos alle Stimmlagen zeigten Präsenz in den
Einsätzen, diese
kamen präzise, wie beispielsweise der Bass zu Beginn der
„Kyrie
eleison“-Fuge im
dritten Satz sowie der groß angelegten Schlussfuge des
Gloria.
Ebenso herrlich
die Einsätze in der emotional tiefgehenden „Gratias
agimus
tibi“-Fuge.
Auch
hinsichtlich Dynamik
durften die Zuhörer mehr als zufrieden sein. Besonders, aber
nicht
ausschließlich,
fand Reiners mitsamt Chor im „Gloria“ ein
Feingefühl für
zarte Piano- und
Fortestellen. Gelungen geriet die Hervorhebung des Wortes
„magnam“, mit
der die
Größe der Herrlichkeit Gottes besonders betont
wurde.
Wunderbar nuanciert
wirkten Stellen wie „qui tollis peccata mundi, miserere
nobis“ und
strahlend
das „et resurrexit“ im Credo.
Unter
den Solisten
brillierte die Sopranistin Ruth Liebscher, die mit stetem
Lächeln
und klarer
Stimme Koloraturen und Verzierungen mit leichter, knackig-barocker
Artikulation
sang. Das machte Spaß. Brigitte Schweizer (Alt)
enttäuschte
in tiefen
Altstimmlagen und ihr extrem langsames, zuweilen ausladendes Vibrato
ist nicht
jedermanns Geschmack. Souverän und nuanciert sang Karl
Jerolitsch
seinen
Tenorpart. Jens Harrmanns Bassstimme zeigte Wandelbarkeit. Das Publikum
hätte
sicher gern und lang applaudiert, wenn es erlaubt gewesen wäre.
B.
Conrads
SÜDKURIER
16.03.2010
Beispielhafte
Tonschönheit
Die Birnauer Kantorei
präsentierte
Bachs „Matthäuspassion“ im Reichenauer
Münster
„Opera
Komödie“ oder
„Oratorische Passion“, Anfangsverdacht zur
Uraufführung oder
Gipfelkreuz evangelischer Kirchenmusik: Mit der
„Matthäuspassion“
hat
Johann Sebastian Bach jedenfalls das größte
musikalische
Kompendium christlicher Verkündigung geschaffen.
Monumental-dramatisches Massenchorwerk oder kontemplativer und
ergreifender Gottesdienst zu Jesu Todesstunde – wie viele
Aufführungskonzepte dieses Werk seit der historischen Berliner
Wiederaufführung 1829 durch Felix Mendelssohn erlebt hat,
weiß niemand.
Nun hat sich die
Birnauer
Kantorei unter ihrem Leiter Klaus Reiners des Werks im Reichenauer
Münster angenommen, und es wurde eine Aufführung, die
weder
das theatralische Konzept „Drama ohne
Bühne“ noch die
Beschränkung auf kirchenmusikalisches Maß
favorisierte,
sondern die musikalische Mitte hielt. Mit hervorragend geschultem
Doppelchor, solistisch besetzter Holzbläserformation, zwei
Teilorchestern und rundum hochqualifizierten Vokalsolisten erreichte
sie eine dichte musikalische Erlebnisbreite.
Christoph Wittmann führte durch den Matthäus-Text mit
einer
Evangelisten-Tenorstimme, die absolute Klarheit und
Tonschönheit
bis in die Spitzenlagen hinein garantierte, und Christian Feichtmair
stattete die Jesus-Worte mit durchaus hellerem Basstimbre aus, das
nicht nur den „gütigen“ Jesus
charakterisierte sondern das Bild
des leidenden, dabei aber göttlichen Jesus vermittelte.
Dem stand das
kommentierende
Solistenquartett mit den ergriffenen, am Leiden teilhabenden Partien in
orchestral begleiteten Rezitativen und Arien gegenüber:
Barbara
Lochers fein balancierter Sopran, Mirjam Blessings hell timbrierter
Alt, wie denn beiden Frauensolostimmen Verinnerlichung mehr eignete als
dramatischer Gestus. Jürgen Ochs (Tenor-Arien) und Thomas
Gropper
(Bass-Arien) schöpften aus reichem gestalterischem
Können,
brachten lyrische Linien und Koloraturen in beispielhafter
Tonschönheit. Zum solistischen Gefüge
gehörten auch die
„Nebenrollen“ der Passionsgeschichte, die zusammen
mit dem wachen und
ungeheuer stark geforderten Anpassungsvermögen des
Orchester-Continuo und
der Truhenorgel (Helmut Brand) einhergingen.
Klaus Reiners hielt in logistischer Meisterleistung all diese Gruppen
samt dem Doppelchor sicher zusammen. Da leuchteten Oboenfarben von
Gisela Feifel und Nadine Bauer auf, gaben virtuose Geigensoli von
Roland Baldini und Naoko Ogura den Arien großartige
kammermusikalische Wirkung, spielte Gertraud Malchow
Querflötenlinien von großer Eleganz, erhob sich auch
das
Continuo-Cello in die solistische Ebene mit Figuren, die jedem
Cellokonzert Ehre machen würden. (Abgerundet durch zwei
selbstständige, stark besetzte Streichorchesterguppen stand
den
Vokalsolisten
und Chören ein Instrumentarium zur Seite, das
präzise agierte und reagierte, vielleicht gelegentlich mit
kalten
Fingern zu kämpfen hatte.
Vielstimmiger
Großchorklang
Die
„Birnauer Kantorei“
hatte ihre über 80 Sängerinnen und Sänger in
zwei auch
selbstständig konzertierende Chöre aufzuteilen. Klang
Chor 1
insgesamt zupackender, gab Chor 2 mehr die weichen Linien. Waren die
Chöre vier- oder achtstimmig vereint, wurde
Großchorklang
erreicht, den der Dirigent sehr sorgsam lenkte. Die 13
Choralsätze
wurden schlicht und ohne Fermaten-Zäsuren gesungen, klangen
homogen, bezogen ihre Kraft aus dynamischen Flächen mit
sparsam
gesetzten Akzenten. Nicht so die Einwürfe des
„Volks“: Da ballten
sich dramatische Akkorde („Barrabam!“ und die
verspannten Kreuzmotive
in „Lass ihn kreuzigen!“), gefolgt von
erschüttertem piano („Wie
wunderbarlich ist doch diese Strafe“), kamen die
Attacca-Einsätze
zu kurzen Einwürfen und Fugierungen gestochen scharf und
präzise.
Eingangs- und
Schlusschor
des ersten Teils erhielten besonderen Raumglanz durch die hellen
Cantus-firmus-Stimmen der Jugendkantorei des Konstanzer
Münsters
(„O Lamm Gottes, unschuldig“). Die Finalszene, wo
in der letzten Arie
(„Mache dich, mein Herze rein“) und im Schlusschor
alle
voraus-gegangene Dramatik in stillen Tränen-schmerz und
Heilszuversicht mündet, krönte eine
Aufführung, die mit
ihren
78 Einzelstücken zu packender Ganzheit wurde: Das unfassbare
Genie Bachs und unzählige musikalische Einzelleistungen, die
sich
hier unter Klaus Reiners vereint hatten, führten
schließlich
zum Ergreifendsten, was diesem Großwerk passieren kann: Zur
minutenlangen Stille der vollen Kirche zum Geläut der
Münsterglocke.
Reinhard
Müller
SÜDKURIER 08.10.2009
Solisten
und Chor im Zwiegespräch
Ihr
Abschlusskonzert
widmete die Birnauer Kantorei mit Orchester unter gewohnt
präziser
Leitung von Klaus Reiners kürzlich zwei Komponisten der
Spätromantik aus Frankreich.
César Franck (1822-1890) komponierte „Die sieben
Worte Jesu am
Kreuz“ für Soli, Chor
und Orchester, Charles Gounod (1818-1893) die „Messe
Solennelle en
l'honneur de Sainte Cécile“, die
„Feierliche Messe zu Ehren der
Heiligen Cäcilia“ (Cäcilienmesse)
für drei Solostimmen,
Chor, Orchester und Orgel.
Die Heilige
Cäcilia,
deren Fest die Kirche nach dem Heiligenkalender jährlich am
22.
November feiert, ist die Patronin der Kirchenmusik.
„Geistliche Musik
Birnau“ nennt die Kantorei ihre Konzertreihe. Pater Bruno
Metzler vom
Zisterzienserpriorat an dieser wohl schönsten
spätbarocken
und im Jahr 1971 von Papst Paul VI. zur „basilica
minor“ erhobenen
Wallfahrtskirche am Bodensee stellte in seiner
Begrüßung der
Zuhörer des gut besuchten Kirchenkonzertes den Bezug der
geistlichen Musik zur Liturgie in dieser Kirche her. Im Glockenklang am
Ende durften Musiker und Sänger tief empfundenen Dank der
Zuhörer ausgedrückt wissen. Zu exzellentem Gesang und
Musik
kam eine weitere Solistin zauberhaft hinzu: Die herbstliche Abendsonne
spielte mit ihren Strahlen in der Kirche, wanderte im Chorraum
über die Köpfe von Dirigent, Musiker und
Sänger hinweg
und strahlte mit fortschreitender Tageszeit eines ums andere der
barocken Kunstwerke an.
Die Musik der
beiden
Franzosen aus gleicher Zeit im 19. Jahrhundert erinnerte einmal an die
Musik in Frankreichs Klöstern wie in Cîteaux,
Clairvaux und
Molesme bei den Zisterziensern – bescheiden, einfach, leise,
innig,
eindringlich und doch überzeugend. Sie zeigte aber auch den
Stolz
der „grande nation“ nach den Ereignissen der
Französischen
Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts. Und das nicht erst beim
abschließenden „Domine salvam“, dem Gebet
zum Schutz von Kirche,
Armee und Nation. Schon im Auftakt zu den „Sieben Worte Jesu
am Kreuz“
deutete der Komponist im ergreifenden Gesang des Chores auf etwas
Besonderes hin – die Passion Jesu als Erlösung der
Menschen. Immer
wieder das „Zwiegespräch“ von Chor und
Solisten.
Äußerst sensibel etwa drückte im
fünften Wort –
„Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
– die Musik Verlassenheit
und Klage Jesu aus. Oder der aggressive und fast spöttische
Ton
des Chores: „Wenn du der König der Juden bist, so
hilf dir
selbst!“ als weiterer biblischer Text. Ganz leise gesungen
vom Chor:
„Es ist vollbracht.“ Die Instrumente malten beim
siebten Wort, wie sich
Jesus in Gottes Willen ergibt: „Vater, in deine
Hände befehle ich
meinen Geist.“
Zur
„Cäcilienmesse“
rückten noch mehr Bläser aufs Podium. Charles Gounod
komponierte das Messordinarium, indem er die Bedeutung der Doxologien
in der Vertonung hervorhob
wie etwa beim Credo die wichtige Glaubensaussage der Auferstehung
„et
resurrexit tertia die“ mit sich steigernder Melodie. Die
Messe stand
unter Spannungsbogen und Wechselangebot guter stimmlicher Disposition
von Chor und Solisten in harmonischem Zusammenklang mit den
Instrumentalisten.
Theo
Wieland
GRÄNZBOTE
11.05.2009
Birnauer
Kantorei sagt mit frohen Mozart-Werken "danke"
TUTTLINGEN
- Ein "Dankeschön" an den langjährigen
Förderer
Professor Dr. Michael
Ungethüm ist das Konzert der Birnauer Kantorei unter Klaus
Reiners
am
Samstagabend in der Stadtkirche gewesen. Die Zuhörer erlebten
ein
gelungenes
Mozartprogramm.
Ein
freudiges Fest sollte es sein, wenn der Fürsterzbischof
Hironymus
Colloredo in
barockem Ornat im Salzburger Dom das Amt feierte; und passende Musik
dazu
lieferte Wolfgang Amadeus Mozart. In gehobene Stimmung hob nun gleich
zu Beginn
des Konzertes die Kirchensonate KV 278 das Publikum. Das folgende
"Regina
Coeli" KV 276 war dezent dynamisch abgestimmt. Die Solisten Sabine
Winter,
Ursula Maxhofer-Schiele, Bernhard Gärtner und Hermann Locher
sowie
Chor und
Orchester erzeugten eine wunderbar himmlische Atmosphäre.
„Sub
tuum
praesidium" KV 198, des 18-jährigen Mozart für zwei
Soprane
und Orchester,
wurden von Sabine Winter und Ursula Maxhofer-Schiele beseligend
gesungen. Ein
Beispiel für das Komponieren des
zwölfjährigen Mozart
war das "Benedictus
sit Deus" für Sopran, Chor und Orchester mit triolischen
Koloraturen plus
Kadenz für die Solistin. Das berühmte, selig
strömende
"Laudate
Dominum" KV 339 des 23-jährigen Mozart sang Sabine Winter
berückend schön,
und sanft fügte sich der Chor ein. Das berühmte "Ave
verum"
wurde
hier mit romantischen Schwellern geboten.
Orgel-Positiv
leider zu leise
Klaus
Reiners fügte zwischen diese kirchlichen Werke vier
erfrischende
Kirchensonaten
ein, auch Epistelsonaten genannt, weil sie zwischen Lesung und
Evangelium
musiziert wurden. Die Kirchensonate KV 336 ist ein delikates
Orgelkonzert, die
Helmut Brand an dem Portativ brillant musizierte. Leider war dieses
Instrument
zu leise im Klang, so dass der Solopart dem Orchester
gegenüber
sich nicht
deutlich genug abhob, wie auch dann im Agnus Dei der Missa solemnis KV
337.
Diese
Messe ist nicht unbedingt für den großen Birnauer
Chor mit
seinem homogenen
weichen Klang geeignet. Für einen kleinen Chor mit wenigen
Knabenstimmen, die
von Mozarts Vater Leopold instruiert wurden, und einigen Chorherren,
ist diese
Messe im Orchesterpart fein ziseliert gearbeitet.
Hatte
Reiners das "Kyrie" noch delikat interpretiert, so gingen im
tempomäßig überzogenen Gloria die perlenden
Sechzehntel
der Violinen und die
hübschen Einwürfe der Holzbläser
völlig unter. Eine
Perle der Musik ist das
"Agnus Dei" für Solo-Oboe, Solo-Fagott, Solo-Orgel und
Solo-Sopran.
Feinsinnig ließ Klaus Reiners die Solisten musizieren und
führte danach das
fröhliche "Dona nobis" mit Schwung dem Ende zu. Das
Geläut
der
Kirchenglocken nahm die feierliche Stimmung auf und darauf folgte der
dankbare
Beifall der Zuhörer.
SÜDKURIER
08.05.2009
Die
Sopranistin ist ein echter Glücksgriff
Auch der neue Abt Anselm van
der Linde, der abends zuvor seinen offiziellen Amtsantritt gefeiert
hatte,
weilt unter den inspirierten Zuhörern in der total
ausverkauften
Basilika. Zum
saisonalen Auftakt widmet sich Klaus Reiners mit seiner Birnauer
Kantorei samt
Orchester und Solisten ausschließlich Werken von Wolfgang
Amadeus
Mozart. Zu
erleben gibt es vor dessen „Missa in C“ geistliche
Gesänge und
Kirchensonaten.
„Ein Bad in C-Dur mit Saitensprüngen nach
F“, bestätigt
Konzertmeister Roland
Baldini den Blick ins Programm.
Kirchensonaten nahmen im
Gottesdienst des 18. Jahrhunderts als
„Ouvertüren“ zu Messen eine
bedeutende
Rolle ein. In ihrem verspielten, doch in sich geschlossenen Ausdruck
verbinden
die einsätzigen instrumentalen Miniaturen ähnliche
Charakterzüge. Dazu passt
der schlanke Ton der Interpreten mit ausdifferenzierter Artikulation
bei
gleichzeitiger Homogenität des Gesamtklangs. Die sich
spürbar
freudvoll auf
gesanglich höchsten Touren bewegende Birnauer Kantorei, wie
auch
die vier Solisten
– Sabine Winter (Sopran), Ursula Maxhofer-Schiele (Alt),
Bernhard
Gärtner
(Tenor) und Hermann Locherer (Bass) – fügen sich
hervorragend ein.
Sabine
Winter, zum ersten Mal in der Birnau präsent, erweist sich als
Glücksgriff. Sie
sticht nicht nur durch ihren klaren Sopran hervor, sondern auch durch
ihre
Stimmpräsenz und ihre inhaltliche Interpretation, die sich
schon
dem
Opernausdruck nähert.
Spritzig, leicht und
fröhlich
musizieren Streicher und Bläser die eröffnende
Kirchensonate
in C. An die
Himmelskönigin gerichtet ist mit „Regina
Coeli“ das chorische und
instrumentale
Frohlocken. Gänsehaut erzeugt dabei, wenn das Solistenquartett
in
kurzen
Einwürfen mit dem Chor dialogisiert. Die etwas wuchtig
beginnende
Sonate KV 329
führen Orgel und Violinen mit silbrigem Sound zu filigraner
Transparenz. Eine
große emotionale wie poetische Dichte atmet das
„Sub tuum
praesidium“, ein
Offertorium für die Solostimmen Sopran und Alt, Orchester und
Orgel, dessen
Anfang eine Remineszenz an Michael Haydn's Duett „O
Amaryllis“ ist.
Mitten ins
Herz zielt das „Laudate Dominum“ (KV 339). Es ist
vokal und
instrumental in
reichem, konzertantem Stil gehalten, wobei die einzelnen Sätze
in
wirkungsvollen Kontrasten gegenüber gestellt sind. Das
Magnifikat
bildet den
klangprächtigen Rahmen, der eine Fülle chorischer und
arioser
Schönheit
einschließt. Wie hier die junge Sopranistin mit unendlich
langem
Atem in großer
farbiger Bandbreite ihren koloraturfähigen,
wunderschönen
Sopran in den
Raumklang schickt, ist grandios. Bemerkenswert ist dabei auch das aus
chorischer Verhaltenheit vorwärts drängende
Creszendieren.
Immer wieder bestechen das
lebendige musikalische Zusammenwirken sowie der akzentuierte Gesang des
Chors
und der Solisten. Die emotionale Dichte und extremste Dynamik geben
Chor,
Orchester und Orgel in ihrer unter die Haut gehend
übermittelten
schmerzvollen
Ode an den gekreuzigten Jesu. Sie führt zur extrem farbig und
in
lebendigem
Erzählcharakter gestalteten „Missa
Solemnis“. In warmen Farben
funkelt vor
vollem Glockengeläut die Bitte um Frieden. Fast greifbar ist
die
Stille im
inspirierten Nachspüren. Bestätigend berührt
der
Dirigent beim Verlassen des
Altarraums die Schulter seines Konzertmeisters.
Gabi
Rieger
SCHWÄBISCHE
ZEITUNG
05.05.2009
Auftaktkonzert
dreht sich um Mozarts Kirchenmusik
Was
würde wohl besser in den von der Maisonne
durchfluteten Kirchenraum der Basilika Birnau passen als Mozarts
weltlich-heitere Kirchenmusik? Traditionsgemäß hat
die
Birnauer Kantorei am
Sonntagnachmittag ihre Konzertreihe mit einem Mozartkonzert
eröffnet.
BIRNAU (voi) Wer sich trotz
B-31-Baustelle, Messe- und
Ausflugsverkehr bis zur Basilika durchgekämpft hatte, durfte
ein
ebenso inniges
wie froh stimmendes Konzert erleben. Kurze Kirchensonaten wechselten
mit Kompositionen
für Chor und unterschiedliche Solobesetzungen - und immer war
da
der Geist
Mozarts, der die Herzen öffnete und innerlich in den Jubel
einstimmen ließ.
Leicht
beschwingt führte das Orchester der Birnauer
Kantorei mit der Kirchensonate in C,
KV 278, ins Konzert ein, einer Engelsmusik
mit duftigen Streichern und gedämpften Bläsern, die
einen
fröhlichen Glauben
verkündet. Weitere Kirchensonaten - kurze
Instrumentalsätze
in Sonatenform,
komponiert als Musik zwischen Epistel und Evangelium der Sonntagsmesse
-
trennten die folgenden Chorwerke, ließen Streicher und
Bläser im Wechsel
musizieren, begleitet von Helmut Brand an der Orgel, der besonders in
der
Kirchensonate in C KV 336
mit filigranem Figurenspiel hervortrat.
Männer
sind in der Minderheit
Der
große Chor, der sich in sechs Stufen
übereinander im Altarraum aufgebaut hatte, zeigte unter seinem
künstlerischen
Leiter Klaus Reiners seine gewohnte Gesangskultur mit sehr
schönem
Piano und
bewusst eingesetzter Dynamik. Wie so viele Chöre der Region
sind
auch hier die
Männer deutlich in der Minderzahl, dennoch haben sie sich im
Wechsel mit den
Frauenstimmen tapfer behauptet.
Schwingend
und leicht erklang das jubelnde
"Regina coeli", das österliche Alleluja, das mit der
Gottesmutter
die
Freude über den Auferstandenen feiert. Das gut harmonierende
Solistenquartett
mit der Sopranistin Sabine Winter, der Altistin Ursula
Maxhofer-Schiele, dem
Tenor Bernhard Gärtner und dem Bassisten Hermann Locher
stimmte
ein in den
Jubel. Und das im Wechsel mit dem Chor, der zusammen mit den zirpenden
Geigen
immer intensiver sein Alleluja in die Kirche trug.
Chor
beeindruckt
Auch
im folgenden Offertorium "Sub tuum
praesidium" KV 198 stand die Gottesmutter im Mittelpunkt. In
schöner
Harmonie drückten hier die beiden Solistinnen inniges
Vertrauen
aus. Unter den
Solisten hatte Sabine Winter den größten Anteil am
Konzert:
Mit ihrer sehr
kultivierten, warmen Stimme erwies sich die junge Sopranistin aus dem
Kleinwalsertal als Glücksfall, im "Laudate Dominum" KV 339
ebenso
wie
im "Benedictus" KV 117 und in der abschließenden "Missa
solemnis
in C" KV 337, die
nach einem tief beeindruckenden "Ave Verum" des Chors wieder alle
Akteure in feierlichem Ernst zusammenführte.
SÜDKURIER
02.12.2008
"Jauchzet,
frohlocket!"
Ein besonderes
Werk, ein
besonderer Ort, ein besonderer Tag. Am ersten Advent hört man
eines von Johann
Sebastian Bachs beliebtesten Musikstücken besonders gern: das
„Weihnachtsoratorium“. Wenn die besinnliche Zeit
beginnt, die sich an
ihrem
Ende meist als wenig besinnlich erweist, stimmt es ein auf jene Wochen,
die dem
wichtigsten Fest der westlichen Welt vorausgehen. Es führt
immer
wieder in
staunenswerter Weise die Bach'sche Kompositionskunst vor Augen
– und es
wird
natürlich in einer Kirche wie dem Reichenauer Münster
von
einer besonderen Aura
umgeben. Am Ende, nach dem Verklingen der Kantaten I bis III beendet
das Läuten
der Mittelzeller Glocken einen stimmigen Konzertnachmittag, und aus der
ausverkauften Kirche drängt das Publikum, das in dieser
Vorweihnachtszeit
zumindest eineinhalb Stunden lang Besinnung erfahren hat.
Klaus
Reiners
leitet die Kantorei, die den beschwingten Tempi des Dirigenten willig
folgt.
Homogen im Chor, begleitet von souveränen Instrumentalisten
ergibt
sich so ein
Konzert, das weniger auf monumentale Klänge als auf feine
Gestaltung setzt. Der
Wechsel zwischen großen Chören und fast schon
intimen Soli
ist nicht vom
größtmöglichen Kontrast geprägt,
sondern fügt
sich zu einem harmonischen
Ganzen, zumal das Ensemble von vier professionellen Gesangssolisten
ergänzt
wird: dem strahlend hellen Tenor Jürgen Ochs, dem kraftvollen,
nur
in der Höhe
bisweilen mit Mühe agierenden Bass Markus Goritzki, der sehr
zuverlässigen,
klangschön gestaltenden Sopranistin Ruth Amsler und der
Altistin
Ibolya
Verebics, die zwar bedauerlicherweise nicht ganz bei Stimme zu sein
scheint,
die aber dennoch die großen Alt-Arien einfühlsam
präsentiert.
Ihnen
allen gelingt es,
dieses Kompendium von populären Chorälen, diffiziler
Polyphonie, von
eingängiger Melodik und virtuoser Verarbeitung
zusammenzuhalten,
die Spannung
zu halten, ohne angestrengt zu wirken – und gerade die
Amateure im Chor
machen
dabei eine sehr gute Figur. Denn auch wenn man sich bisweilen eine
dynamisch
noch lebhaftere Vorstellung wünschen würde, ruhig
auch mit
einem so energischen
Forte, wie man es in den Schluss-Chorälen erleben kann, auch
wenn
Bachs
Virtuosität spürbare Herausforderung für die
Sänger
ist, ist es doch
bemerkenswert, wie vital die barocke Vielstimmigkeit da aus dem
Altarraum klingt.
Einschließlich sehr angenehmer Details: So umgeht Reiners im
Choral „Wie soll
ich dich empfangen“ die oft zu hörenden Atempausen,
lässt
chorisch atmen und
gelangt so zu einer spannungsvolleren Gestaltung der Phrase. Und auch
die
Abschlüsse gestaltet das Ensemble äußerst
sorgfältig.
Viel
Freude auch beim Blick
in den Orchestergraben: Überstrahlt von einem hervorragenden
Trompeten-Trio
wird im nicht allzu groß besetzten Orchester konzentriert und
gefühlvoll
musiziert. Die Soli gelingen bravourös, im Tutti findet man
das
richtige
Verhältnis zu den Sängern. „Jauchzet,
frohlocket“, so beginnt
das Oratorium –
es sollte Motto für diesen Reichenauer Adventsnachmittag sein.
Bettina
Schröm
SÜRKURIER
01.10.2008
Marien-Passion von Golgatha zum
Paradies
Die Aufführung von
Dvoraks "Stabat
Mater" durch die Birnauer Kantorei in der Basilika Birnau wurde zum
mächtigen Klanggemälde von Leid und Hoffnung.
Über
siebzig Minuten dauert
es, ehe nach langsamen Tempi das erste Allegro-Zeitmaß in
grandiosem „Amen“ das
paradiesische Ziel dieser Gottesmutter-Passion erreicht. Dvoraks
„Stabat Mater“
ist ein Werk der ruhigen Bewegungen, mehr des schlagenden Pulses als
des
metronomischen Taktes, mehr der melodischen Klage als der szenischen
Vergegenwärtigung der Passionsgeschichte. Was diese Birnauer
Aufführung des 1877
entstandenen Opus 58 des großen Böhmen auszeichnete,
war der
weite Atem des
solistischen und chorischen Klangweges vom Leiden zur Paradies-Vision,
der
dynamisch emotionalisierte Ausdruck, der das Ergreifend-Schöne
aus
dem 19. den
Hörern
im 21. Jahrhundert überzeugend mit oratorischem Reichtum
mitteilte.
Klaus
Reiners verstand es
mit Chor und Orchester der Birnauer Kantorei, nicht nur mit klarem
Klang,
ordnendem Schlag und farbenstarken Tonbildern dem Werk Geschlossenheit
und
zugleich Spannung zu sichern, er gab auch den Sätzen packende
Kontraste des
Ausdrucks. „Stabat“ (es stand) ist das erste Wort
dieser
mittelalterlichen
Sequenz aus franziskanischer Frömmigkeit. Der erste Ton der
Hörner, Celli,
Holzbläser (ein Fis, pianissimo, über vier Oktaven
gespannt)
„stand“ mit
leidend innerer Bewegtheit im Basilika-Raume. Dann bewegte sich
über dissonante
Begegnungen eine Lamento-Melodie abwärts, schwang sich ins
Crescendo auf,
stürzte in einen schreienden Septakkord –
„mater dolorosa“
(schmerzensreiche
Mutter) wurde zum erschreckenden, zum Mitleiden zwingenden Moment. Ganz
am Ende
des Werkes ereignet sich ganz Ähnliches – auch
wieder ein
Tutti-Ziel, doch nun
in G-Dur. Es zeichnete Reiners werkdramaturgische Gestaltung aus, dass
nun der
erlösende Dur-Akkord eine neue dynamische Qualität
erreichte
und die „paradisi
gloria“ des Textes als musikreale Utopie verheißend
zu feiern
verstand.
Doch
bis zu dieser
Klang-Gloriole war ein gefühlsbeladener Weg.
Flüsternd nahte
sich der Chor,
fast liturgische Tenor-Deklamation, lyrische Verwandlung durch die
Soprane,
deutliche Zeichnung des fallenden Themas im Alt, weites Legato der
Bässe mit
bester chorischer Atmung. Jeder Teil hatte, nicht zuletzt dank
stimmlich
starker, tonpräziser Ausdruckssolisten, seinen
textverpflichteten
Charakter.
Schon im ersten Satz wurden die expressiven Profile kenntlich. Zuerst
intonierte der Tenor Bernhard Gärtner und verhieß
mit Forte,
dass er das
opernhafte Belcanto nicht unterdrücken oder gar verleugnen
wollte.
Das wurde im
6. Teil bis ins Dramatische geführt, doch ohne tenorale
Rampeneitelkeit. Dann
folgte mit feinzeichnendem Timbre die Altistin Ursula Maxhofer-Schiele,
deren
„Inflammatus“ später zu fast barocker
Arienkraft sich erhob.
Lyrisch setzte die
Sopranistin Ruth Liebscher ein, führte mit klaren
Tönen in
weit schwingende
Höhen empor, erreichte im Duett und im Amen-Jubilus herrlichen
Glanz der
Stimme. Der Bassist Michel Brodard fasste mit kräftiger Kontur
Melos und
Sprache zusammen, so im fast rezitativischen Ruf „Fac, ut
ardeat cor
meum“
(mache, dass mein Herz erbrennt), dem dann eine Arie von Verdischer
Herzenspoesie folgte.
Klage,
Trauermarsch in
düsteren Tönen, Opernmelos, Hoffnungsidylle (Satz 5),
Ruf,
Mitleidensdissonanzen und Dur-Erlösung mit nicht ganz
gesicherter
instrumentaler Paradies-Aussicht – Dvoraks Oratorium wurde
zum
mächtigen
Klanggemälde von Leid und Hoffnung, von Golgatha und Gloria.
Helmut Weidhase
Schwäbische
Zeitung
22.07.2008
Kantorei
überzeugt mit
Anmut
UHLDINGEN-MÜHLHOFEN (chv) Ihr zweites Konzert in der
Basilika in
der Reihe "Geistliche Musik Birnau 2008" hat die Birnauer Kantorei dem
Komponisten Joseph Haydn gewidmet. In der restlos ausverkauften
Barockkirche erklangen unter der Leitung von Klaus Reiners das
Orgelkonzert C-Dur Hob XVIII:1 und die Cäcilienmesse.
Die
heitere Stimmung, mit der die Violinen das Orgelkonzert in C-Dur
einleiten, zieht sich durch das ganze Werk. Anmutige Leichtigkeit
prägt das Spiel der Orgel, die mit filigranem Arabeskenwerk
mit
dem Orchester dialogisiert. Sanftes Wiegen schmeichelt den Sinnen,
unter dem Dirigat von Klaus Reiners ist das Zusammenspiel mit der Orgel
auch über die weite Distanz hinweg harmonisch. Lieblicher
Friede
und stille Heiterkeit liegen über dem Largo mit seinem
schlichten
Thema, bezaubernd duftig und tänzerisch setzt der dritte Satz,
das
Allegro molto, mit seinem Wechselspiel von Sechzehnteln und Triolen ein
und mündet in festlicher Freude.
Ein
schöner Auftakt zur großen "Missa Cellensis in
Honorem
Beatissimae Virginis Mariae" Hob XXII:5, später
"Cäcilienmesse" genannt. Mit dieser Messe hat Haydn ein
umfangreiches, komplexes Werk geschaffen, bei dem das breit angelegte
siebenteilige Gloria dominiert. Kunstvolle Schlichtheit bestimmt das
Kyrie, bei dem der Chor ganz ruhig einsetzt, bis er in transparenter
Vielstimmigkeit die Bitte immer eindringlicher vorbringt. Im Christe
eleison stellt sich der Tenor schlicht in den Dienst des Werks,
schön ist das Wandern der dritten Kyrie-Bitte durch die
Chorstimmen, der Wechsel von Männer- und Frauenchor, wobei die
Männer sich gegen die Überzahl der Frauenstimmen
durchaus
behaupten können.
Mächtige
Crescendi
Breit
angelegt ist das Gloria, im Wechsel von Arien der vier Solisten und
feierlichen Chor- und Orchestersätzen. Strahlend klingt das
Lob
Gottes mit mächtigen Crescendi, kontrastreichem Wechsel
zwischen
Piano und Forte im Chor und jubelnden Koloraturen. Solide, wenn auch
nicht außergewöhnliche Stimmen bringen die Solisten
mit: Die
Sopranistin Monika Meier-Schmid gefällt im strahlenden
"Quoniam du
solus sanctus", kultiviert singt Tenor Jürgen Ochs das "Domine
Deus filius unigenite", markant der Bassist Rainer Pachner das "Domine
Deus agnus Dei". Für die Altistin Anneka Ulmer ist kurzfristig
Ibolya Verebics eingesprungen, mit großem Atem singt sie das
"Suscipe deprecationem nostram", lässt aber Geschmeidigkeit
vermissen.
Eindrucksvoll
beschreibt Haydn musikalisch die Menschwerdung und Passion Christi im
Credo, einen festlichen Schluss setzt der Chor. Auf ein kurzes lyrisch
anhebendes Sanctus beschließen im Agnus Dei ein weit
ausgreifendes Basssolo und der Chor die Messe und die Glocken der
Basilika läuten.
SÜDKURIER
24.07.2008
Überirdisch
schöne Klänge
"Leider
ausverkauft.
Stehplätze noch
verfügbar", prangt in großen Lettern auf dem Schild
neben
dem Portal. Das herrliche, höchst inspirierende Haydn-Konzert
mit
Klaus Reiners und seiner Birnauer Kantorei samt Orchester und Solisten
ist bereits eine Stunde vor Beginn ausverkauft.
Mit ihren
fünf Fugen,
zwei Kyries und ihren
sehr konzertanten, ausgiebigen Sätzen mit vielen
instrumentalen
Teilen ist die selten zu hörende Cäcilien-Messe
(Hoboken
XVIII,1) nicht nur die größte aller Haydn-Messen,
sondern
auch die am schwierigsten zu singen und zu spielende. Für das
Orchester, insbesondere für die Geigen, ist sie mit ihren
vielen
schnellen Passagen mit Sechzehntel-Läufen technisch sehr
anspruchsvoll. "Wir machen das heute ganz original mit zwei
Naturtrompeten", erklärte Reiners kurz vor Konzertbeginn im
Gespräch mit dem SÜDKURIER. "Die zwei Fagotte sind
nur im
Benediktus eingesetzt, sonst müssen sie schweigen."
Auffällig
gewesen sei, dass der Chor schon zu Beginn der Einstudierung begeistert
war, und dass diese Begeisterung nie nachließ.
Über
ihren (ansteckenden)
Enthusiasmus hinaus
besticht dann die große Kantorei durch ihre Beweglichkeit,
Koloratursicherheit und ihre hieb- und stichfeste Intonation. Dabei
bleibt der Verlauf jeder einzelnen Stimme hörbar, und nichts
verliert sich im Ungefähr. Das besticht auch bei den Solisten.
Klar und schön ist der metallisch gefärbte, doch warm
timbrierte Tenor von Jürgen Ochs, der schon im Christe eleison
jeden Winkel der großen Akustik ausstrahlt. Die schlichte
Ehrlichkeit des überirdisch schönen Tenors kommt
besonders
zum Ausdruck beim sehr intimen "Et incarnatus".
In tiefste
Schwärze
taucht dabei der
schöne Bass von Rainer Pachner, der einzelnen Passagen eine
etwas
starke Dynamik gibt. Gefühlvoll lässt Ybola Vercebics
ihren
Altus strömen. Sehr schwierige, anspruchsvolle Koloraturen hat
Monika Meier-Schmid zu bewältigen, deren lupenreine
Sopranstimme
in der Höhe eine leichte Schärfe hat.
Weich wie Watte
klingt das
erste chorische Kyrie,
das mit dem Einsatz der Geigen eine explosiv brillierende, jubelnde
Konturiertheit bekommt. Grummelnd aus den Bässen entfaltet das
ausdrucksintensiv und dynamisch gestaltete zweite Kyrie seine
gehaltvolle Dichte. Fast flüsternd beginnt aus dem rechten
Chorflügel das Gratias. Viel Gestalterisches von Reiners
steckt im
dynamisch intensivierten, sehr dramatischen Qui tollis und wo die
Stimmen klingen, als kämen sie aus dem Hades.
Spritzig
transparenter, leicht
moussierender Klang
erfüllt das Gotteshaus mit dem Orchestervorspiel zu Haydns
C-Dur-Konzert für Orgel und Orchester. Es ist ein herrlich
lebendiges, agogisches Musizieren. Zu Herzen geht der silbrig kantable
Orgelton, mit der Helmut Brand das frische Spiel durchleuchtet. Dabei
beweist der Orgelvirtuose sowohl ein gutes Ohr für sich
selbst,
wie für seine Partner im Orchester. Mit zauberhaftem Liebreiz
allem Irdischen enthoben ist das Largo: gute Gefühle, in
innige
Töne gefasst. Munter und zierlich dann der letzte Satz,
Allegro
molto. Es federt und schwingt dynamisch in unendliche Weiten und
schwindelnde Höhen. Die vielen Putten in der Birnau
würden,
wenn sie könnten, Reigen fliegen, tanzen, Purzelbäume
schlagen.
Gabi Rieger
25.06.2008
Beseelte
Stimmen
begeistern
Das
überaus
harmonisch zusammenwirkende Vokalensemble Capella Cantorum Freiburg hat
so schön, so frisch, so transparent, so sicher und mit so viel
Inspiration und Intensität gesungen, dass man den Eindruck
hatte,
es wären die himmlischen Heerscharen selber, die mit "Musik
der
Engel" die große Akustik in der ausverkauften Birnau
erfüllten.
Obwohl die
lupenrein
intonierten Stimmen unter dem einfühlend präzisen
Dirigat von
Wilm Geismann scheinbar mühelos Großartiges
vollbracht
haben, schienen sie am Ende so erfrischt wie die berührten
Zuhörer. Denn zu deren Überraschung gab es nach
abschließendem Glockengeläut Open Air vor der
traumhaften
See-Kulisse als "weltliche Zugabe" noch bezaubernd gesungene
Madrigale.Die
vokalen Beiträge
des stimmschönen Vokalensembles führen vom
Prozessionsgesang
"Angelus ad Virginem" eines Anonymus aus dem 14. Jahrhundert
über
eine Marienmotette von Hieronymus Bildstein sowie Werken von Franz
Philipp, Rheinberger und Poulenc bis zu zeitgenössischer
Engelsmusik des Briten John Tavener.
"Der Glanz der
Engel strahlt
noch immer auf die Menschen", erinnert Meinrad Walter, der das
musikalische Erleben mit literarischen und moderierenden Texten
begleitet, die einen Bezug zum Raum und zu der Musik darstellen. Walter
lenkt den Fokus zu den Feuchtmayr-Engeln, die über der Orgel
ein
Engelkonzert geben, und auch der Honigschlecker-Engel bleibt nicht
unerwähnt. Als "Königin der Engel" wird die Mutter
Maria
bezeichnet, der mit Hieronymus Bildsteins "Maria Frau, hilf dass ich
schau!" eine zum Freudentränen weinen schön gesungene
Marienmotette gewidmet ist.
Die frischen,
beseelten
Stimmen in ausgewogener Besetzung schwingen mit Palestrina transparent
wie vielfarbiges Glockengeläut, und wie vom Himmel herunter
lässt der Meersburger Orgelvirtuose Gerhard Breinlinger mit
Johann
Sebastian Bachs Präludium und Fuge G-Dur BWV 541 die Engel
flattern. So klar, erfrischend und unprätentiös
ehrlich ist
Breinlingers Orgelspiel, dass es ein seeliges Lächeln auf die
Gesichtszüge der Zuhörer zaubert. Auf erregtem
Orgelgetriller
bewegt sich der dynamische Wechselgesang bei den "Angels" von John
Travener, und die hellen lichten Melodien, die Breinlinger beim
Engelsgeflüster von Essl zart und verträumt aus
Himmels- und
Flötenregistern "tupft", sind geneigt, sämtliche
Putten in
der Birnau mit Leben zu füllen.
Gabi
Rieger
08.05.2008
Prachtvolles
Erlebnis
Total
ausverkauft war das
von der Landesstiftung Baden-Württemberg gesponserte
Mozart-Konzert mit der von
Claus Reiners geleiteten Birnauer Kantorei. Den etwa 800
Konzertbesucher, die
das Gotteshaus gerade eben noch so fassen konnte, bescherten die
bestens
disponierten Sänger und Instrumentalisten ein
gleichermaßen
beflügelndes wie
prachtvolles musikalisches Erleben.
Schöner, klarer und
beseelter als die erste Sopranistin Barbara Locher kann auch Konstanze
nicht
gesungen haben, für die Mozart die Solopartien seiner
unvollendet
gebliebenen
c-Moll-Messe (KV 427) schrieb. Das fragmentarische Werk, das nicht nur
zu den
schönsten, sondern auch zu den geheimnisvollsten Messen
Mozarts
zählt, verdankt
seine Entstehung einem persönlichen Anlass: Mozart hatte
gelobt,
eine Messe zu
komponieren, wenn es ihm gelänge, seine geliebte Konstanze
gegen
die massiven
Widerstände ihrer Eltern zu heiraten. Die Messe für
Singstimmen, Streicher,
Oboen, Hörner, Fagotte, Trompete, Posaunen, Pauke und Orgel
ist
nicht nur in
der äußeren Anlage, sondern auch in der
Souveränität des chorisch und
symphonisch durchgebildeten Stils die bedeutendste der Mozartschen
Messvertonungen.
Wie
aus dem Nichts baute
sich in leisem Creszendieren das chorische "Kyrie eleison" auf, aus
dem mit langem Atem in großer farblicher Bandbreite Barbara
Locher ihre
wunderschöne Sopranstimme in den Himmel schickte. Sie sang mit
unaufdringlich
sanftem Funkeln, klar wie ein erwachender Morgen. Jede einzelne Sequenz
war
wunderschön authentisch und berührend zugleich
gestaltet. Die
stetig
aufmerksame Verbindung aller Ausführenden zum
einfühlsam-umsichtigen Dirigat
Reiners hatte wieder einmal gute Früchte getragen. Irreal, wie
aus
einer
Geisterwelt, brach das chorische "Gratias" über die
Hörer
herein, und
Gänsehaut-Feeling erzeugte das Sopran-Couplet (2. Sopran:
Ibolya
Verebics) vor
dem Hintergrund furioser Geigen im "Domine".
Spritziges, von goldenem
Blech "durchtupftes" Streicherspiel hatte zu Beginn das agogische
Musizieren der Sinfonia Concertante in Es-Dur für Oboe,
Klarinette, Horn,
Fagott und Orchester eingeleitet. Die unterhaltsame Spielmusik von
erlesenem
Wohlklang gab den vier virtuosen Bläsern immer wieder
Gelegenheit
zu schönen
Soli oder konzertantem Wechselspiel. Besonders im sanglichen Adagio
verzauberte
jeder mit wunderschön ausgewogenen, kantablen Tönen,
und wie
aus einem Guss
klang, wenn sie in ihrer frischen Lieblichkeit zusammen spielten. Der
dritte
Satz, wieder spritzig und reich an mehrdimensionalen Klangfacetten,
erinnerte passagenweise
an ein munter sprudelndes Quellflüßlein, an dessen
Ufern
Elfen Reigen tanzen.
Gabi Rieger
22.04.2008
Kantorei
singt Mozart:
Klassischer Wohlklang und barocke Strenge
WANGEN (jr) -
Zwei Mal
Mozart mit zwei Wangenern an herausragender
Position: das
hat es beim
Konzert der Birnauer Kantorei am Samstag Abend
zu
hören gegeben.
Klaus Reiners leitete Chor und Orchester der Kantorei
und Martin
Spangenberg
glänzte als Solist mit der Bassett-Klarinette.
Mozarts
Klarinettenkonzert in A-Dur ist - obwohl im Todesjahr entstanden -
an heiterer
Gelassenheit
kaum zu überbieten. Der Solopart ist dem
Instrument auf
den Leib
geschrieben und Martin Spangenberg blies ihn mit
beiläufiger,
unaufdringlicher Virtuosität, die die technische Raffinesse
der Partie
Lügen
strafte. Der zweite Satz gelang mit einem eindrucksvoll
in sich
ruhenden
Ebenmaß, bei dem sich ein sanft schimmernder, schlanker
Klarinettenklang
über der herrlichen Instrumentierung entfaltete.
In den
schnellen
Ecksätzen schob sich der Solist niemals in den
Vordergrund,
sondern
ließ sich auf den musikalischen Wettstreit mit dem
gelöst
aufspielenden
Orchester ein. Der transparente, leichtfüßige
Orchestersatz
wurde von
geistreich moussierenden Solopassagen umhüllt, die
pfeilschnell
dahinflitzten und dennoch stets dem Ohr schmeichelten.
Emotional
aufgeladen
Die nur in
Teilen
überlieferte Messe in C-Moll ist kein "mozärtlicher"
Ohrenschmeichler.
Der
engmaschig gestrickte Chorsatz, vom Orchester noch
mehr
verdichtet,
harmonisch oft hochbrisant und emotional aufgeladen,
weist von der
musikalischen Anlage Parallelen mit dem Requiem auf und in
den
groß angelegten
Fugen, der Führung der Solostimmen und Teilen des
Orchestersatzes
schimmert
barocke Strenge und Ernst durch.
Die Solisten
(Barbara Locher und Ibolya Verebics, Sopran, Bertrand Bochud,
Tenor und
Christian
Feichtmair, Bass) lockerten diese wuchtigen Chor- und
Orchesterpassagen
klanglich auf. Der strenge Charakter und dramatische
Grundton zog
sich aber
auch durch die Soloteile. Im breit aufgefächerten
Chorklang
trieb das
Orchester die Entwicklung stets voran und immer wieder
tauchten in
allen
Sätzen markante Punktierungen als bedeutungsschweres
Moment auf.
Auch die
Solopartien boten wenig "singende" Klassik, waren
fast
instrumental
angelegt und die Orchesterbegleitung dazu mit einer
Prägnanz
und Dichte,
die an Bach gemahnte.
Mit fast
militärischer Knappheit durchkomponiert, wirkte das Werk trotz
seines Umfangs
daher
gedrängt und kompakt. Klaus Reiners hat dieses
drängende
Moment im
Zusammenspiel von Chor, Orchester und Solisten, in den Tempi aber auch der
klanglichen Gewichtung der Elemente kompromisslos herausgearbeitet und so
die Spannbreite von Mozarts musikalischem Schaffen deutlich ins Bewusstsein
gerufen.
04.10.2007
Gesang und Musik gehen unter
die Haut
Mit
Schuberts As-Dur-Messe,
seiner Symphonie Nr. 7 und dem "Te Deum" von Georges Bizet lieferten
die harmonisch zusammenwirkenden Sänger und Musiker der
Birnauer
Kantorei samt Orchester und stimmschönen Solisten
überzeugende Interpretationen. Als saisonales Abschlusskonzert
wird die Inspiration dieses unter die Haut gehenden musikalischen
Erlebens in der voll besetzten Basilika Birnau noch nicht vergessen
sein, wenn es am selben Ort im nächsten Mai mit Mozarts
c-Moll-Messe wieder weiter geht.
Klaus Reiners,
der mit
einfühlender Präzision durch die Werke
führt, legt den
Charakter der Schubert-Messe schon zu Beginn des "Kyrie" fest. Das
für vier Singstimmen, Orchester und Orgel komponierte Werk ist
zugleich romantisch und wahrhaft liturgisch. Eingegeben von Fantasie
und Gefühl musizieren zwei Klarinetten und ein Fagott den
energiegeladenen Hauptgedanken wie eine lichte Vision. In dynamischer,
innig beseelter Transparenz schwebt breit strömend das
chorische
"Kyrie eleison" durch die große Akustik. Zweimal schieben die
Solostimmen das "Christe eleison" dazwischen, so dass sich eine
fünfteilige Form ergibt. Mit den Solisten Monika Meyer-Schmidt
(Sopran), Ursula Maxhofer-Schiele (Alt), Berthold Schmidt (Tenor) und
Markus Goritzki (Bass) hat Reiners unprätentiöse,
schlackenlose Stimmen versammelt, die für eine saubere
Gesangskultur stehen. Durch Beweglichkeit und sichere Intonation
bestechen auch der Chor und das Orchester. Der Verlauf jeder Stimme
bleibt hörbar. Nichts verliert sich im Ungefähr.
Herrlich
frisch erstrahlt in schnellem Tempo das "Gloria". Von bezaubernder
Anmut ist das "Gratias agimus" und kraftvoll akzentuiert das "Domine
Deus".
Grummelnd, wie
der Beginn
eines Gewitters, baut sich nach der leichtfüssig und schnell
übermittelten Botschaft "Du allein, Herr, bist der
Höchste"
das chorische, von Paukenschlägen getriebene "Amen" auf. Unter
die
Haut geht das in dumpfer Farblosikeit a capella beginnende Credo, und
schier bodenlose Tiefe atmet das extrem berührende "Agnus
Dei",
bei dem der fantastische Solotenor auch eine sehr hohe Kopfstimme
einsetzt.
In der mit
Inspiration
musizierten "Unvollendeten" fasziniert immer wieder ein mehr getupftes
als gezupftes Streicher-Pizzikato. Schon der berühmte,
rauschende
Beginn in den Celli und Bässen kündigt Schattenseiten
im
Reich des innigen Melodikers Schubert an. Auch dem lyrischen
Hauptthema, das sich im zarten Pianissimo von Oboe und Klarinette
hervorwagt, wird durch einen nervös-bewegten Begleitteppich in
den
Streichern Unruhe eingepflanzt. Von zerbrechlicher, beinahe
überirdischer Schönheit geprägt ist der
schwebende Fluss
der Melodik im zweiten Satz, der einen großen Kontrast zum
nachfolgend prunkvollen "Te Deum" von Georges Bizet bildet. Gleich zu
Beginn brennen da Chor und Orchester zum Lobpreis Gottes ein Feuerwerk
ab. In heroischer Strahlkraft ruft der Chor die Engel, und bevor die
Hörner einen Galopp von Pferden mit wehenden Mähnen
imaginieren, rührt eine Posaune zu Herzen. Ein wenig schnulzig
klingt die sehr gefühlvolle Sopran-Arie. Frische atmet dann
wieder
das bewegte Miteinander von Chor und Orchester im mit Prunk und Pomp
gestalteten Loben und Preisen, das vor zu Besinnung rufendem
Glockengeläut mit kräftigen Paukenschlägen
in einen
gewaltigen Jubel gipfelt.
Gabi Rieger
27.07.2007
Fröhlichkeit
schwingt zum Himmel
Total
ausverkauft
wie immer, wenn die Birnauer
Kantorei in "ihrer" Basilika geschlossene Messen eines Komponisten
zur Aufführung bringt, war auch das jüngste
geistliche
Konzert in
Unteruhldingen. Im Zentrum stand nach beflügelnden
Schubert-Interpretationen
die Festmesse in F-Dur von Laszlo Vas, der das 2006
uraufgeführte
Werk für
Sopran, Tenor, Chor und Orchester zum 40. Geburtstag der Birnauer
Kantorei
komponierte. Der 1942 geborene Ungar, studierter Komponist und
Kontrabassist,
wirkte während des gesamten Konzertes als einer von zwei
Kontrabassisten mit.
"Das war eine Sternstunde. Die Birnau
erbebte
beim Kyrie und zerschmolz beim Ave Maria", resümierte eine
Zuhörerin die
sehr gefühlvolle Festmesse. Sie sei "immer wieder ganz
ergriffen
von den
Konzerten der Birnauer Kantorei - das ist so ein großartiger
Chor",
schwärmte die eigens für dieses Konzert aus
Donaueschingen
angereiste Dame.
Dass sich die Sänger mit dem verbinden, was sie singen, war
deutlich zu spüren,
wie auch das gute Einvernehmen aller Ausführenden zu ihrem
künstlerischen
Leiter Klaus Reiners, der wie immer präzis,
einfühlend und
mit Inspiration
dirigierte. Es gehört zu den Stärken Reiners, dass er
seine
Musiker in
Klangbalance so zu führen vermag, dass man die musikalische
Botschaft mit allen
Höhen und Tiefen miterlebt.
Es geht bereits zu Herzen, als im
eröffnenden
Schubert'schen Offertorium Ruth Liebscher ihren kräftigen
Solosopran strömen
lässt. "Die Hölle wird mich nicht fernhalten von der
Liebe
Christi", ist
ihre in dynamischen Schattierungen übermittelte Botschaft.
Wunderschön passt
der metallisch gefärbte Tenor von Bernhard Gärtner,
der im
"Salve
Regina" Maria als Königin und Mutter der Barmherzigkeit
grüßt. Einen
bunten Strauß schwärmerischer Melodien in
sinfonischem, von
den Streichern wie
mit Silberfäden durchwirktem Gewand, serviert das Orchester
mit
Schuberts
schlichter Sinfonie Nr.5 in B-Dur.
Ihr folgen die Kompositionen von Laszlo Vas.
Zuerst
das rein orchestrale "Crisantemi II" aus der Gedenkmesse in Memoriam
Bernhard Schmidt, eines großzügigen
Förderers der
Kantorei. Für die Werke des
ungarischen Zeitgenossen vergrößert sich das
Orchester um
Harfe, Querflöte,
Fagott, Oboe und Pauke. An Libellen, die frühmorgens
über
einen stillen See
tanzen, erinnert das sich zum Sakralen entfaltende Vorspiel im leisen
Pizzikato-Puls der Kontrabässe. Der romantisch
verklärten
Spiritualität folgt
die Festmesse, bei der die Kantorei erstmals in Erscheinung tritt.
Immer in der
Balance zwischen schwelgerischer, enorm gefühlvoller Poesie
und
farbgewaltig
explodierenden Klangwelten, beginnt sie mit sinfonischer, fast
heroischer Wucht
in leuchtender Strahlkraft. Fast herausgeschrieen ist das letzte,
schneidend
scharfe "Christe eleison" der Solosopranistin. Extrem viel los an
wechselnden Klangfarben und Rhythmen ist im von der Harfe mit goldenem
"Palüm" durchwirkten ersten Gloria. Gänsehaut erzeugt
das
schmachtende "Ave Maria". "Gershwin mit heiligen Worten",
flüstert jemand nach dem orchestralen "Lachrymae".
Kuschelweiche
Melodien
vereinen sich im Sanktus, und schmerzliche Süße
atmet die
lastende Melancholie
im "Agnus Dei". Töne, so zerbrechlich rund und schillernd wie
Seifenblasen, gibt die erste Geige ins vielfarbige "Gloria II",
dessen Fröhlichkeit mit dem einsetzenden
Glockengeläut zum
Himmel schwingt.
Gabi
Rieger
29.06.2007
Herausforderung
gut gemeistert
Was
die Besucher des ausverkauften Konzertes mit der a cappella singenden
Birnauer Kantorei und der "Opera Concertante" im Anschluss an das
zweistündige Programm vor dem Portal der Basilika
draußen
erwartete, war stimmungsvoll prickelnd.
Vor
der idyllischen Bodensee-Kulisse hatten sich die jeweils zwei Oboisten,
Klarinettisten, Hornisten, Fagottisten und der Kontrabassist der "Opera
Concertante" installiert, um mit Harmoniemusik aus Mozarts
"Zauberflöte" zu überraschen. "Heute sind sie zum
ersten Mal
zu uns aus München gekommen", hatte Dirigent Klaus Reiners
kurz
vor Konzertbeginn gegenüber dem SÜDKURIER
erwähnt.
Interessant
sei auch die Literatur der sich aus acht Bläsern des
Bayerischen
Staatstheaters gegründeten "Opera Concertante". Die (etwas
monotonen), meist von der ersten Oboe melodisch bestimmten Jagdszenen
von Franz Krommer und Theodor von Schacht, mit denen sie die a capella
gesungenen geistlichen Chorwerke von neun Komponisten durchflochten,
entstammen dem Hause Thurn und Taxis. Der zweite Hornist (Kunzendorf)
hatte die Noten dort entdeckt und für sein Ensemble bearbeitet.
Für
den Chor war es die Herausforderung des Jahres, weil er sein
umfangreiches Programm von der Romantik bis zur Moderne a capella zu
singen hatte.
Wie
immer präsentierte sich die Kantorei im bis zu achtstimmigen
agogischen Miteinander als homogenes Ensemble. Dass die Sopranstimmen,
die im piano so zauberhaft leuchtend und klar sangen, an den
Forte-Stellen ein wenig übersteigerten, tangierte den
positiven
Gesamteindruck kaum. Besonders beim eröffnenden Bruckner
("Locus
iste" und "Ave Maria") und bei Mendelssohn ("Richte mich, Gott", "Denn
er hat seinen Engeln befohlen", und "Warum toben die Heiden?") bestach
der Chor durch seine Beweglichkeit, Koloratursicherheit und gute
Intonation.
Der
Verlauf jeder einzelnen Stimme blieb auch hörbar in Avo
Pärts
sechsstimmigem Magnificat in der vom Komponisten selbst "Tintinnabuli"
genannten Handschrift, das sich aus dem mittellateinischen Wort
"Glockenspiel" herleitet. In den letzten Ton von Rheinbergers
abschließendem "Abendlied" mischte sich volles
Glockengeläut.
Gabi
Rieger
09.05.2007
"So schön habe ich mir
das nicht vorgestellt"
Zwei
Messen von Mozart und
dessen A-Dur-Klarinettenkonzert bilden das Programm, mit dem die
Birnauer
Kantorei unter Mitwirkung brillanter Solisten ihren saisonalen Auftakt
in der
ausverkauften Basilika Birnau feiert. "So dermaßen
schön
habe ich mir dieses
Konzert nicht vorgestellt", resümiert am Ende ein Tourist aus
Franken, der
das Glück hatte, in letzter Minute noch eine
zurückgegebene
Eintrittskarte
ergattert zu haben. Wie immer bewegt sich Dirigent Klaus Reiners mit
seinen
bestens disponierten Sängern und Instrumentalisten in perfekt
austarierter
Klangbalance auf musikalisch höchsten Touren. In inspirative
Hochstimmung
versetzt schon das transparent-spritzige Orchestervorspiel zum Kyrie
der
eröffnenden Litanei "De venerabili Altaris Sacramento B-Dur"
(KV
243), ein aus Arien und Chorsätzen zusammengeschlossenes Werk
voll
starker
Ausdrucksgegensätze. Scheinbar mühelos lässt
Bertrand
Bochud seine leicht
metallisch gefärbte Tenorstimme in die große
Akkustik
strömen, als er mit
rezitativem Erzählcharakter über agogisch spritzigem
Instrumentalgesang
"panis vivus" um Erbarmen bittet. Bochud zählt zum Kreis der
stimmschönen Solisten Hermann Bocher (Bass), Ibolya Verebebics
(Alt) und
Barbara Locher, die sich mit ihrem lupenreinen Sopran in
großer
stimmlicher
Bandbreite beseelt unter die Haut ihrer Hörer singt.
Gänsehaut, die sich nach
innen stülpt, erzeugt die chorisch übermittelte
Dramatik im
Fordern von
göttlichem Erbarmen. Bis zum Erschüttern gesteigert
ist das
posaunengetragene
Adagio "Tremendum ac vivificum sacramentum", polyphon
überhöht von
der Chorfuge "Pignus futurae gloriae".
Eine
Kostbarkeit ist das von Mozart in seinem Todesjahr 1791
geschriebene Klarinettenkonzert A-Dur (KV 622), das an
Schönheit
alle Konzerte
der gleichen Gattung bei weitem überragt. Mozart hat es
ursprünglich für
Bassklarinette entworfen, und so durften es die Zuhörer auch
mit
dem jungen
Bassett-Klarinettenvirtuosen erleben. "Er ist Musiker bis in die letzte
Faser und er strotzt vor Energie", hatte im Vorfeld eine Cellistin aus
dem
Orchester verraten. Spangenberg, der im Spiel mit seinem Instrument
eine
charismatische Einheit bildet, scheint die Luft für seine in
allen
dynamischen
Abstufungen nuancenreichen und in allen Lagen warmen, geschmeidigen
Töne irgendwo
aus der Gegend seiner Fußspitzen zu holen. Das
glückselige
Lächeln, das er in
seiner hoch musikalischen Interpretation auf die Gesichtszüge
der
etwa 400
Konzertbesucher zaubert, spiegelt sich in den Gesichtern der vierreihig
hinter
dem Orchester postierten Chorsänger wider. Losgelöst
von
allem Irdischen
entsteigt wie die Morgenröte das ausdrucksvoll melodische
Adagio
in die
Atmosphäre, umschmeichelt vom silbrigen Klanggespinst der
Violinen. Wären die
vielen Putten im prachtvoll ausgestalteten Kirchenraum lebendig
gewesen, wären
sie im munteren Rondo Allegro sicher tanzend über die
Köpfe
der Zuhörer
geflogen. Danach nicht loszuklatschen, fiel schwer - in der Birnau darf
nicht
applaudiert werden. "Das war unglaublich, der hat ja richtig
erzählt mit
seiner Bassett-Klarinette", hört man im Publikum raunen,
während das
Orchester seine Instrumente für die C-Dur-Messe (KV 262)
stimmt.
Von glänzender
Wirkung sind hier die fungierten Schlußsätze von
Gloria und
Credo. Religiös
erschütternd ist vor dem Glockengeläut das "Qui
tollis
peccata
mundi".
Gabi
Rieger
12.04.2007
"Ansprechend
- ein echter Schatz für uns"
von Gabi Rieger
Glocken
und Orgel der
Basilika Birnau - Klaus Reiners improvisiert an der
Mönch-Orgel
der
Wallfahrtskirche" titelt die brandneue CD, die im Fokus der
Zusammenkunft
im Refektorium (Speisesaal) der Zisterzienser steht. Die fünf
kraft ihrer
Ämter
würdigen Herren geben sich sympathisch, aufgeschlossen und
ausgesprochen
fröhlich.
"Ich
bin stolz auf das
Ergebnis", strahlt der Produzent Mathias Brunner-Schwer aus
Villingen-Schwenningen, der auch die CDs der Meersburger Knabenmusik
produziert. "Die CD ist sehr ansprechend. Ein echter Schatz
für
uns und
geichzeitig ein schönes Ostergeschenk", freut sich Pater Prior
Johannes
Brügger, einen ersten kleinen Stapel zum Vertrieb für
den
Klosterladen der
Basilika vor sich.
Weil
tagsüber Hochbetrieb
herrscht in der Birnau, hat Klaus Reiners, Orgelvirtuose und
künstlerischer
Leiter der Birnauer Kantorei, die im vergangenen Jahr
anlässlich
ihres
40-jährigen Bestehens den Kulturpreis des Bodensee-Kreises
überreicht bekam
(wir berichteten), die CD in zwei Nächten eingespielt. Eine
eigenartige
Stimmung sei das gewesen, nachts allein bei spärlicher
Beleuchtung
an der Orgel
zu spielen, erzählt Reiners, der in seiner freien
Orgelimprovisation genau
diese Stimmung einfing.
Beim Anhören der
gelungenen, wie ein in sich geschlossenes Werk mit verschiedenen
Sätzen aufgebauten CD-Einspielung bezaubert zum einen die
meditative Stimmung,
zum
anderen reizt die Spannung von einen zum nächsten
Stück.
Vorher festgelegt hat
Reiners bei seinen von Glockengeläut durchflochtenen
Orgelimprovisationen zwei
Themen von Kirchenliedern, jeweils für eine Fuge und
für eine
Toccata.
"Nun danket Gott und bringet Ehr'" bildet die Grundlage für
die
Fuge,
und "Nun lobet Gott im hohen Thron" bildet die thematische Grundlage
zur Toccata.
"Im Largo habe ich über ein Thema improvisiert, das ich schon
lange im Kopf hatte", erzählt Reiners. Zur Kontemplation
lädt
zwischen dem
Orgelspiel das Geläut von einzelnen der insgesamt
fünf
Birnauer Glocken, die im
Zusammenklang am Anfang und am Ende der CD ihre volle Wirkung auf den
Hörer
entfalten.
Dass
die Birnau eine
Gründung des ehemaligen Klosters Salem ist, ruft Pfarrer Peter
Nicola ins
Gedächtnis, der als katholischer Pfarrer in der
Seelsorgeeinheit
Salem wirkt.
Aus der Tatsache heraus, dass sein großes Hobby
Kirchenglocken
sind, schließt
sich der Kreis als glückliche Fügung. Intensiv hat
sich
Pfarrer Nicola mit der
Geschichte der Birnauer Glocken und dem auf der CD-Einspielung zu
erlebenden
Geläut befasst. Im Resultat hat Pfarrer Nicola im Booklet der
neuen CD eine
hoch interessante, bis dato noch nicht bekannte Klanganalyse verfasst.
Mit
von der Partie bei der CD-Vorstellung im
Refektorium der Zisterzienser ist auch der Überlinger
Orgelbaumeister Hans
Mönch, der für die gute Stimmung der bespielten
Mönch-Orgel verantwortlich
zeichnet. Die rein mechanische Basilika-Orgel, deren 39 Register in
verschiedenen Registriermischungen aller Klangfarben Reiners durch
seine
Improvisationen eindrucksvoll vorstellt, wurde um 1992 von der
alteingesessenen
Überlinger Orgelbaufirma Gebrüder Mönch als
historischer
Nachbau im Barock-Stil
der Birnau (ohne Schwellwerk) erbaut. Die Orgel verfügt
über
2644 klingende
Pfeifen aus Holz und Zinn. "Über ihrem Hauptwerk in der Mitte
befindet sich
als zweites Manual das Oberwerk, und als drittes Manual das Echo"
erklärt
der Orgelbaumeister auf Nachfrage. Das Pedalwerk mit den tiefen
Tönen sei in
der Nische hinter der Hauptorgel untergebracht.
04.10.2006
Ergriffene
Stille in voller Basilika
Mit geistlichen Werken von
Mendelssohn
beschenkten die wie immer
fantastisch
zusammenwirkenden Sänger und Instrumentalisten der Birnauer
Kantorei ihre
zutiefst berührten Hörer in der ausverkauften
Basilika.
"Das
geht
unheimlich in die Seele. Über dieses Werk kann man sich nur
freuen, weil es ein
so schönes Erlebnis ist", versucht ein Konzertbesucher seine
Ergriffenheit
nach Mendelssohns symphonischem Lobgesang mit der Birnauer Kantorei in
Worte zu
fassen. Wie fast immer, wenn Klaus Reiners und sein fantastischer Chor-
und
Orchesterapparat konzertieren, ist die Basilika total ausverkauft.
Über 400
Menschen sind es, die intensiv berührt sind von der
überzeugend übermittelten
Botschaft und im Herzen die zentrale Aussage mit einstimmen: "Alles,
was
Odem hat, lobe den Herrn!"
Wie
immer
ist es Klaus Reiners vortrefflich gelungen, alle Akteure zur
Höchstform
anzuspornen und zu einer brillanten Einheit und beglückender
Harmonie zu
vereinen. Glücklich besetzt waren auch die solistischen
Passagen.
Wunderschön
sang die Sopranistin Barbara Locher, die kraftvoll ihre warm timbrierte
helle
Stimme aus der Fülle ihres Herzens strömen liess.
Unter die
Haut sang sich mit
ihrem ausgewogen runden Mezzo ihre Schülerin Johanna
Kühnis.
Geheimnisvoll
gestaltete der Tenor Berthold Schmid seine dramatischen Passagen, und
überzeugt
haben auch die die Solisten, die sich mit dem Tenor Lothar
Rilling-Riehmann und
den Bässen Claus Fischer und Heinrich Morgenstern aus der
Kantorei
heraushoben.
Mendelssohns
"Lobgesang op.52" hat die Form einer symphonischen Kantate. In den
ersten drei Sätzen jubeln allein die Instrumente. Im vierten
Satz
stimmt der
Chor mit ein: "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn". Im zweiten und
dritten Satz nimmt Reiners die Tempi betont langsam, wodurch sich die
Musik
dynamisch besonders gut gestalten läßt.
Erwähnt sei die
Betonung und und sehr
differenziert gestalteten Creszendi innerhalb eines Tons.
Die
Zuversicht in Gott ist die zentrale Botschaft in Mendelssohns
Psalmkantate
op.42, die den ersten Teil des geistlichen Konzertes bildete. Hier
prägen sich
dem Hörer die bezwingende formale Disposition des ersten
Chorsatzes, die
bezaubernden Klangwirkungen der Sopran-Arie mit Solo-Oboe und des
Quintetts Nr.
VI, sowie die großartige Schlußsteigerung der Fuge
"Preis
sei dem
Herrn" ein, deren Thema aus dem markanten "Harre-auf-Gott"-
Motiv des vierten und siebten Satzes entwickelt ist.
Eindrucksvoll,
wie geheimnisvoll aus schierem Nichts am Anfang die Instrumente
spielen.
"Wie ein Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele zu
dir", haucht der Chor wie aus dichten Nebeln die Sehnsucht in das
Gotteshaus. Fast unmerklich beginnen die Stimmen mehr und mehr Gestalt
anzunehmen.
Von irgendwoher ist der helle Klang eines Horns zu hören.
Streichelsanft
intoniert ist die Kunde der hellen Frauenstimmen "so schreit meine
Seele
zu dir", die sich nacheinander durch die anderen Stimmlagen weiter
trägt.
Kein noch so kleines Nebengeräusch stört die
ergriffene
Stille in der
menschenüberfüllten Basilika. Da gibt es nur noch
diese
wunderschöne,
ausdrucksintensiv gestaltete Musik nach dem poetischen Bild des
gehetzten
Hirschen, der nach frischem Wasser schreit, wie die menschliche Seele
nach
Gott. Keiner wagt zu atmen, als die Solosopranistin in Korrespondenz
mit dem
Raumklang die große Akkustik mit ihrer lupenreinen Stimme
füllt. ("Meine
Tränen sind meine Speise"). Unter die Haut geht das vom
Quintett
übermittelte Zagen, das in der machtvollen Schlussfuge mit
"harre
auf
Gott" die tröstende Antwort erhält.
Gabi Rieger
Juli 2006
Geschenk
zum runden Jubiläum
40
Jahre Birnauer
Kantorei - dies ist eine
Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. "Sie ist ein
Vorzeigebeispiel in unserem Land für ein erfolgreiches
Miteinander
und ehrenamtliches Engagement", sagte die Stuttgarter
Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch beim Empfang im
Mauracher
Schloss.
Überlingen/Uhldingen-Mühlhofen
(as) Immer
noch tief
gerührt von dem grandiosen
Jubiläumskonzert in der Birnauer Basilika, feierten rund 200
geladene Gäste, darunter freilich auch die etwa 70
Sängerinnen und Sänger sowie die 40
Orchestermitglieder, im
Garten des Mauracher Schlosses das 40-jährige Bestehen der
Kantorei.
"40 Jahre
Birnauer
Kantorei sind gleichzeitig auch 40 Jahre mit und unter Klaus Reiners."
Mit diesen Worten entfachte der Vorsitzende der Birnauer Kantorei,
Heinrich Morgenstern, einen tosenden Beifall unter den Gästen.
Der
künstlerische Leiter war zusammen mit Cilla Mayer gleichzeitig
auch der Mitbegründer dieser Chorgemeinschaft. "Die Birnauer
Kantorei ist sein Lebenswerk, auf das er stolz sein darf", sprach
Morgenstern allen aus den Herzen.
Rund 200 Konzerte
hat
die Birnauer Kantorei in den 40 Jahren ihres Bestehens
aufgeführt.
Dahinter stecke viel selbstlose Arbeit der verschiedensten Art, betonte
der Kantorei-Vorsitzende. Sie finde aber auch große
Anerkennung
in der Bevölkerung. Meist müsse man bei Konzerten das
Schild
"Ausverkauft" an die Pforte der Basilika hängen.
Offensichtlich
könne man mit geistlicher Musik auch im 21. Jahrhundert noch
Menschen bewegen. Nicht die Masse, sondern den einzelnen Menschen.
"Seriöse Musik hat heute um ihren Platz in der Gesellschaft zu
kämpfen", stellte Morgenstern die Frage in den Raum: "Wo steht
heute das deutsche Volkslied, wo der Choral?"
Damit verband er
auch
den Appell an die Politik, dieses Kulturgut zu fördern. "Die
Finanzen sind für uns ein ernstes Problem", erklärte
Morgenstern. Zum Glück gebe es Institutionen und
gütige
Menschen, die die Kantorei von Konzert zu Konzert
unterstützten,
dankte er den treuen Sponsoren und Spendern, aber auch den
Konzertbesuchern.
"Ich bin noch
ganz
ergriffen von dem vorausgegangenen Konzert", ließ Friedlinde
Gurr-Hirsch in ihre Seele blicken. Mit der Staatssekretärin
aus
dem Ministerium für Ernährung und Ländlichen
Raum hatte
Ministerpräsident Günther Oettinger eine Vertreterin
geschickt, die es verstand, auf charmante Weise die
Glückwünsche an Frau und Mann der Birnauer Kantorei
zu
bringen. Auch Ex-Ministerpräsident Erwin Teufel ließ
durch
sie Grüße ausrichten. Er sei von dem
Jubiläumskonzert
tief beeindruckt gewesen, teilte sie mit. Sie selbst sprach von einem
großen Geschenk, das die Kantorei mit ihrem Konzert den
Zuhörern gemacht habe. "Wo das menschliche Miteinander stimmt,
wo
man die Freude an der gemeinsamen Sache spüren kann, dort
gelingt
es auch, etwas Einmaliges und Außergewöhnliches zu
schaffen", brachte sie ihre persönliche Anerkennung
für die
Birnauer Kantorei zum Ausdruck.
"Sie haben sich
heute mit dem Jubiläumskonzert selbst eine Krone aufgesetzt",
war
auch Uhldingens Bürgermeister Edgar Lamm voller Begeisterung
und
überreichte Heinrich Morgenstern eine Jubiläumsgabe.
Auch
Rose-Marie Stuckert vom Zonta-Club, der die Birnauer Kantorei seit 30
Jahren unterstützt, kam nicht mit leeren Händen zum
Jubiläum. Der Abt des Klosters Mehrerau, Kassian Lauterer,
bedankte sich mit einer Großaufnahme von der Birnauer
Basilika
bei der Kantorei und sagte: "Unsere schöne Kirche schreit
förmlich nach ihr ebenbürtiger Musik."
Ähnlich
äußerte sich auch der Kirchenmusikdirektor der
Erzdiözese Freiburg, Wilm Geismann, indem er der Kantorei
bescheinigte, sie habe mit Ihrer Musik eine weitere Dimension in die
kunstbeladene Kirche gebracht."
22.06.2006
Ausdrucksstärke
in
wechselnden Stimmungen
Birnauer
Kantorei überzeugt, ergreift
und begeistert mit Mozart in der ausverkauften Wallfahrtskirche
Mit Wolfgang Amadeus
Mozart und der Übergabe des Bodensee-Kulturpreises an die
Birnauer
Kantorei (wir berichteten) hat deren Dirigent und
künstlerischer
Leiter Klaus Reiners das Programm in der ausverkauften Basilika
dramaturgisch gelungen aufgebaut. Um eine gewisse Ausgeglichenheit
zwischen den geistlichen Werken "Regina Coeli" und "Reqiem" zu
schaffen, hat er das weltliche Konzert für Harfe und
Flöte
(KV 299) in die Mitte des Programms gestellt.
Paukenschläge
begleiten das erste jubelnde Halleluja des Chors in
der Anrufung der Mutter Maria "Regina Coeli", das die Birnau mit dem
gleichen warmen Glanz erfüllt, wie die Sonnenstrahlen, die
sich
durch die Kirchenfenster im Gold der Putten widerspiegeln. Eine
schmerzliche, bewegende Süße verströmen die
Geigen im
Pulsschlag des Fagotts. Sie sind vom Continuo so verlässlich
getragen, wie der beweglich und sehr innig tremolierende, zum Mezzo
tendierende Sopran von Andrea Egeler, die mit langem Atem ihre
schöne Stimme strömen lässt. Nach den
himmlischen und
irdischen Freuden bilden Flöte (Gertraud Malchow) und Harfe
(Petra
Haas) eine spritzige Interpretation von Mozarts Konzert in C. Aus
transparentem Klanggeflecht des Orchesters leuchtet mit rundem Ton klar
artikuliert die beweglich geführte Flöte zwischen
Harfenklängen, die an das leise Plätschern eines
munteren
Gebirgbachs erinnern. Wie eine von leichtem Luftzug bewegte Daunenfeder
schwebt das sich selbst verzehrende, innige Adagio durch die Akustik.
Zur ergreifenden
Offenbarung gerät die Totenmesse (Requiem KV 626) mit den
stimmschönen Solisten Andrea Egeler (Sopran), Ibolya Verebics
(Alt), Bernhard Gärtner (Tenor) und Christian Feichtmair
(Bass).
Reiners hat hier die Fassung von Franz Beyer gewählt, die im
gleichen Sinne wie die Bearbeitung von Süßmayer
einen
Versuch darstellt, das unvollendet gebliebene Requiem zu
ergänzen.
Im Gegensatz zu Süßmayer versucht Beyer die von
Mozart
vorgegebene Instrumentierung weiterzuführen, um damit das
dunkle
Klangbild und die erhabene Wirkung voll zum Tragen zu bringen. Wohl
einer der erhabensten Momente liegt in den letzten Takten des "Rex
tremendae", in dem Mozarts dramatischer Dialog der beiden
Außenstimmen (1. Violine und Bässe) durch
zusätzliche
Terzen abschwächt.
Weihevoller Ernst
liegt über dem Chor "Requiem aeternam dona eis" (Gib ihm die
ewige
Ruhe), dessen knapper Orchestereinleitung man Bachs Einfluss anmerkt.
Ergreifend ist das kurze Sopransolo "Te decet hymnus" (Dir
gebühret Lobgesang). Bereits im Anfang liegt eine so
unglaubliche
Kraft und Dynamik, dass man als Hörer gleichzeitig freudig
berührt ist und doch weinen möchte. Von sehr viel
Ausdruckskraft und wechselnden Stimmungen ist diese wunderbare
Interpretation geprägt. Jedes Stück hat seinen
eigenen
Charakter. Als Gegenstück zum feierlichen Sanctus steht das
tänzerische Hosanna in excelsis, das plötzlich in den
Dreivierteltakt übergeht und im Allegro das Lob Gottes
verkündet. Dass sich alle mit technischer Bravour in absoluter
Homogenität auf höchsten Touren bewegen, ist
für die
Birnauer Kantorei selbstverständlich. "So etwas Wunderbares
habe
ich noch nie erlebt", sagt am Ende eine Touristin und bekommt vom
zufällig neben ihr dem Ausgang zustrebenden Landrat zu
hören:
"Da haben Sie ein Konzert auf hohem Niveau erlebt".
Gabi
Rieger
20.06.2006
Kulturpreis
für das Lob Gottes
Auszeichnung des Bodenseekreises
für Birnauer Kantorei - 40 Jahre Musica Sacra
Höchste Meriten für Klaus Reiners
und die
Birnauer Kantorei:
Die Kantorei erhielt den Kulturpreis 2006 des Bodenseekreises. Den mit
5000 Euro dotierten Preis übergab Landrat Siegfried Tann
anlässlich des geistlichen Konzertes im Mozartjahr am Sonntag
in
der Basilika.
Uhldingen-Mühlhofen (gri) Die
große
Ehre wurde dem Dirigenten Klaus Reiners und seinen Sängern
samt
Instrumentalisten der Birnauer Kantorei im Rahmen ihres geistlichen
Konzertes zuteil, das wie meistens ausverkauft, und wie immer
höchst inspirierend für die Zuhörer war (wir
werden noch
berichten).
Landrat Siegfried Tann übergab den mit 5000
dotierten Kulturpreis des Bodenseekreises an den Vorsitzenden der
Birnauer Kantorei, Heinrich Morgenstern, der dem Chor als Bassist seine
Stimme verleiht. In seiner Dankesrede betonte Morgenstern, dass neben
den Ausführenden auch die Sponsoren und vor allem das Publikum
Anteil an diesem Kulturpreis habe. Die Übergabe der Urkunde
samt
Scheck war nach der Anrufung der Mutter Maria "Regina Coeli" in der
Vertonung von Mozart erfolgt.
"Eben ist die Schluss-Segnung verklungen: Regina
coeli. O freu' dich, Himmelskönigin", knüpfte der
Landrat in
seiner Ansprache an das zuvor Erlebte an. "Zur Freude haben wir alle
seit 40 Jahren Anlass, denn seit 40 Jahren singt die Birnauer Kantorei
unter der der künstlerischen Leitung von Klaus Reiners hier in
der
Wallfahrtskirche Birnau das Lob Gottes." Wer Gott so lange lobe,
gemäß des 33. Psalms Singet dem Herrn ein neues
Lied, greift
voll in die Saiten und jubelt laut', verdiene selbst einmal Lob, zumal
man an diesem Ort dem Brauch entsprechend keinen Beifall spende.
Mit ihrer musikalischen Qualität habe sich
die Birnauer Kantorei in über 200 Konzerten einen
ausgezeichneten
Ruf erworben. Sie sei nicht nur fester Bestandteil des Musiklebens am
See geworden, sondern darüber hinaus ein weithin über
den
Bodensee wahrnehmbarer Leuchtturm, der sich verdient gemacht habe um
die Kultur im Bodenseekreis und die "musica sacra", die geistliche
Musik.
Nach Aussage der Deutschen Bischofskonferenz
entfalte das Zusammenspiel von Musik und Gottesdienstraum eine
besonders eindringliche Wirkung: "Musica als Form der Prophetie und
Offenbarung des Göttlichen. Und als Sprache des Herzens, die
dort
anfängt, wo die Sprache endet." Dass Reiners und seine
Birnauer
Kantorei den Menschen dieses Erlebnis immer wieder schenke, danke und
würdige der Bodenseekreis und seine Kulturstiftung mit der
jüngsten Preisverleihung.
Die Kantorei nenne sich nach dieser wunderbaren
Rokoko-Kirche, die auf den Tag genau vor 40 Jahren gegründet
worden sei. Sie werde oft als Gesamtkunstwerk gekennzeichnet. Weil die
Birnauer Kantorei die Akustik mit Musik erfüllt, werde der
Wert
des Raums als Gesamtkunstwerk noch gesteigert.
Gabi Rieger
Himmlische
Klänge steigen empor
Birnauer
Kantorei lässt in der ausverkauften Basilika mit Mozart die
Töne zum Himmel fliegen
"Guck, der
Erwin Teufel
und der Morlok sind auch hier", sagt Martin Herzog, früherer
OB
von Friedrichshafen und späterer Landes-Wirtschaftsminister,
zu
seiner Frau in der ausverkauften Basilika. Dass Klaus Reiners seine mit
diamantenem Feinschliff geschulten Künstler auf der Basis
profunden Könnens auf höchsten Touren zu bewegen
versteht,
hat sich herumgesprochen. Dabei hat man jedes Mal aufs Neue den
Eindruck: Das war das Schönste von allen Konzerten.
So auch am
Sonntag, als
die Birnauer Kantorei samt Orchester und stimmschönen Solisten
mit
Mozart Töne und Empfindungen zum Himmel fliegen
ließ. Das
mit lebendiger Frische farbig wie differenziert gestaltete Konzert hat
alle begeistert. "Es war himmlisch. Das ging mir durch und durch",
bringt eine Dame nach abschließendem Glockengeläut
die
kollektive Empfindung auf den Punkt. Trotz vollen Einsatzes wirkt
Reiners am Ende nicht abgekämpft. "Das hat Schwung gehabt",
strahlt der fähige Dirigent, zu Recht voll des Lobes
für sein
fantastisches Team.
Jauchzende Engel
Die
Engel
haben gejauchzt,
als sich mit der Botschaft "Te deum laudamus" (Dir Gott, unser Lob) die
große Akustik mit frisch strahlendem Jubel füllte.
Pianissimo, die transparenten Creszendi und Dierezendi wie von
kühlem Windhauch bewegt, kam die agogisch erflehte Bitte um
das
getragen Werden in die ewige Herrlichkeit. Genau dorthin wurden die
berührten Hörer mit der paradiesisch schön
gestalteten
"Litaniae Lauretanae" geführt, einem Mariengebet, in dem
schwärmerische mit heiteren Stimmungen abwechseln. Aus dem
Kreis
der stimmschönen Solisten Ibolya Verebics (Alt), Johannes
Eidloth
(Tenor) und Hermann Locher (Bass), die den göttlichen Impuls
zur
harmonischen Einheit von Chor und Orchester tragen, leuchtet der weich
timbrierte Sopran von Mechtild Bach, die in anrührender Demut
mit
langem Atem ihre bewegliche Stimme strömen lässt.
Unter die
Haut gehen ihre (sehr sauber) vollzogenen Duo-Dezimsprünge im
krönenden Agnus Dei, das die Sopran-Kantilene der federnden
Agogik
des Chorklangs gegenüberstellt. Die Schauder der
Ergriffenheit,
die den dafür empfänglichen Hörer vor der
zärtlichen Marien-Huldigung regelrecht gepackt hatten, kehren
wieder im dissonanten Aufschrei "Misere", bevor das Werk in der tiefen
Lage der Singstimmen mit einer beruhigenden Schlusswendung verklingt.
Seele
atmet
auch die in
ihrer Durchsichtigkeit stimmungshebend gestaltete Jupiter-Symphonie (KV
551). Hinter silbern funkelndem Streicherglanz leuchteten heiter
allegro vivace neben Oboen und Flöten sogar die sonst eher
dicken
Fagotte wie helle Sterne. Kantabel, fast zärtlich, gingen
Streicher und Holzbläser das tief ins Innere der Seele
zielende
Andante cantabile an, in der gestalterischen Aussage wie aus einem Atem
melancholisch und glückvoll zugleich.
Leidenschaftliche
Gestaltungsfreude, Einfühlungsvermögen,
Präzision und
eine überblickende Wachsamkeit zu seinem präsenten
Team
machen es Reiners möglich, die Krönungsmesse bei
fließenden Tempi so zu interpretieren, dass sie zum
einzigartigen
Erlebnis wird. Bevor im Agnus Dei die Solosopranistin mit inniger Arie
brilliert, führt der vom Orchester unterstütze Chor
im
klangprächtigen Credo in himmlische Sphären.
Gabi
Rieger
Vier
Jahrzehnte Gotteslob nach Noten
Birnauer
Kantorei feiert
40-jähriges Bestehen - Konzertsaison beginnt am 7. Mai
Seit
40 Jahren lässt die
Birnauer Kantorei Kirchenmusik auf hohem Niveau erklingen.
Mitbegründer und bis
heute künstlerischer Leiter des Chores ist Klaus Reiners (71),
für den die
einstige Herausforderung längst zur Lebensaufgabe geworden
ist.
Die neue
Konzertsaison beginnt am 7. Mai mit Mozart, das
Jubiläumsprogramm
ist am 23.
Juli.
Dass es eine
derartige Erfolgsgeschichte werden sollte, konnte am 18. Dezember 1966
niemand
ahnen, als Klaus Reiners das erste Konzert der Birnauer Kantorei
dirigierte.
"Wir hatten eine kleine Abendmusik mit Motetten vorbereitet",
erinnert sich Reiners: "Doch die Birnau war fast voll, obwohl es
eiskalt
war. Aber wir wussten damals selbst nicht, wie kalt." Es sollte auch
schon
der letzte Auftritt in den Wintermonaten in einer unbeheizten Kirche
gewesen
sein. Längst hat es daher Tradition, dass das
Weihnachtsoratorium
im Dezember
oder Passionen im März auf der Reichenau erklingen.
Nach der
Renovierung der Birnau Mitte der 1960er Jahre hatte man dort
zunächst mit dem
Gedanken gespielt, Gastkonzerte aus Stuttgart in das Gotteshaus zu
importieren.
Ehe der damals als Kantor in Friedrichshafen
tätige Reiners mit der Sängerin
Cilla Mayer die Idee gebar, einen eigenen
Chor aufzubauen.
Der
künstlerische
Leiter ist seit 40 Jahren derselbe. Inzwischen ist Klaus
Reiners 71 Jahre alt
und noch immer von der Aufgabe fasziniert. "Für mich
ist es eine
Lebensaufgabe", erklärt Reiners. "Was man sieht, ist nur die
Spitze
eines Eisbergs." Der Mann bestellt Noten, engagiert Instrumentalisten
und
Solisten, sucht nach Sponsoren, ohne die sich ein so anspruchsvolles
Programm
nicht gestalten ließe. Nur gut die Hälfte des
Aufwands
für die professionellen
Musiker und das Material decken die Eintrittsgelder ab,
obwohl die Konzerte
stets ausverkauft sind. Zur Seite stehen Klaus Reiners heute als
Konzertmeister
Roland Baldini und für die Stimmbildung des Chors Christa
Burgdörfer-Geismann
aus Freiburg.
Auch bei den
heute mehr als 80 Sängerinnen und Sängern hat die
Begeisterung nie
nachgelassen. "Ich freue mich, dass auch junge Leute kommen", betont
Reiners. Am Nachwuchs fehle es nicht, auch wenn manche Stimmlage
bisweilen
Verstärkung brauchen könnte. "Meine Begeisterung
für
Kirchenmusik"
nennt Reiners als Hauptmotivation, über 40 Jahre
durchzuhalten:
"Und ich
arbeite gerne mit Menschen." Das soziale Miteinander ist ihm dabei ein
wichtiges
Anliegen. Seit gestern ist der Chor schon wieder beim Probenwochenende
in
Obermarchthal. Denn gleich das erste Konzert des Jahresprogramms bietet
manche
Herausforderung. Nicht nur eine Hommage an Mozart wird die
Zusammenstellung am
7. Mai sein. Der Auftakt mit "Te Deum Laudamus" ist zugleich das
Leitmotiv der Kantorei. "Gottes Lob ist unsere Hauptaufgabe",
sagt
Reiners. "Jupiter-Symphonie" und "Krönungsmesse" werden an
diesem Abend folgen. Das zweite Konzert am 18. Juni versteht der
Kirchenmusiker
zugleich auch als Gedenken an die verstorbenen Mitglieder und hat daher
unter
anderem Mozarts "Requiem" ausgewählt.
Von
Jubel
und Freude geprägt wird schließlich das eigentliche
Jubiläumskonzert am 23.
Juli sein mit Schuberts Sinfonie Nr. 5, zwei Romanzen von Beethoven und
der
Uraufführung einer "Festmesse in F-Dur" des
zeitgenössischen
Komponisten László Vas (geb. 1942). Die Mischung
ist
sonst nicht so Reiners
Sache. "Unsere Konzert sollen stilistisch einheitlich sein", sagt er.
Diesem
Credo wird das letzte Konzert in der Birnau selbst am 1. Oktober wieder
gerecht. Auf romantische Wege wird sich die Kantorei mit einer
Psalmkantate und
dem "Lobgesang" von Felix Mendelssohn-Bartholdy begeben. Das Finale
wird Bachs Weihnachtsoratorium am 3. Dezember auf der Reichenau sein.
HANSPETER
WALTER

25.09.2005
"Tod, wo
ist nun
dein Stachel?"
"Ein deutsches Requiem" von Brahms mit
der Kantorei in der Basilika Birnau - Warteschlangen
für
Eintrittskarten
Leider
ausverkauft,
Stehplätze noch
verfügbar", kündet bereits eine halbe Stunde vor
Konzertbeginn ein Schild neben dem Portal der Basilika Birnau, vor dem
sich eine
riesige Menschentraube gebildet hat. Gesegnet ist, wer noch eine der
heiß begehrten Karten zu Brahms Meisterwerk "Ein deutsches
Requiem" mit der Birnauer Kantorei ergattern kann, denn ihn erwartet
ein
zutiefst berührendes Erlebnis. Charaktervoll und intensiv,
dabei
transparent und agogisch vermitteln die bestens
disponierten Ausführenden der Kantorei samt
stimmschönen
Solisten unter der Leitung von Klaus Reiners in fantastisch
austarierter Klangbalance
ihre Botschaft im Glauben an die Auferstehung.
"Ein deutsches
Requiem op.
45", nach Worten der Heiligen
Schrift das früheste und größte der
Brahms'schen
Chorwerke, ist nicht, wie der Titel nahelegen könnte, der
Gattung
der kirchlich-liturgischen Musik zuzuordnen.
Es ist vielmehr eine menschliche, romantisch-erlebnishafte
Auseinandersetzung mit der Tragik des Todes, eine
Gegenüberstellung von Vergänglichkeit und
Ewigkeitshoffnung, nach frei gewählten Worten der Bibel.
Die Texte entstammen dem Alten und Neuen Testament. Sie
führen aus der Erschütterung über die
Vergänglichkeit bis zu tröstlicher Erhebung.
Ein schwebend
musiziertes,
melancholisches Adagio aus
der Feder des Amerikaners Samuel Barber, das pianissimo aus
sphärisch zart bewegtem Streicherklang-Gespinst zur
Eröffnung
die große Akustik der barocken Basilika
erfüllt,
bildet die gelungene Überleitung.
Geteilte, tiefe Streicher schieben mit dem Klagemotiv
Dämmerfarben
in das fast entrückte, atemlose Lauschen. "Selig sind, die da
Leid
tragen", intoniert der Chor - langsam, ausdrucksvoll und
verhalten.
Aufkeimender Jubel durchleuchtet die rezitative Schwermut vom
duftig-dunkel gewirkten Instrumental- und Vokalgesang im Gleichgewicht
der Botschaft
"Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten".
Atembeklemmend dramatisch wuchtet im Pulsschlag der Pauke ein
schattenhafter Totentanz: die Kette Gestorbener von
Ewigkeit zu Ewigkeit.
Befreites Aufatmen, als sich mit dem beruhigenden Zuspruch des Chors
"So seid nun geduldig" auch die Verkrampfung im Orchester
löst.
Der "geduldig den Morgenregen und Abendregen erwartende Ackermann"
steht im erfrischenden Sprühregen von Geigen und perlenden
Harfenklängen. In gewaltigen dramaturgischen Steigerungen geht
es
dem Ende des Satzes zu: kontrapunktische Verdichtungen, breit gelagerte
Akkorde, Gegensätzlichkeit vom wohlprononcierten Chor und
Orchester, dazwischen Inseln seligen Lauschens. Unter die Haut geht
sowohl die in edler Demut gesungene Soloepisode des
Baritons Peter Brechbühler ("Herr lehre mich doch, dass es ein
Ende mit mir haben muss"), wie auch das vom Chor bebend wiederholte
Gebet des Einsamen. Die Stimme einer verklärten Seele beseelt
Barabara Locherer mit ihrer großen, koloraturfähigen
Stimme
wunderschön klar und beweglich im Sopran-Solo "Ihr habt nun
Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich
freuen".
Wie
Donnerschläge kracht
die Pauke in das tosende
Plenum von Chor und Orchester bei der Beschreibung vom
"Jüngsten
Tag" mit dem Triumphgesang der Wissenden ("Tod, wo ist nun dein
Stachel! Hölle, wo ist dein Sieg!"). Feierlich und friedvoll
lassen die Sänger und
Instrumentalisten das großartige Werk ausklingen.
Gabi
Rieger
19.07.2005
Geprägt
von Fröhlichkeit
Perlen
des Barock mit
Solisten, Chor und Orchester der Birnauer Kantorei
Mit
"Jubel,
Jauchzen, Besinnung und Freude" könne man das geistliche
Konzert
mit Soli,
Chor und Orchester der Birnauer Kantorei überschreiben,
betonte
Pater Michael,
der als einer der Hausherren in der ausverkauften Birnauer Basilika
willkommen
hieß. Perlen aus dem Barock standen auf dem Programm mit den
bestens
disponierten Ausführenden, die im harmonischen wie
ausdrucksintensiven
Miteinander agogisch federnd ihre Zuhörer inspirierten. Ein
zauberhaftes, sehr
intimes "Andante e spiccato" aus Allessandro Marcellos d-Moll-Konzert
für Oboe, Streicher und b.c. mit Robert Walker als Solisten
erfüllte den
Raumklang der Basilika schon zu Beginn mit jener Fröhlichkeit,
die
das
wunderschöne Konzert unter der Leitung von Klaus Reiners
prägte.
Voll
unendlicher
Lieblichkeit und dabei beweglich, rein und klar waren die
Oboentöne. Ein
filigranes Streichervorspiel leitete das Adagio ein, dann ging es
presto munter
weiter, wie mit tausend leichten kleinen Barfüßen
über
eine Frühlingswiese
eilend. Diese Vision passte so recht zur Aussage der
abschließenden
"Bach-Kantate "Kommt, eilet und laufet, ihr flüchtigen
Füße" aus
dem Oster-Oratorium BWV 249, die in ihrem tonalen Duktus allerdings im
ersten
Drittel von so schwer lastender Traurigkeit geprägt war, dass
man
sie sich an
einen vorderen Platz im Programm hätte wünschen
können.
An den Beginn vom
Weihnachtsoratorium erinnerte die himmelsstürmende Freude der
Bach-Kantate BWV
172. Trompeten und Pauken des jubelnden Orchesters schilderten die
freudig
bewegte Menge, die in stürmischem Chor "Erschallet, ihr
Lieder"
preisend hinaussang. Sowohl der dynamische Chor, wie auch die
stimmschönen
Solisten Ruth Amsler (Sopran) Ibolya Verebics (Alt), Bernhard
Gärtner (Tenor)
und Christian Feichtmair (Bass) überzeugten in ihrer
Ausdrucksintensität aus
der Fülle ihres Herzens. Die heitere Stimmung tönte
im
Verlauf noch in der
machtvollen Bass-Arie auf: "Heiligste Dreieinigkeit, großer
Gott
der
Ehren." In seiner Art, die Silben etwas schleifen zu lassen, erinnerte
der
Tenor an Karel Gott - ansonsten war alles absolut
textverständlich. Spirituelle
Sakralität atmete in seiner edlen Schlichtheit der Choral, der
in
herrlich
federndem Plenum in die Botschaft des Anfangs gipfelte: "Gott will sich
die Seele zu Tempeln bereiten."
Christoph
Link, der
mit seiner Bratsche zuvor einige Takte so lebendig mit der Oboe
korrespondiert
hatte, ent faltete seinen runden Violenton als Solist in Telemanns
G-Dur-Konzert für Viola, Streicher und b.c. mal
wehmütig
klagend, mal sonor,
ließ ihr eigentümlich warmes Timbre im
melancholischen Largo
förmlich
dahinschmelzen. Nach federnder Auftaktigkeit von Streichern und Cembalo
nahm
die sensibel geführte Viola innigen Kontakt zunächst
mit den
beiden ersten
Geigen, dann mit dem Cembalo auf. Nach einer zauberhaften Solo-Episode
gab sie
das Wort an das Orchester. Den Schleier der Tristesse vom Bach'schen
Oster-Oratorium, den die Altistin im Suchen des aus der Grabesgruft
Auferstandenen zu lüften begann ("Saget, wo ich Jesum finde"),
zerriss in farbigem Plenum die jubelnde Botschaft im
abschließende Choral:
"Christus hat uns frei gemacht".
Gabi
Rieger
21.06.2005
Klingende Bitte um
göttliche Vergebung
Birnauer
Kantorei brilliert
in geistlichem Konzert zusammen mit Bernhard Kratzer (Trompete) und
Paul Theis
(Orgel)
Überwiegend
romantische und spätromantische Werke standen auf dem Programm
des
geistlichen
Konzertes in der gut besuchten Basilika. Ausführende waren
neben
dem bestens
disponierten, homogenen Chor der Birnauer Kantorei Bernhard Kratzer
(Trompete)
und Paul Theis an der Emporen-Orgel. Zum Repertoire "quer durch den
europäischen Garten" haben Kratzer und Theis als fantastisch
eingespieltes
Team ihr Programm mit romantisch gefärbten Werken
überwiegend
zeitgenössischer
Komponisten sensibel abgestimmt.
Den
Anfang des
Konzertes bildeten drei melodische Chorsätze aus der Feder des
englischen
Komponisten und Sängers Charles Hubert H. Parry (1848-1918),
die
der Chor in
englischer Sprache sang. Mit seinem aktiven, sehr differenzierten
Dirigat
vermittelte Klaus Reiners feine dynamische Phrasengänge.
Durchsichtig wirkte in
den Chorsätzen auch der Tuttiklang. Geheimnisvoll und leise,
begleitet von der
kleinen Chororgel (Georg Enderwitz), war der Einstieg in "Dear Lord and
Father of Mankind", mit der die Sänger um "Vergebung
für die
törichte
Lebensweise" baten. Eindringlich, warm und weich war der vierstimmige
Chorklang im dynamisch bewegten "Magnifikat" und heroische Frische
prägte das "Jerusalem".
Um
die Bitte
göttlicher Vergebung für menschliche Schuld ging es
auch in
den drei Chorwerken
von Julius van Nuffel (1883-1953), einer führenden
Persönlichkeit der
belgischen Kammermusik. Wunderschön, wie sich das "Pater
noster"
aus
hauchzartem Pianissimo in bezaubernd poetischen, dynamischen
Schattierungen
entwickelte. Scharf angerissen war der erste Takt der profund
beherrschten
Orgel als Ouvertüre quasi zu Bellinis Es-Dur-Konzert, einem
Melodienzauber, der
ursprünglich für die wendigere Oboe geschrieben
wurde. In
einiger Korrespondenz
mit dem Raumklang der Kirche entfaltete Kratzer mit seiner klar
artikulierten
Piccolo-Trompete einen schön beseelten Ton. Mit Bravour
erfüllte er die ganz
besonderen Fähigkeiten, die ihm das Werk bezüglich
Virtuosität, Gestaltung und
Klangsensibilität abverlangte, und die er im Wettstreit mit
der
Orgel vom
zweiten Satz Allegro bis zum Finale steigerte.
Wann
hört
man schon einmal etwas von dem Tschechen
Petr Eben, Jahrgang 1929? Kratzer und Theis hatten ihn mit Teilen aus
"Okna" ("Fenster") im Programm. Inspiriert durch einen
Zyklus mit Mosaikfenstern von Marc Chagall, zeichnet Eben in zwischen
tonal und
modal changierender Musiksprache bis zum leicht improvisatorischen
Bereich Klangbildungen,
die wie die beschriebenen Glasfenster je nach Lichteinfall eine andere
Färbung
bekommen. Kratzer und Theis widmeten sich zunächst dem
"grünen
Fenster" (Issachar), einer orientalischen Pastorale mit einem liegenden
Esel - ein mediatives Erlebnis auch für ungeübte
Ohren. Dann
das "rote
Fenster" - Zebulon. Es zeigt einen Sonnenuntergang über dem
Meer,
über dem
in einem dramatischen Bogen gleich der Fanfare der Trompete zwei bunte
Fische
schnellen. Den monumentalen Part hatte hier die Orgel, das schrille
Element der transparenten,
lichtdurchfluteten Farben mischte das Metall der Trompete zu. Unter die
Haut
ging die Aggressivität des Satzes über die Farbe
"rot", mit
dem die
beiden musikantisch Interpretierenden nicht nur einen friedlichen
Sonnenuntergang, sondern auch einen der Erlösung
vorausgehenden
erbarmungslosen
Kampf mitempfinden ließen.
Gabi
Rieger
03.05.2005
Auftaktkonzert zeugt von Inspiration
Birnauer
Kantorei feiert eine ausverkaufte Saison-Eröffnung der Reihe
"geistliche
Konzerte in der Basilika" mit Mozart
Mit Mozarts
"Missa in
C" und der "Litaniae de Venerabili" (KV 125), eingebunden in
zwei "Epistel-Sonaten", feierte die Birnauer Kantorei unter der
Leitung von Klaus Reiners ihre Saison-Eröffnung in der bereits
im
Vorfeld ausverkauften
Basilika.
Mit seiner
eigenen
Wahrhaftigkeit im gespürvollen Einwirken auf das immer
harmonische,
ausdrucksintensiv wie differenzierte Miteinander von Chor, Orchester
und den
stimmschönen Solisten Andrea Egeler (Sopran), Isolde
Assenheimer
(Alt), Jürgen
Ochs (Tenor) und Hermann Locher (Bass) führte Reiners alle
Mitwirkenden zu
Höhenflügen. Die freudige Inspiration, mit der da in
fantastisch austarierter
Klangbalance gesungen und musiziert wurde, übertrug sich von
Beginn an bis zum
letzten Ton im "Agnus Dei", der festlich-heiteren,
klangprächtig
gestalteten "Missa in C", auf die vielen Zuhörer, deren
Gesichtszüge
geprägt waren von entspannter Hingabe. Ihr
stürmischer
Applaus als Resümee auf
das rundum gelungene, inspirierende "geistliche Mozart-Konzert",
spielte
sich im Herzen ab. Da in der Birnau nicht applaudiert werden darf,
schwangen
die Gefühle der Dankbarkeit und Freude in aller Stille im
abschließend vollen
Glockengeläut mit.
Einen Sonderfall
unter
Mozarts Instrumentalwerken stellen die 17 so genannten Kirchensonaten
dar, genauer
zu bezeichnen als "Epistel-Sonaten": kurze und zugleich
äußerst
konzentriert-fantasievolle instrumentale Einfügungen innerhalb
der
Messe,
zwischen Epistel und Evangelium, deren Kürze sich aus
liturgischen
Vorschriften
erklärt. Formal handelt es sich um winzige
Sonatensätze mit
angedeuteter
Konzertform.
Leicht und innig,
in
bewegter Transparenz musiziert ist die eröffnende Sonate in F
(KV
224).
Allerfeinst und silbern ziseliert klingen da die Geigen, getragen vom
runden,
warmen Unisonoklang von Celli, Kontrabass und Fagott. Fast
mächtig
wirkt
dagegen das kraftvolle Orchestervorspiel zur lateinisch gesungenen
"Litaniae de Venerabili", in das der Chor mit einem heroisch
anmutenden "Kyrie eleyson" einstimmt. In anrührender
Schlichtheit
erfleht Andrea Egeler mit ihrem koloraturreichen, zum Mezzo
tendierenden Sopran
Gottes Erbarmen und unter die Haut geht das eindringliche "Verbum caro
factum" des Chors: spritzig und stark prononciert, bekräftigt
und
kommentiert vom lebendig bewegten Orchester. Zwischen Sanftheit und
Eindringlichkeit bewegt sich das stimmschöne Solistenquartett
in
seiner Bitte
um Segen und Erbarmen. Dramatisch aufgebaut sind die
Spannungsbögen von Chor
und Orchester im "Tremendum", die bezüglich Klangfarbigkeit
und
Ausdrucksintensität in ihrer von Leben durchpulsten Agogik
einen
ganzen Kosmos
in sich vereinen. Strahlkraft besitzt der metallisch gefärbte
Tenor, der das
Sakrament der Frömmigkeit besingt und einen ebenso lebendigen
Erzählcharakter
wie die Stimme der Sopranistin, die vor dem dynamisch aufschwellenden
"Nobis" der Chorstimmen um Frieden bittet, besitzt.
Der
feinen,
leichten
Sonate in C, in der sich die Orchesterorgel in höchsten
Tönen
trillernd mit dem
prickelnd spritzigen Geigenspiel verbindet, folgt die mit
beträchtlichem
Aufwand an Klang und kompositorischer Kunst geschriebene Messe, die
allen
Mitwirkenden zur Offenbarung gelingt. "Quoniam tu solus Sanctus"
singt sich die Sopranistin, mit unglaublich langem Atem tremolierend,
in Seele
und Gemüt. Auf schnellen Schritten dahereilend
bestätigt der
Chor mit leicht
verhaltenem Jubel die Herrlichkeit Gottes, akkompagniert vom Pulsschlag
der
Pauke. In weltumarmender Süße besingt das
Solistenquartett
die Fleischwerdung
Jesu und im chorischen "Crucifixus" entsteht im berührten
Hörer die
Vision, als schwebten die Stimmen über den Instrumenten.
Gabi
Rieger

Meditation
Birnauer Kantorei
begeistert mit Johann Sebastian BachsJohannes-Passion
auf der Reichenau
Unheil
steht bevor.
Die düsteren Klänge, die klagende Oboe bereiten auf
die
Leidensgeschichte
Christi vor, die im Nachfolgenden musikalisch erzählt wird.
Chor
und Orchester
der Birnauer Kantorei versetzten mit ihrer Aufführung von
Johann
Sebastian
Bachs Johannes-Passion die Zuhörer in eine spannungsreiche,
gleichsam
meditative Stimmung. Tenor Jürgen Ochs meisterte die Aufgabe,
als
Evangelist
den langen Leidenweges Christi wiederzugeben, mit Bravour. Er verlieh
der
Erzählung die ihr gebührende Dramatik,
unterstützt von
den Bässen Rainer
Pachner als bisweilen furchteinflößenden Pilatus mit
donnernder Stimme und
Markus Goritzki als Jesus. Die narrative Spannung unterstrich das
Orchester der
Kantorei überaus professionell. So imitierten die
Bläser
kunstvoll und
gleichzeitig gewollt irritierend die "Verstrickung" in der von Altistin
Ursula Maxhofer-Schiele vorgetragenen Arie "Von den Stricken meiner
Sünden
mich zu entbinden." Dabei verknüpften und entwirrten sich
Oboen,
Fagott
und Alt aufs Sonderbarste miteinander. Die Arie des Soprans Ruth
Liebscher
dagegen strahlte ungebrochene Bereitschaft aus, dem Herrn zu folgen.
Sie
bewegte die Zuhörer vor allem in der von Leid
geprägten Arie
"Zerfließe,
mein Herze." Diesen Zeilen gab sie mit ihrem hellen Sopran eine
Zerbrechlichkeit und verlieh ihnen den gebührenden
todtraurigen
Charakter, ohne
dass ihre Stimme je an Nachdruck verlor.
Was
wäre ein
narratives Wandgemälde, in dem die Handelnden im Vordergrund
stehen und alle
Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ohne die alles stützende und
unterstreichende
Grundierung. In der Johannes-Passion steht der Chor für diese
Halt
gebende
Substanz. Niemals drängt er sich in den Vordergrund, doch gibt
er
der Handlung
in den ehrfürchtigen Chorälen einen meditativen
Rahmen oder
fungiert an anderer
Stelle als Stimme des Volks. Unter der Leitung von Klaus Reiners sang
der
vierstimmige Chor mit Präzision und einer angemessenen
Dynamik.
Gut gelangen
die raschen, fließenden Übergänge, in denen
eine
Singstimme die andere ablöst
und die Dramatik wächst. So zum Beispiel während
eines
Berichts des
Evangelisten, als Pilatus mit einem lauten Ausruf einfällt:
"Sehet
das ist
Euer König." Das Volk aber in vielstimmigem Durcheinander
fordert:
"Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!"
Chor
und Orchester der
Birnauer Kantorei hielten
von Beginn bis Ende die Balance zwischen Meditation und
höchster
Spannung,
indem sie das Nach- und Nebeneinander nicht nur klanglich auffingen und
feierlich trugen, sondern bisweilen kunstvoll Melodien aufgriffen und
variantenreich imitierten. Im Schlusschoral "Ach Herr, lass dein lieb
Engelein" schienen Tempo und Dynamik anfangs etwas schwach. Umso
überraschender wirkte jedoch das in den letzten Zeilen
einsetzende
Crescendo:
es führte den Choral mit einer ungeheuerlichen Macht zu auf
das
finale
"Herr Jesu Christ, erhöre mich, ich will dich preisen
ewiglich!"
im
Forte. So endete das Konzert mit einem grandiosen Nachhall und einer
anschließenden Stille.
Julika Riekenberg
28.11.2004
Mit
Präzision und Anmut
Birnauer Kantorei präsentierte J. S. Bach
Die drei Kantaten aus Bachs Weihnachtsoratorium
zählen zweifellos
zu den meistgespielten Werken in der Weihnachtszeit. Das Konzert, das
Chor
und Orchester der Birnauer Kantorei im Marienmünster
Mittelzell
auf
der Reichenau gaben, führte einmal mehr zu der Erkenntnis,
dass
ein
ausgezeichnetes Live-Konzert jeder noch so
bekannten Musik ihre Einmaligkeit zurück zu geben
vermag.
Die Kulisse des - wenn auch sehr kalten - Marienmünsters mit
dem
spätgotischen Chor und seine wunderbare Akustik waren perfekt
geeignet
für ein solches geistliches Konzert. Der Kirchenraum versah
den
Klang
mit einem feinen Hall, nach dem letzten Schlussakkord verweilten die
Töne
eine kurze Zeit lang. Bereits nach dem ersten Choral wusste man, dass
selbst
bei festlich jubelnden Chorälen wie "Jauchzet, frohlocket,
auf,
preiset
die Tage" die Musik nie würde weltlich klingen, sondern in
dieser
Kirche akustisch etwas verklärt bleiben und dem Sinne der
geistlichen
Musik damit vollkommen entsprechen würde.
Die Arien der Altistin Ibolya Verebics besaßen bei aller
Leidenschaft
eine große, jedoch absolut notwendige Zurückhaltung.
Zarte
Nuancen
auf den hellen Silben wie "Zi-on" und "Trie-ben" brachten die stille
Freude
zum Ausdruck und bezeugten die das gesamte Werk beherrschende
Ehrfurcht.
Die Solisten wussten die Aufgabe der Zurückhaltung
bravourös
zu meistern und sich durch genau diese zu profilieren: als Evangelist
verkündete
Jürgen Ochs mit klarer, feierlich gefärbter Stimme
die Geburt
des Herrn. Im für den Sopran besonders anspruchsvollen Duett
mit
dem
Bass schwang sich Mechthild Bach mit Leichtigkeit hinauf zum hohen A.
Souverän
auch die Rezitative des Basses Rainer Pachner.
Bemerkenswert transparent spielten Streicher und Bläser. Klaus
Reiners dirigierte mit ausdrucksstarken Gesten die einzelnen Phrasen.
Den
abschließenden Choral des dritten Teils brachte er mit einem
intensiven
Crescendo zum Höhepunkt, dem "voller Freud", bevor er den
Choral
mit
einem ebenso starken Diminuendo erlöschen
ließ.
Mit absoluter Präzision und Anmut erklangen die Soli des
Oboisten
Robert Walker, der Flötistin Gertraud Malchow und des
Violinisten
Roland Baldini. Überhaupt: das Zusammenspiel von Chor,
Orchester
und
Solisten klappte trotz des die Synchronisation immer ein wenig
gefährdenden
Halls der Kirche perfekt. Klaus Reiners gelang es darüber
hinaus,
die Tempi so zu wählen, dass die meditative Arie "Schlafe,
mein
liebster"
- hingebungsvoll gesungen von Ibolya Verebics - zwar große
Ruhe
ausstrahlte,
jedoch nie ins Einschläfernde abdriftete. Der Choral "Ehre sei
Gott
in der Höhe" wurde trotz Vivace nicht hektisch.
Als der Schlusschoral der sechsten Kantate endete, ertönten
feierlich
die Glocken des Münsters, ganz nach Tradition der Birnauer
Kantorei.
So beschloss sie ihr Konzert mit einer kurzen Andacht, anstatt einen
mit
Sicherheit sehr lange währenden Applaus im voll besetzten
Münster
entgegenzunehmen.
Julika Riekenberg
29.09. 2004
Sänger
spüren der Musik nach
Antonin Dvoraks "Requiem " mit Solisten,
Chor und
Orchester der Birnauer
Kantorei
ÜBERLINGEN- Total ausverkauft wie immer,
wenn die
Birnauer Kantorei
in "ihrer" Basilika geschlossene Werke eines Komponisten zur
Aufführung
bringt, war auch die fein aufeinander abgestimmte, sehr sensible
Einstudierung
von Dvoraks "Requiem", dem ernsten, düsteren
Gegenstück zum
lyrisch-elegischen
"Stabat mater". Die Partitur besteht aus 13 Stücken, die alle
-
mit
Ausnahme des Solo-Quartetts "Recordare - den Chor beteiligen. Im Ton
einer
durch tröstliche Episoden aufgehellten Trauer liegt dem Werk
als
Leitthema
ein bedeutungsvolles Motiv zugrunde, das die Partitur in mannigfachen
Verwandlungen
wie ein Todessymbol durchzieht. Dass sich die Sänger verbinden
mit
dem, was sie singen, war genauso deutlich zu spüren, wie das
gute
Einvernehmen zwischen allen Ausführenden zu ihrem
künstlerischen
Leiter Klaus Reiners, der wie immer präzis,
einfühlend und
mit
Inspiration dirigierte. Es gehört zu den Stärken von
Reiners,
dass er seine Musiker in ausgewogener Klangbalance so zu
führen
vermag,
dass man als Hörer alles um sich herum vergisst und die
musikalische
Botschaft mit allen Höhen und Tiefen miterlebt.
Beeindruckt hat gleich zu Beginn, wie quasi aus dem Nichts ganz leise
die Geigen erklangen, um dann die tiefen Streicher aufzunehmen. Wie von
weither erklangen verhaltene Paukenschläge und nahtlos zart
flocht
sich der Chor in die Transparenz: "Ewige Ruhe, schenke ihnen, o Herr."
Im sanften Auf und Ab von Creszendi und Descreszendi spendeten helle
Bläsertöne
das "ewige Licht". Unter die Haut ging dann die wunderschön
metallisch
gefärbte Strahlkraft im ausdrucksintensiven Solo-Tenor
(Berthold
Schmidt).
Einen Schatz gehoben hat Reiners mit Monika Meier-Schmid, die mit ihrer
leuchtend klaren, frischen Sopranstimme auch an den höchsten
leisen
Stellen noch beseelt zu tremolieren vermochte. Etwas untergegangen ist
im Solistenquartett die Altistin Ursula Maxhofer-Schiele. In
Solopassagen
aber erfreute sie mit schönem runden Ton ebenso wie der des
rabenschwarzen
Bass von Thomas Wittig. Gänsehaut überzog den
Hörer im
Erleben
des dynamisch brodelnden "Dies irae", das Chor und tiefe Streicher zum
Inferno steigerten: "Tag des Zornes, Tag der Zährn, wird die
Welt
in Asche kehren". Im "Tuba mirum" ("Laut wird die Posaune klingen,
mächtig
in die Gräber dringen") bekamen die Celli unvermittelt einen
warmen
Klang.
Die Klage von Quartett und Chor im "Lacrimosa" (Tag der
Tränen,
Tag der Wehen) mündete in die herzzerreißend
anrührend
vom Chor und Solistenquartett gesungene Bitte um Erbarmen. Dann die
Vision
eines rasant herannahenden Insektenschwarms, der chorisch die Szenerie
verdunkelte zum donnernden "Amen". Unglaublich schön, einem
Mariengesang
ähnlich, gestalteten Quartett und Chor das an den "milden
Jesus"
gewandte
"Pie Jesu", dem sich ein sphärisches "Agnus Dei" anschloss,
das
aus
himmlischen Höhen sanft auf die Erde zu rieseln schien. In
zweimaligem
Ansatz stieg der Solosopran zum letzten, strahlenden Klanggipfel auf.
Durch
den Tenor in der Oktave verstärkt, schwebte sie über
die im
Dreiklang
aufleuchtenden Klangmassen von Chor und Orchester. Aus ruhig
ausschwingenden
Melodien vereinigten sich alle Stimmen, von Trompeten und Posaunen
gestützt,
zu leisen, lösenden B-Dur-Akkorden.
Wie aus einem gelebten Traum schreckten die Hörer, als ganz
unvermittelt
und wie abgezirkelt in den letzten Ton hinein die Glocken der Basilika
zu läuten begannen.
Gabi Rieger
20.07.2004
Barocke
Musik aus vier
europäischen Ländern
Torelli, Bach, Händel und
Charpentier mit der
Birnauer Kantorei
und Solisten in der Basilika
Werke von vier Barock-Komponisten aus vier
europäischen Ländern
standen auf dem Programm des ausverkauften Konzerts mit der Birnauer
Kantorei.
Georg Friedrich Händel als Vertreter für England
lebte noch,
als die barocke Basilika Birnau 1750 eröffnet wurde und Johann
Sebastian
Bach, mit einer Kantate aus BWV 147 vertreten, ist in jenem Jahr
gestorben.
Nicht mehr gelebt haben zu dieser Zeit der Italiener Giuseppe Torell
(1658-1709),
dessen Konzert in D-Dur für Trompete, Streicher und b.c. mit
Bernhard
Kratzer als hervorragendem Solisten musiziert wurde und der Franzose
Marc-Antoine
Charpentier (1634-1704), dessen strahlendes "Te Deum" das Gotteshaus
mit
festlichem Jubel füllte.
Unter den kirchlichen Hymnedichtungen erwarb der
Ambrosianische Lobgesang
"Te Deum laudamus" besondere Volkstümlichkeit, weil er als
Lob-
und
Dankgesang oft zu festlichen Gelegenheiten von öffentlicher
Bedeutung
gesungen wurde. Charpentiers Tedeum D-Dur für Soli,
vierstimmigen
gemischten Chor und Orchester, das Dank der Benutzung der Eingangstakte
des Präludiums als Eurovisionsfanfare einen deutlichen
Popularitätschub
erfuhr, gehört zu den meistgespielten Werken dieser Gattung.
Einfühlsam
und mit Balance zwischen Emotion und Kontrolle führten Klaus
Reiners
Orchester, Chor und Solisten in homogenem Zusammenwirken durch die
Stücke.
Wie immer wurde in bestens austarierter
Klangbalance mit
leidenschaftlichem
Engagement und spürbarer Freude so inspiriert gesungen und
musiziert,
dass neben dem musikalischen auch der religiöse Gehalt der
Oevres
vermittelt wurde. Eine gute Vokalbesetzung konnte Reiners gewinnen mit
den stimmschönen Solisten Gabriele Näther (Sopran),
Dorothée
Burkert (Alt), Philipp Heizmann (Bass) und Johannes Eidloth (Tenor mit
metallischer Färbung und lebendigem
Erzählcharakter).
Neben den gedruckten Instrumentalwerken des
italienischen Violinisten
Torelli sind eine Vielzahl von Trompetenstücken
handschriftlich
überliefert.
Es sind Kompositionen für eine bis fünf Trompeten,
Streicher
und b.c., die Torelli während seines ersten Aufenthaltes in
Bolognakomponierte.
Möglicherweise wurde er dazu von dem hervorragenden Trompeter
Giovanni
Pelledrino Brandi angeregt, der sich zu dieser Zeit dort
aufhielt.
Als hoch virtuoser, in schönstem
Selbstverständis musizierender
Solist strahlte Bernhard Kratzer mit der Bachtrompete in klarster
Artikulation
über der schnellen, filigranen Agogik von Streichern und
Orgel, um
im letzten Ton des ersten Satzes mit ihnen zu verschmelzen. So
behutsam,
als könnte ihr transparenter Glanz wie Glas zerbrechen, trugen
die
Streicher im Adagio den wunderschön beseelten, hellen Ton der
schlank
geführten Bachtrompete. Anrührend auch, wie sich im
Nachklang
des Erlebten die Hörer gegenseitig einvernehmlich selig
zulächelten
- anstelle des von der Kirchenobrigkeit untersagten Beifalls.
Bei der Bach-Kantate "Herz und Mund und Tat und
Leben"
strahlte Kratzers
Bachtrompete von irgendwo her aus dem Vorspiel des Orchesters, das
verstummte,
als der Chor seinen Einsatz hatte. Zunächst noch etwas diffus
verschwommen,
erhielt der Chorklang Kontur, um dann erst wenig tiefe Streicher, und
dann
das ganze Instrumentarium wieder aufzunehmen. Sehr verspielt in seiner
schlichten Anlage gestaltete sich Händels F-Dur-Konzert op.
4/4,
das
fast wie im da capo al fine mit einer Unterhaltung zwischen Streicher
und
Orgel begann und irgendwann Ohrwurmqualität erreichte.
Erlösung
brachte das glanzvolle Tedeum Charpentiers, auf dem sich Chor und
Orchester
auf höchsten Touren bewegten.
Gabi Rieger
22.06.2004
Elementares
Erlebnis charaktervoll
und intensiv gestaltet
"Die
Schöpfung" von Haydn
mit der Birnauer Kantorei in der Basilika Birnau -
Heiß begehrte Karten

Bild: Rieger
Ein zutiefst
berührendes,
elementares Erlebnis in
der ausverkauften Basilika Birnau: die zu Gemüt
gehende "Schöpfung" von Joseph Haydn.
Charaktervoll gestaltet von der Birnauer Kantorei
samt hervorragendem Orchester und stimmschönen Gesangssolisten.
"Leider ausverkauft. Stehplätze
verfügbar", kündete
bereits eine gute halbe Stunde vor Konzertbeginn ein Schild neben dem
Portal
der Basilika Birnau, vor dem sich eine riesige Menschentraube gebildet
hatte. Gesegnet war, wer noch eine der heiß begehrten Karten
zu
Haydns
Meisterwerk "Die Schöpfung" mit der Birnauer Kantorei
ergattern
konnte,
denn ihn erwartete ein zutiefst berührendes, elementares
Erlebnis.
Charaktervoll und intensiv, dabei transparent und
luftig, haben Chor
und Orchester der Birnauer Kantorei samt Solisten unter der
bewährten
Leitung von Klaus Reiners gesungen und musiziert. Die Textdichtung des
sonst nicht bekannten englischen Autors Lidley ist ein breit
ausgesponnener,
mit anschaulichen Details und frommen Lobgesängen durchsetzter
Bericht
von der Erschaffung der Welt, der den Erzengeln Gabriel (Ruth
Amsler/Sopran),
Uriel (Bernhard Gärtner/Tenor), Raphael (Wolfgang
Newerla/Bass)
und
dem Chor der himmlischen Heerscharen in den Mund gelegt ist. Am Ende
stimmt
auch das erste Menschenpaar Adam und Eva in das Lied der himmlischen
Sänger
ein.
Der erste Teil behandelt den ersten bis vierten
Schöpfungstag mit
der Erschaffung der Erde und Gestirne. Ihm folgt die Beschreibung von
Tieren
und Menschen. Der dritte Teil feiert die paradiesischen Freuden des
siebten
Tages mit Adam und Eva. Das Oratorium beginnt mit der Vorstellung des
Chaos,
das aus dem Kosmos entstand. Wunderschön plastisch, lebendig
im
Erzählcharakter
und musikalisch äußerst effektvoll waren die vielen
Details,
wie etwa die Darstellung der verschiedenen Tiere und der Natur, das
Rollen
des Donners mit Paukenschlägen aus dem Hintergrund. Jede
einzelne
Sequenz der vielgestaltigen Schöpfungsgeschichte war
wunderschön
authentisch und berührend zugleich gestaltet. Die stetig
aufmerksame
Verbindung aller Ausführenden zum sensibel umsichtigen Dirigat
Reiners
hatte wieder einmal, zur Erbauung aller Hörer, gute
Früchte
getragen.
"Da wabert am Anfang mit den Streichern die Urmasse so schön,
wenn
Gott aus dem Chaos das Licht entstehen lässt", hatte sich kurz
vor
Beginn des Konzertes eine mitwirkende Cellistin dem SÜDKURIER
gegenüber
geschwärmt, und ein ebenfalls mitwirkender Bratschist
ergänzte:
"Nur ein einziges leises Pizzikato machen wir, dann strahlt das Licht
im
vollen Tutti." Phänomenal war dann auch die Gebanntheit des
Publikums,
das im Erleben dieser grandiosen Aufführung so atemlos
beeindruckt
lauschte, dass man die berühmte Stecknadel hätte
fallen
hören
können im übervollen Gotteshaus. "Eine ganz tolle
Akkustik",
flüsterte jemand überwältigt vor dem zweiten
Teil, der
das
Wasser in Fülle gebiert und "Vögel, die über
der Erde
fliegen
mögen". In perlenden Koloraturen girrt der leuchtende Sopran
von
Ruth
Amsler wie das verliebte Taubenpaar, das sie im silbrigen Glanz der
Streicher
in der Arie des Gabriels besingt. Eine Flöte trällert
den
Gesang
der Nachtigall. Gänsehaut erzeugt der duftig-dumpfe Klang von
Celli
und Violen im Rezitativ des Raphael. Beweglichkeit, ausmalende
Artikulation
und viel Wärme im Ton gaben den Arien stimmigen Ausdruck.
Immer
wieder
sehr geheimnisvoll zu klingen vermochte die Stimme des Tenors, wie etwa
in der Arie des Uriel, welche die Erschaffung der Menschen beschreibt.
Adam als "der Geist, des Schöpfers Hauch und Ebenbild" und
"für
ihn, aus ihm geformt" Eva, die "hold und anmutsvoll in froher Unschuld
lächelt". Differenzierte wie textorientierte Gestaltung
prägte
auch den immer gut verständlichen Chorgesang. Zu
höchster
Strahlkraft
entwickelte sich die große, vorwärtsstrebende
Klangfülle
im Schlusschor mit seinen reizvollen harmonischen Wendungen, in die
sich
mit Terzenkoloraturen fließende "Amen"-Rufe der Solisten
schoben:
"Singet dem Herrn alle Stimmen..."
Gabi Rieger

14.05.2004
Mozart
prägt
Birnauer
Kantorei eröffnet
Konzertreihe
Mozarts Schaffen als Kirchenmusiker fand in den
Jahren
1776 bis 1783
seinen Höhepunkt. Für welchen Anlass Mozart 1779 die
"Vesperae
solennes de Dominica" komponiert hat, ist heute nicht genau bekannt.
Sicher
ist aber, dass Mozart innerlich ganz unabhängig war und seiner
eigenen
Idee von Stil folgte. Im "Laudate pueri" und "Laudate Dominum" folgen
heftige
Kontraste aufeinander: Eine einfache Koloratur Aria mit obligater
Orgel,
von Barbara Locher souverän und mit strahlendem, warmen Timbre
und
leichter Höhe ausgesungen, und ein Chorsatz von perfekt
motettenhaftem
Charakter. Er beginnt mit strengem Kanon a capella und ergeht sich dann
in einem frei strömenden "Laudate pueri". Dies entpuppte sich
in
diesem
Werk als einer der chorischen Höhepunkte der Birnauer Kantorei
unter
der Leitung von Klaus Reiners - als eine reiche, lebendig gemeisterte
Polyphonie.
Trotz der vokalen und instrumentalen Unabhängigkeit
voneinander
scheinen
Chor und Orchester in einer besonderen Einheit.
Auch bei den fünf Violinkonzerten wissen
wir nicht
genau, ob Mozart
sie als Auftragswerke, für einen befreundeten Geiger, oder
für
den eigenen Gebrauch geschrieben hat. Angesichts der einheitlichen
Entstehungszeit
in nur wenigen Monaten im Jahre 1775, bleibt es umso bewundernswerter,
wie individuell die Werke geraten sind. Verbindend für alle
ist
die
dreisätzige Anlage. In dem zur Aufführung gebrachten
fünften
Konzert KV 219 spielte Konzertmeister Roland Baldini die Solovioline.
Hier
überwindet Mozart im ersten Satz den vorgegebenen Typus:
Zunächst
wird das Thema nur vom Orchester vorgetragen, dann stellt sich der
Solist
mit einem wie improvisierten Adagio mit Orchesterbegleitung vor und
beginnt
danach erst mit dem Thema - jedoch entschieden bereichert. Zum Tutti
erhebt
sich eine strahlende Melodie der Sologeige und entwickelt sich zum
eigentlichen
Hauptthema. Der Mittelsatz wird im Solopart durch flexible Figurationen
bereichert.
Und zum Abschluss nochmals ins Jahr 1776, der
Entstehung
der drei Messen
in C. Auf dem Programm der Birnauer Kantorei stand die erste, die
Credo-Messe,
KV 257. Die Credo Devise, der die Messe ihren Namen verdankt, ist
schlicht
aber mit großem polyphonem Gehalt. Wie schon in der zuerst
gehörten
"Vespere Solennes" sangen neben der Sopranistin Barbara Locher, Ibolya
Verebics (Alt), Ulrich Müller-Adam (Tenor) und Christian
Feichtmair
(Bass). Besonders homogen in Stimmführung und Gestaltung klang
das
Quartett im Credo "Qui cum Patre et Filio...", im Sanctus und
Benedictus
verkündete der Chor ein federnd leichtes und transparentes
"Hosanna
in excelsis". Das "Agnus Dei" setzte einen würdigen Abschluss
des
Mozart-Programms in der vollbesetzten Basilika. Christiane
Pieper
30.09.2003
Berührte
Gänsehaut
"Elias"
mit Birnauer Kantorei
begeisterte
Das hebt in andere Sphären ab. Wie in
einem guten
Film liefen die
Bilder vor dem geistigen Auge ab", flüstert eine Besucherin,
noch
ganz unter dem Eindruck des soeben erlebten. In der Birnau, voll
besetzt
wie immer, darf nicht applaudiert werden. So strahlt das jubelnde
"Amen"
des Schlusschors samt unisono empfundener Publikums- Begeisterung
über
den fantastisch "inszenierten" Elias als Nachhall mitten hinein ins
volle
Glockengeläut. Klaus Reiners, der den Chor samt Orchester der
Birnauer
Kantorei vor zwei Jahren am selben Ort mit den gleichen trefflich
ausgewählten
Solisten schon einmal so bravourös durch
Mendelssohn-Bartholdys
alttestamentarisches
Oratorium "Elias" führte, hatte sich auf vielfachen Wunsch
begeisterter
Zuhörer und zur Freude seines 75 Stimmen starken Chors dazu
entschlossen,
dieses glanzvolle Werk noch einmal aufzuführen.
Dass Reiners hinter der Musik steht, die er macht, war auch diesmal
wieder deutlich zu spüren. Das Feuer der Begeisterung, das er
in
seinen
Ausführenden zu entfachen weiß, spiegelte von der
ersten bis
zur letzten Sekunde auch auf die Zuhörer. Trotz der zeitlichen
Länge,
immerhin fast drei Stunden ohne Pause, war die grandiose
Aufführung
kein bisschen ermüdend, sondern in ihrem lebendigen wie
spannenden
Gehalt fesselnd bis zum Schluss. Bestens disponiert waren alle
Involvierten,
die zum einen durch ihre beseelte Gestaltungskunst in dynamisch
ausgewogener
Klangbalance, zum anderen durch die klare Artikullation ihrer im Text
immer
gut verständlichen Stimmen erfreuten.
Ausgeglichen in allen Stimmlagen sang Michel Brodard die Basspartien
des "Elias", die eher baritonale Helligkeit aufwiesen und damit viel
Transparenz
bekamen. Beweglichkeit, ausmalende Artikulation und viel Wärme
im
Ton gaben den Arien stimmigen Ausdruck.
Mit lebendigem Erzählcharakter in farbenreich reiner
Intonation
überzeugten in den Solistenpartien weiter die zum Mezzo
tendierende
Altistin Liliane Zürcher (Engel/Königin), die
Sopranistin
Barbara
Locher (Witwe) und der leicht metallische Tenor Berhard
Gärtner,
der
in seinen manchmal eigentümlichen Wortbetonungen an Karel Gott
erinnerte.
Differenzierte wie textorientierte Gestaltung prägte den
kultivierten
Chorgesang, der nur im hohen Sopran eine klitzekleine Prise
schwächelte.
Die erste berührte Gänsehaut, die sich im
Mitfühlen
des oftmals harten, alttestamentarisch grausamen Tobaks nach innen
stülpte,
erzeugte schon das in vielen dramatischen Klangnuancen chorisch
geflehte
"Hilf, Herr!", mit dem das Volk Israel nach der eröffnenden
Prophezeihung
des Elias und der sich dynamisch steigernden Ouvertüre des
Orchesters
um Regen bat. Fesselnd gestaltet waren die großen
Situationsbilder
des unter dem Fluch leidenden Volkes. Ergreifende Szenen entstanden vor
dem geistigen Auge im Erleben der von vielen Höhepunkten
beflügelten,
wunderschönen Musik. Zauberhaft das Streicherintermezzo, das
auf
transparentem
Strahl die Sopan-Arie der Witwe trägt.
Im zweiten Teil geht es, eingebettet durch die in großer
Bandbreite
wunderschön gesungene Sopran-Arie "Israel, höre des
Herrn
Stimme"
vorerst um tödliche Vergeltung. Aufrüttelnd
leidenschaftlich
kam der Wechselgesang zwischen Elias, dem Volk und der
Königin,
welche
die Götter Baals favorisiert. Zutiefst ergreifend dann die von
innigem
Celloklang getragene Arie des Elias in seiner verzweifelten
Todessehnsucht.
Gabi Rieger

Stimmiges Konzert im
heiter-festlichen
Kirchenraum
Birnauer Kantorei konzertierte mit
groß
besetztem
Chor - Werke von Bach und Telemann
Mit Johann Sebastian Bachs Choralkantate "Jesu,
der du
meine Seele"
aus später Leipziger Zeit eröffnete die Birnauer
Kantorei ihr
Sommerkonzert. Dem großbesetzten Chor gelang es im
dunkelfeierlichen
Eingangssatz ein ausdrucksvolles Klanggemälde darzustellen.
Alles
im Klang etwas füllig, doch deutlich vom Chor artikuliert.
Barocke
Klangrede ließ Dirgent Klaus Reiners auch im munteren Duetto
walten,
sehr flüssig und leicht stellten die Solistinnen Andrea
Egeler,
mit
zunächst etwas spitz wirkendem, doch leuchtend schlankem
Sopran,
und
Ibolya Verebics mit gleichmäßigem, doch warmen Alt,
die
Melodielinien
über beweglichem Continuo heraus. Leicht nasal, doch deutlich
der
Tenor Jürgen Ochs im expressiv bekennenden, um
Sünden-Vergebung
flehenden Secco-Rezitativ. Dann in der Arie gesteigert mit lockerer und
klarer Tongebung sang Jürgen Ochs die koloraturreiche Partie
zu
flockigen
Solo-Flöten-Girlanden. Während Stefan Geyers sonorer
und
fülliger
Bass in dem harmonisch ungemeinen reichen Accompagnato mit
anschließendem
Arioso, einer Betrachtung von Jesu, Passion, Auferstehung und
Jüngstem
Gericht, sich entfalten konnte. In der affektvollen Bass -Arie hingegen
wirkten die Koloraturen etwas polternd. Festlich breit gelagert
wiederum
der beschliessende Choralsatz, doch von angemessen flottem Tempo.
Georg Philipp Telemanns Konzert-Sonate D-Dur ist eigentlich mit der
Überschrift "Sinfonia Spirituosa" überliefert, und
hat im
Original
nur in den schnellen Ecksätzen eine Trompeten-Stimme. Hier
erklang
sie in Bearbeitung des Solisten Bernhard Kratzer, der das Largo
für
Trompete arrangierte. Als festfroher Mittelteil des Konzerts wurde das
ciaconna-hafte Allegro spirituoso federnd und marschartig zugleich, mit
klar konturiertem Trompetensolo vorgetragen. Geradezu venezianisch der
duftige Mittelsatz mit schillernden Seufzer-Passagen der Streicher und
elegantem Solo.
Das Hauptwerk des Konzerts war ohne Frage Johann Christian Bachs
"Gloria"
aus seiner Mailänder Zeit. Eine einfallsreiche melodienselige
Partitur
mit raffinierten Details in der Instrumentation. Kaum verwundert bei
diesen
Melodien, dass der junge Mozart davon beeindruckt wurde. Auch passte
dieses
Stück sehr stimmig in den heiter-festlichen Kirchenraum der
Birnau.
Nach einem raschen unbeschwerten Sinfonie-Satz mit Hörnern und
Oboen,
nimmt der Chor mit Gloria-Einwürfen den Jubel auf.
Feinabgestuft
wurde
das folgende "Et in terra pax". Als lichter Zwiegesang von Sopran und
Tenor
wurde das "Laudamus te" mit elegantem Orgel-Solo von Helmut Brand zu
elegant
federnden Streichern gestaltet. Mit zwei Flöten zu den
Streichern
das beschwingte "Gratias", für kolaraturgespickten Solo-Alt.
Als
geradezu
theatralisch opernhafte Szene das Terzett "Domine deus". Gefolgt von
einem
dreiteiligen "Agnus dei"-Satz, zunächst wird das "Qui tollis
peccata
mundi" in einer langsamen Sopran-Arie mit delikaten Soli von zwei
Violinen
und Cello vorgestellt; hier leicht und strahlend ausgeführt.
Darauf
ein ausdrucksvoller Chorsatz, erst homopohon, dann als drittes in einer
geradezu altmeisterlich strengen Fuge mündend, dessen
harmonische
Reize sicher gestaltet wurden. Ein luftig leichtes "Qui sedes"
für
koloraturenreichen Tenor folgt, darauf beschwörend das hurtige
"Quoniam
tu solus sanctus" mit kräftigen Bass-Einwürfen. Um
zuletzt im
festlichen Freudengesang des "Cum sancto spiritu" mit vollklingender
Delikatesse
im Wechsel von Sopran und Alt-Soli und beweglichen Chorklang zu
münden.
Stille und Glockenklang beschlossen, wie in Birnau üblich, das
geistliche
Konzert.
Hans-Jürgen Becker

Romantik aus acht
Ländern
Als die Lieblingswerke des Leiters der Birnauer
Kantorei
kündigte
Pater Michael Schaufler das Konzert Europäischer Chor- und
Instrumentalmusik
des 19. und 20. Jahrhunderts an. Die Romantik also. Und in der Tat
versprach
ein reichhaltiges Programm mit Kompositionen aus Deutschland, Italien
und
Frankreich sowie selten gehörte Werke aus Russland,
Österreich,
England und Norwegen ein gelungenes Konzert zu werden, das dem
sonntäglichen
Impetus des Gotteslobes durchweg gerecht wurde.
In schönem Kontrast zur Chormusik standen sensibel ausgesuchte
Instrumentaleinlagen, vorgetragen von Petra Haas, Harfe und Gertraud
Malchow,
Flöte. Der Chor, nicht nur optisch, sondern auch stimmlich
vielfach
verjüngt, überzeugte diesmal gleich zu Beginn mit
Felix
Mendelssohn
Bartholdys "Singet dem Herrn ein neues Lied", Psalm 98 op. 91. Frische
und wohlklingende Solosopranstimmen waren hier zu hören, die
Achtstimmigkeit
des Chores wurde den kontrapunktischen Stimmführungsregeln
auch
intonationsmäßig
voll gerecht.
Von Mendelssohn, den Robert Schumann schon als höchsten
neueren
Kirchenmusiker gelobt hatte, schloss sich das überaus sauber
und
zart
gesungene "Laudate pueri" für dreistimmigen Frauenchor an, von
Berhnard
Ladenburger entsprechend einfühlsam an der Orgel begleitet.
Für
Flöte und Harfe folgte die "Omaggio a Bellini" von Antonino
Pasculli.
Weit ausschweifende Melodiebögen, die Gertraud Malchow auf der
Querflöte
mit langem Atem und weichem Ton blies. Harfenklänge, sauber
und
auch
im piano mit packendem Nachklang von Petra Haas gezupft, unterstrichen
die einmalige Atmosphäre in der Basilika.
Spannungsgeladen präsentierte der Chor auch zwei Werke von
Serge
Rachmaninoff. Zunächst Chor Duchov Chor der Geister-
für
vierstimmiggemischten
Chor. Künstlerische Symbolkraft und geistliche Würde
kamen
hier
dynamisch und ausdrucksstark zusammen. Dagegen war das "Tebe poem" fast
durchweg im Piano gehalten und von allen fünf Stimmlagen in
Wort
und
Ton ein wahrer Hörgenuss.
Vom französischen Komponisten Jules Massenet, der als Pianist
und später Komponist von einigen Opern, vor allem von Peter
Tschaikowsky
und Charles Gounod beeinflusst wurde, stammte die stark lyrisch
anmutende
Meditation aus Thais für Flöte und Harfe. Auch hier
waren die
Klangfarben der beiden Instrumente in Melodie und Begleitung wunderbar
aufeinander abgestimmt.
Als wohl einer der größten deutschen Kirchenmusiker
der
Romantik hatte Gabriel Rheinberger das Schlusswort und versetzte die
gewohnt
ausverkaufte Basilika mit dem bekannten "Bleib bei uns, denn es will
Abend
werden" sechsstimmig in aufkommende Abendstimmung. Auch ohne Applaus
war
Dankbarkeit spürbar.
Christiane Pieper
Konzertberschreibung:
Religiöse
Ausdruckskraft mit Mozart
Die Birnauer Kantorei bringt kirchliche
Werke zur
Aufführung
Mitte des 18. Jahrhunderts ging in Bologna
kein
Mensch in die
Oper, weil es dort keine Oper gab. Dafür gab es den
Padre
Martini,
den gelehrtesten Kontrapunktisten Italiens (1706 - 1784).
Immer
wenn Wolfgang Amadeus Mozart den Padre besuchte, erbat er sich ein
Fugenthema
zum Auskomponieren. Ohne Martinis Unterricht, so behaupten
Mozartexperten,
hätte seine spätere Salzburger Kirchenmusik kaum in
dieser
Form
entstehen können. Wie auch die Meister früherer
Epochen,
schrieb
er ohne pathetisch erzwungene Frömmigkeit, aber gewissenhaft
dem
liturgischen
Wort dienend.
Ungekünstelt und frei von historisch Unabdingbarem
gehört
diese Musik der Gegenwart, der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts
an.Die Birnauer Kantorei eröffnete unter ihrem Leiter Klaus
Reiners
mit der Litanei "De venerabili altaris Sacramento Es-Dur" den Zyklus
"Geistliche
Musik Birnau 2003". Starke Ausdrucksgegensätze bestimmen das
Werk:
Das Adagio, schön von Posaunenklängen getragen, im
"Tremendum
ac vivificum sacramentum" hätte die Erschütterung des
Geschehens
in der chorischen Stimmführung noch etwas spürbarer
werden
können,
hingegen kam die im großartig polyphonen Stil geschriebene
Chorfuge
"Pignus futurae gloria“ in schöner Phrasierung in
allen vier
Stimmlagen
zum Ausdruck.
Ende 1776 komponierte Mozart für Antonio Brunetti ein Adagio
für
Violine und Orchester ein neues Adagio zu seinem 5. Violinkonzert in
A-Dur,
das den originalen Mittelsatz in der Aufführungstradition
jedoch
nur
selten verdrängt. Mit frei strömender
Kantabilität und
lang
gesponnenen Melodiebögen bereicherte Roland Baldini im
Violin-Solopart
das zarte Wechselspiel mit dem Orchester.
Die "Missa in c KV 139" zählt zu den Anfangswerken von Mozarts
Kirchenmusik.
Er soll dieses festlich repräsentative Werk bereits im Alter
von
13 Jahren komponiert haben. Diese Behauptung würde einmal mehr
Mozarts
frühreife geniale Entwicklung für eine ungemein
reiche
Instrumentalbesetzung
mit Oboen, Posaunen, Trompeten und Streichorchester
bestätigen.
Dem
romantischen Kyrie folgt nach dem Gloria, das mit Trillern und
Koloraturen
gezierte "Laudamus Te". Hier überzeugte die Sopranistin Ruth
Liebscher
mit langem Atem, schönem Stimmvolumen und feinster
Artikulation.
Auf
die Sopranistin entfielen in diesem Werk neben der Altistin Ursula
Maxhofer-Schiele,
dem Tenor Ulrich Müller-Adam und Christian Feichtmair als
Bassisten
die Hauptsolopartien. Kontrapunktisch geht es im "Cum sanctu spiritu"
zu,
bevor das "crucifixus“ des Credo wieder in der
Haupttonart c-moll
erscheint. Hier stehen schmetternde Trompeten im Kontrast zu
synkopischen
Akzenten der übrigen Instrumente. Kontrastreich gestaltete
Ruth
Liebscher
auch die Sopran-Koloratur im "Resurrexit."
Christiane Pieper
Haydn
unerschöpft
Die Birnauer Kantorei überzeugt
auf der Reichenau
Ihre erste öffentliche
Aufführung am Ende des
vergehenden
18. Jahrhunderts geriet zu Joseph Haydns größtem
Triumph. Im
19. Jahrhundert zog sie wegen durchaus vorhandener Anachronismen
reichlich
Spott auf sich. Und doch hat die "Schöpfung" bis heute nichts
von
ihrem anziehenden Charme verloren. Ein Werk, das auch die Birnauer
Kantorei
seit Jahren in ihrem Repertoire hat. Ebenso selbstverständlich
sind
auch Solisten mit diesem beliebten Oratorium vertraut und so sprang
Dariusz
Niemironicz für den kurzfristig ausgefallenen Bassisten ein.
Neben
der Sopranistin Ruth Amsler als Eva und Gabriel sang der Tenor
Jürgen
Ochs die Partie des Uriel. Der Chor der Birnauer Kantorei, der sich
einer
fast selten gewordenen Ausgeglichenheit innerhalb der Stimmlagen
erfreuen
darf, bemühte sich, den kraftvollen Klangmalereien, den
breitgestreuten
fortissimi gerecht zu werden und überzeugte dann vor allem ab
dem
zweiten Teil mit eingängiger Textdeutung und sauberer
Artikulation.Auch
das Orchester bedurfte im ersten Teil noch einer gewissen
Aufwärmphase,
um sich schließlich zu intonatorischer und
interpretatorischer
Homogenität
zu sammeln. Dass die deskriptive Dimension des Oratoriums die von den
ersten
beiden Kapiteln der Genesis eng umrissene epische Ebene
überwiegt,
traf sich hier besonders mit Klaus Reiners Sinn für
musikalische
Gestaltung.
So gerieten Haydns von den Verfechtern der Absoluten Musik oft als zu
hemmungslos
eingesetzte Lautmalereien kritisiert - wie der Sonnenaufgang im ersten
Teil und das lärmende Löwengebrüll im
zweiten Teil - zu
besonderen Hörerlebnissen. Das Duett von Adam und Eva mit dem
Chor
im dritten Teil "Von deiner Güt , o Herr und Gott..." wurde zu
einem
der Höhepunkte der Aufführung im
Marienmünster. Die
souveräne
Sopranistin Ruth Amsler ließ sich ganz auf den
Facettenreichtum
der
Partitur ein, gestaltete mit ihrer schlank geführten,
gehaltvollen
Stimme einen lebendigen Gabriel wie auch eine zarte Eva. Durchweg
überzeugen
konnte Jürgen Ochs mit einer warmen und klaren Tenorstimme als
Uriel.
Seine Arie "Mit Würd´ und Hoheit angetan..."
beeindruckte
durch
weiches Timbre und hörbare Oratorienerfahrung. Das
füreinander
bestimmte Paar ist in der Kombination Sopran-Bass, wie sie in der
Stimmdisposition
von Eva und Adam vorliegt, eine Abweichung der natürlichen
Zuordnung
herkömmlicher Opernkonvention. Im Rahmen des
Zauberflötentons
verweist diese Stimmkombination eher auf Papageno und Papagena, als auf
Pamina und Tamino und versinnbildlicht so die Naivität des
ersten
Menschenpaares, das jedoch im Gegensatz zu dem "seriösen Paar"
Pamina-Tamino
seine Prüfung noch vor sich hat.
Christiane Pieper
"Birnauer Kantorei"
bietet
inspirierendes Abschlusskonzert
in der ausverkauften Klosterkirche
Man weiß es längst: wenn Chor
und Orchester
der "Birnauer
Kantorei" samt Gesangssolisten unter der Leitung von Dirigent Klaus
Reiners
in der barocken Zisterzienser Wallfahrtskirche konzertieren, erwartet
den
Besucher ein qualitativ hochwertiges musikalisches Erlebnis, das nicht
nur tief berührt, sondern auch nachhaltig inspiriert. So
erlebte
beim
saisonalen Abschlusskonzert die wie immer total ausverkaufte Basilika
Birnau
am Sonntag wieder einmal eine jener Sternstunden, von der im aktuellen
Erleben der Eindruck bleibt, "das war die schönste".
Eingebunden in Orchesterwerke von Max Bruch und Giacomo Puccini, boten
die bestens disponierten Ausführenden ein feinfühlig
zusammengestelltes
Programm. Es wurde mit der verinnerlichten Zartheit und Transparenz des
unvollendeten Mendelssohn-Oratoriums "Christus" eröffnet und
gipfelte
in stimmlicher wie orchestraler Klangbrillanz in die 1880 posthum
veröffentlichte
Puccini-Oper "Messa die Gloria". Trotz einer gewissen
Unausgeglichenheit
in der Gesamtform verbindet das bravourös interpretierte
Chorstück
im Einzelnen Einfallsreichtum mit klassisch formaler Klarheit. Dabei
zeigen
Stimmbehandlung und Orchestrierung höchstes Können.
Eingeleitet
wurde es mit dem "Preludio Sinfonico" für Orchester. Stand das
Präludium
in seiner zart verhaltenen Transparenz noch ganz im Duktus der
vorausgegangenen
Werke, so bot es mit virtuosem Streicherforte und aufkeimend tragischem
Blech-Furioso zwischen fein ausgewebten Pianissimo-Stellen bereits
einen
"Vorgeschmack" auf die extreme Farbbrillanz der heiter
gefärbten
Gloria-Messe.
Am Lächeln auf den Gesichtszügen des
empfänglichen
Auditoriums
war abzulesen, dass sie den über 600 Zuhörern
mindestens so
viel
Spaß bereitete wie der engagiert singenden und musizierenden
"Birnauer
Kantorei".
Zwischen hellem Streicherklang leuchtete zartfunkelnd das innig bittend
gesungene "Kyrie". Leichtfüßig fröhlich,
fast
tändelnd,
kam dann die brillante Darstellung des stimmungshebenden "Gloria"
daher.
Heroisch strahlten die Trompeten aus der Klangvielfalt im
wirkungsintensiven
"Credo" und seinen zauberhaften Entfaltungen des "ex-Maria"-Motivs. Mit
der charismatischen Strahlkraft des über ein beachtliches
Stimmvolumen
verfügenden, leicht metallisch gefärbten Heldentenors
zog als
Solist Bernhard Gärtner im A-cappela-Satz "Et incarnatus est"
genauso
in Bann wie der ausgewogen rabenschwarze Bass von Michel Brodard im
schmelzreichen
"Gratias". Als hervorragender Virtuose mit warmem schönem
Celloklang
war Bernhard Rissmann im "Kol Nidrei`` (Opus 47, d-Moll) von Max Bruch
erlebt worden, einem ansprechenden Werk mit intimem Charakter, das sich
aus zwei hebräischen Melodien speist.
Elegische und hymnische Stimmung hat Bruch in diesem mit "Adagio ma
non troppo" überschriebenen Satz Satz plastisch und
natürlich
gegeneinandergestellt und durch eine klanglich schwelgerische
Orchesterbegleitung
miteinander verbunden. In fein differenzierten Klangbildern
ausgestaltet
haben die stets hervorragend zusammenwirkenden Stimmen und Instrumente
die das Leiden und die Geburt Christi behandelnden Fragmente von
Mendelssohns
unvollendetem Christus-Oratorium (Opus 97). Hier überzeugte
neben
den stimmschönen Gesangssolisten Agnes Stankiewicz-Gabriel
(Sopran)
und Heinrich Morgenstern (Bass II) der später als
"Heldentenor"
erlebte
Bernhard Gärtner.
Gabi Rieger
Meisterliches
Gotteslob
Bachs "Magnificat" im Mittelpunkt "Geistlicher
Musik" in
der Birnauer
Wallfahrtskirche
Nicht alles ist Schnee von gestern. Da gibt es Augenblicke, die haben
Langzeitwirkung. Ein Beispiel: Das begeistert aufgenommene "Magnificat"
Bachs von 1968 in der Birnauer Wallfahrtskirche - durch die damals
gerade
zwei Jahre junge Birnauer Kantorei. Die Interpretation der hymnischen
Akklamation
zum Lobe Mariens hatte einen diesseits bejahenden Zuschnitt. In der
jüngsten
Veranstaltung der "Geistlichen Musik" kam die Großtat des
Thomaskantors
zu zusätzlichen Ehren: Dem barocken Klangreichtum war
binnen-musikalische
Ausprägung zuteil geworden. Vor einem vollbesetzten
Gotteshaus,
womit
sich die einst von Pater Prior Feser ausgesprochene Hoffnung wiederum
erfüllte,
die Kirche vor einem einseitigen Durchgangsort von kunsthistorisch
interessierten
Touristen zu bewahren.
Dem Dirigenten Klaus Reiners und seinen vielen Helfern in Sachen
"Geistliche
Musik" ist es zu verdanken, dass auf der Anhöhe von
Nußdorf
in nunmehr 36 Jahren die Birnauer Kantorei eine Institution geworden
ist,
eine Kraftquelle für den Alltag. Das "Magnificat" ist im
Sommer
2002
das gewesen, was Luther in seiner Auslegung gesagt hat: ein Lobgesang
"von
großen Taten und Worten Gottes, um unseren Glauben zu
stärken,
alle Geringen zu trösten...zum Gebrauch und Nutzen
für alle."
Unabhängig von den Zahlensymbolen wirkt das Werk aus seiner
eingängigen
Musiksprache. Klaus Reiners hat sie durch Chor, Orchester und durch die
Solisten erlebnisstark verkünden lassen.
Trompeten mit Strahlkraft
Jubelnde Hochpreisung aus der Strahlkraft der Trompeten, der
vollmundigen
Klanglichkeit der Streicher, der nacheinander sich vereinigenden
Vokalstimmen
das "Meine Seele erhebet den Herrn". Das 15-taktige Nachspiel als
zündender
Funke für das stillere Frohlocken im "Et exultavit" des
Mezzosoprans
(Isolde Assenheimer). Nahtlos angefügt das
jungfräulich
empfundene
"Quia respexit" durch den Sopran der Andrea Egeler, die ohne ein
ungebetenes
Portamento zum Ausdruck fand. Überhöht durch die
exzellente
Harmoniemischung
des fünfstimmigen Chores "Omnes generationes", das mit den
kanonisch
aufgetürmten Stimmen zum glanzvollen Fortissimo-Adagio
geführt
wurde. Rainer Pachner tat etwas zu viel an Lautstärke. Sein
Bass
unterschlug
im "Quia fecit" das Dolce.
Wie vorgeschrieben, war das Alt/Tenor-Duett "Et misericordia" von
"großem
Ausdruck" getragen, das orchestrale Nachspiel akzentlos in seinem
Zwölfachtel-Gang
behandelt. Kraftvoll der Chor im energisch
vorwärtsdrängenden
"Fecit potentiam", sattelfest im fugalen "Sicut locutus", mit dem
doxologischen
"Gloria" dem "Magnificat" einen krönenden Abschluss gebend.
Zuvor
Bernhard Gärtner, der mit seiner Tenor-Arie dramatische
Akzente
setzte,
Isolde Assenheimer, die ihrer Alt-Arie "Esurientes", im
Flötenbeistand,
rhythmisierende Formung zuteil werden ließ.
Das Lob Gottes hatte schon zum Auftakt des Konzerts kantatengerechte
Ausgestaltung gefunden - mit dem Bachwerkverzeichnis II, mit der
Evangelien-Geschichte,
die vom Chor (Choral "Wann soll es doch geschehen..." ) zuversichtlich
beantwortet wurde - er wird kommen, der Herr der
Herrlichkeit.
Bach zum dritten - mit dem Konzert für zwei Violinen und
Streichorchester
in d-Moll. Roland Baldini und Naoko Ogura sorgten in
mustergültiger
Übereinstimmung für ein klassisches Barock-Erleben.
Dirigent
Klaus Reiners gab ihnen durch Dezenz des motivisch beteiligten
Orchesters
den Spielraum dazu, der sich auch zum Vorteil des Erfindungsreichtums
Bachscher
Polyphonie ausmünzte.
Gerhard Hellwig
Zum
Saisonauftakt "Geistliche
Musik" der Birnauer
Kantorei unter Klaus Reiners
Mozart - ein Geschenk des Himmels für die
fundamentalen Probleme
unseres Hierseins. Nach ihrer Tradition hat die Birnauer Kantorei auch
zum Auftakt der diesjährigen Reihe "Geistliche Musik" die
Botschaft
einer inneren und äußeren Harmonie
verkündet. Zehnmal
Mozart.
Mozart als Medium, um abzuschalten, innezuhalten, Kraft zu
schöpfen
für den Alltag. Gut, dass das Programm des ersten
Saisonkonzerts
in
der Zisterzienser-Wallfahrtskirche St. Maria im Juli als CD zu haben
ist.
Damit werden festgehalten sein die Eindrücke, die singend und
musizierend unter Klaus Reiners Leitung zum Ausdruck kamen.
Bindeglieder
solistischer und chorischer Wiedergaben waren vier Kirchensonaten. Nach
Kürze und instrumental einfacher Gegebenheit wollen sie nicht
mehr
sein als einstige Einlagemusik für den Salzburger
Gottesdienst.
Das
hat man den einsätzigen Stücken für Orgel,
Violinen und
Bass in der bedeutendsten Barockkirche am Bodensee nicht
angehört.
Sie erfuhren mehr als nur eine adäquate Aufbereitung.
Aus seinen Werken spricht der praktizierende Katholik, was auch immer
man aus der geistlichen Schatzkammer Mozarts abruft. Im Wechsel von
Soli
und Chor schwerelos das "Regina coeli", ein Alleluja auf die
Königin
des Himmels mit der Bitte, bei Gott ein gutes Wort einzulegen.
Nachgelegt
die ehrende Anrufung der seligsten Jungfrau durch das "Sub tuum
praesidium"
aus dem Offertorium, Köchelverzeichnis 198. Ruth Amsler und
Ibolya
Verebics standen übereinstimmend für den Status der
Gottesmutter,
dass man sich in Gefahren an sie wenden kann. Tapfer gehalten hat sich
die indisponierte Sopranistin Ruth Amsler. Ihre Gesangstechnik obsiegte
über ihre Erkältung. Lediglich an den Tönen
der unteren
Mittellage konnte man ihre Unbehaglichkeit ablesen. Gerahmt vom
klang-homogenen
Chor lobpreiste die Sopranistin im "Laudate Dominum" die
"Völker
alle".
Im "Benedictus" trat sie "mit Brandopfern in das Haus des Herrn". Stark
die Vorstellung des Chores (Stimmbildung: Christa
Burgdörfer-Geismann)
im finalen "Jubelt Gott, ihr Lande all". Und im vierstimmigen "Ave
verum"
grüßte er pastoral, dynamisch gestuft den "wahren
Leib, aus
der Jungfrau geboren..."
Glänzender Abschluss des Konzerts: Die
"Missa
solemnis" C-Dur,
KV 337. Mit ihr spielten Chor und Orchester der "Kantorei" und das
Solistenquartett
(Ruth Amsler/Ibolya Verebics/Jürgen Ochs/Hermann Locher), an
der
Orgel
Helmut Brand, ihre Trümpfe aus. Klaus Reiners brachte das
Feierliche
der Messe mit angezogenen Tempi auf den kürzesten Nenner.
Geistliches
ohne rituelles Zelebrieren. Das "Credo" des Chores war
unprätensiöses
Bekenntnis, das "Sanctus" quasi ein Ruf an die Welt, das "Benedictus"
von
kanonischer Durchsicht, das "Agnus Dei" eine Piano-Bitte um Frieden. In
der ausverkauften "Birnau" stummes Verharren der Zuhörer,
unter
ihnen
Ministerpräsident Erwin Teufel. Glockengeläut. Mozart
wird
fortklingen.
Gerhard Hellwig
Ebenmäßiger
Klang
Kantorei aus Birnau zu Gast in
Würzburg
Würzburg /
Das Leistungsvermögen
der Birnauer
Kantorei machte Eindruck. Was nicht bedeutet, bei dem Nachmittag mit
geistlicher
Chormusik im Würzburger Kiliansdom wäre alles perfekt
gewesen.
Von einem Ensemble, das sich in seiner Freizeit der Kirchenmusik
widmet,
kann man dies kaum verlangen. Ansprechend fiel das, was unter der
umsichtigen
Leitung von Klaus Reiners zu hören war, allemal aus.
Da die rund 70 Mitglieder der Kantorei
über
durchwegs kultivierte
Stimmen verfügen und sich ganz in den Dienst der gemeinsamen
musikalischen
Sache stellten, beeindruckte das Ensemble mit einem vorbildlich
ebenmäßigen
runden Klang. Reiners hatte seinen Chor sorgsam einstudiert: Neben der
sehr bewussten inhaltlichen Ausgestaltung mit fein erspürten
emotionalen
Entwicklungen, etwa bei Zoltán Kodálys "Meinen
Blick heb'
ich auf zu Dir", Maurice Duruflés "Ubi caritas et amor",
Serge
Rachmaninoffs
"Tebé Poém" oder Edvard Griegs "Ave Maris
Stella",
punktete
der Chor insbesondere durch eindringliche Differenzierungen, die vom
ätherisch
zarten Pianissimo (Felix Mendelssohn Bartholdys "Laudate pueri") bis zu
ausgesungenen Forte (Duruflés "Tu es Petrus") reichten. Zwar
fehlte
dem Ganzen ein wenig an aus dem Text hervorgehender rhythmischer
Intensität
(Mendelssohns "Singet dem Herrn", Charles Hubert H. Parrys "Dear Lord
and
father of mankind"), an klarer und deutlicher
Textverständlichkeit,
doch fanden die engagierten Sängerinnen und Sänger
aus
Birnau,
die bisweilen von Michael Bottenhorn an der Orgel zuverlässig
begleitet
wurden, mit den bekannt heiklen akustischen Bedingungen im Dom
hierfür
sicher kein unterstützendes Fundament.
In den lang anhaltenden, verdienten Applaus wurde
auch
Domkantor Paul
Damjakob eingeschlossen, der den Gästen mit drei virtuos
präsentierten
Eigenkompositionen die wichtige Atempause verschaffte.
Von Thorsten Möller
J.S. Bach
ökumenisch
Die
"Birnauer" im
Münster
Bach, der "fünfte Evangelist", war in
Sachen
Ökumene seiner
Zeit voraus. Rund 150 Jahre vor den ersten Bestrebungen gab er ein
musikalisiertes
Zeichen, die konfessionelle Trennung zu überwinden - mit
seiner
Hohen
Messe. Er komponierte das h-Moll-Werk auf einen katholischen Text,
unterschlug
selbst nicht das bekennende "...et unam sanctam catholicam et
apostolicam
ecclesiam", ohne seine protestantische Geisteshaltung in Frage zu
stellen.
Welch eine Vorbildfunktion! Den zweistündigen Dialog mit Gott
hat
die Birnauer Kantorei an den Anfang ihres Konzertprogramms 2002
gesetzt.
Im Marienmünster Mittelzell der Insel Reichenau war nur
indirekt
auszumachen,
welchen Eindruck die Vermittlung der Bachschen Klangschöpfung
hinterließ.
Denn wieder einmal mußte der Bitte entsprochen werden, keinen
Beifall
zu spenden. Kurzes Glockengeläut, und die vielen Besucher
verließen
folgsam-stumm das ehrwürdige gotteshausliche
Weltkulturerbe.
Die Aufführung der h-Moll-Messe bleibt
selbstverständlich
ein gewaltiges Unternehmen. Sind doch gegenreformatischer Prunk der
Chöre,
instrumentale Vielfalt, vokalsolistische Individualität und
stilistische
Gegensätzlichkeiten zum Abbild einer fundamentalen
Glaubenstiefe
zu
vereinen. Sieht man von gelegentlichen Unebenheiten ab, so haben Chor
und
Orchester der Birnauer Kantorei den vier kantatenartigen Hauptteilen
Bachs
große Ehre erwiesen, dank eines Klaus Reiners, der als
Dirigent
seit
1966 das Musikleben rund um den Bodensee bereichert. In stimmlicher
Zurückhaltung
eröffnete er die 24 Nummern umfassende Messe. Fast zaghaft
fanden
sich die fünf Chorstimmen zum Adagio. Erster Glanz leuchtete
im
tranparent
geglückten orchestralen Largo auf. Kontinuierlich wuchs die
Dynamik
für das "Kyrie" und mündete decrescendierend ins
Piano ein.
Für das Duett "Christe eleison"
hätte man sich
eine feinere
Abstimmung von Sopran und Alt gewünscht - Ruth Amsler
übertraf
mit handfesten Tönen ihre Partnerin Ursula Maxhofer-Schiele,
die
Kontrastimmen
des Orchesters drängten in den Vordergrund. Aus einem
Guß
das
von Klaus Reiners geradezu fröhlich geforderte, lebhaft
aufgezäumte
"Gloria", ohne dass die Sechzehntel an deutlicher Artikulation
Einbußen
erlitten hätten.
Mit prächtiger Assistenz der Trompeten, angeführt von
Bernhard
Kratzer, jagte der Chor zum fortissimo hochfahrenden "Voluntatis". Zum
Nachweis schönsten Musizierens wurde die Sopranarie "Laudamus
te".
Im Sinne des Wortes sensibel begleitet vom Solopart des Konzertmeisters
Roland Baldini konnte Ruth Amsler ihrer guten Mittellage Ausdruck
verleihen.
In immer stärkerem Maße war der
Chor
gefordert: Schichtete
für das "Gratias agimus tibi" die vier Stimmen auf. Das "Qui
tollis
peccata" wurde zu einem inbrünstigen Betgesang, das "Cum
sancto"
wuchtete
Klaus Reiners im Polonaisen-Rhythmus zu einem chorisch-orchestralen
Glanzstück,
fest gefügt die fünfstimmige "Credo"-Fuge, in
Eindringlichkeit
die Streicher-lose Gregorianik, jauchzend die Chorstimmen zum
Auferstehungsakt,
erhöht durch die Stimmenhaltung im "Osanna", dynamisch
aushauchend
das "Agnus dei".
Für das "Dominus dei" steuerte die
vorzügliche
Flötistin
Heide Boie gleichsam gleitende Himmelstöne bei - im Duett der
Sopranistin
und des Tenors Johannes Eidloth. In der Altarie "Qui sedes..." war es
Gerhard
Gloor, der die Altistin mit ausgesuchtesten Oboen-Tönen
stützte,
in der Bass-Arie (Wolfgang Newerla) Wolfgang Wipfler, der mit dem Horn
vorbildlich seine Töne blies, gleich dem Fagottisten Michael
Held.
Klaus Reiners, wie immer, ein
selbstbewußt
dirigierender Verkünder
geistlicher Werke, wünschte man sich eine frische
Blutzuführung
seines Chores - nicht von ungefähr stand im Programmblatt zu
lesen,
"wer Interesse an unserer Arbeit hat, der melde sich..."
Gerhard Hellwig
Weihnachtsoratorium
in der
Stadtkirche
Berührend spannunsvolle
Aufführung der
Birnauer Kantorei
TUTTLINGEN - Für manchen ist erst richtig
Weihnachten, wenn er
Bachs Weihnachtsoratorium hört. Am Sonntag erlebte man es
wieder,
und zwar die Teile 1, 4, 5, 6 durch die Birnauer Kantorei unter Klaus
Reiners.
Gleich sei gesagt, was verwunderte: Der große Chor sang so
leicht
und locker wie ein kleiner Kammerchor. Zum Beispiel „Ehre sei
dir,
Gott,
gesungen“, wie behände liefen da die Koloraturen und
in einer
Einheitlichkeit,
als sänge nur ein Sänger. Der festliche Eindruck
Bachscher
Musik
hängt wesentlich von der ersten der eingesetzten drei
Trompeten
ab.
Dafür holte Reiners Falko Schob vom Leipziger
Gewandhausorchester,
dem die hohen Töne hörbar Freude machten. Am Schluss
der
Bassarie
„Großer Herr, o starker König“
drehte er die Tonleiter
einfach
um und spielte sie nach oben bis zum
hohen „d“. Flöten und Oboen
benützte Bach speziell für
die lyrischen Arien, sie, sowie das ganze Orchester spielten mit
präziser
Artikulation.
Konzertmeister Roland Baldini und Naoko Oguna spielten herzerfrischend
ein quasi Violin-Doppelkonzert in der Tenorarie „Ich will nur
dir zu
Ehren
leben“, die von Jürgen Ochs mit strahlender
Höhe gesungen
wurde.
Auch in den Rezitativen des Evangelisten bestach dieser mit
natürlichem
Ausdruck. Die Sopranistin Andrea Egeler ist eine ideale
Bach-Sängerin
durch Leichtigkeit und Brillanz ihrer Koloraturen, wie zum Beispiel in
der Arie „Flößt, mein Heiland“
mit den wunderschönen
Echostellen
der beiden Oboen und einem Sopran im Hintergrund. Ibolya Verebics, Alt,
und Rainer Pachner, Bass, sangen sehr engagiert, forcierten jedoch die
hohen Töne zu sehr. Und wer saß am Orgelpositiv?
Kirchenmusikdirektor
Helmut Brand.
Johann Sebastian Bach dachte nicht nur musikalisch, sondern auch
theologisch.
Vorausblickend für Jesu Lebensziel verwendete er für
den
ersten
und letzten Choral im Weihnachtsoratorium die Melodie von „O
Haupt voll
Blut und Wunden“. Doch hier in festlich großer
Gestalt mit drei
Trompeten
und Pauken im Orchester.
Klaus Reiners, dem Gründer und Leiter der Birnauer Kantorei,
ist
die berührende spannungsvolle Aufführung des Werkes
zu
danken.
Trotz der abratenden Bitte im Programm brauste nach langer
Spannungspause
am Schluss Beifall auf.
Siegfried Burger

Auf einstimmendem
Festtagskurs
Bachs "Weihnachtsoratorium" mit der Birnauer
Kantorei im
Marienmünster
Reichenau
Mit dem "Weihnachtsoratorium" ist das ausklingende
Jahr
im Marienmünster
der Insel Reichenau verabschiedet worden. Im März wird das
neue
Jahr
an gleicher Stätte mit der "Hohen Messe" auf die Reise
geschickt -
und zwar von der Birnauer Kantorei, die mit ihrer "Geistlichen Musik"
Bach
zum ständigen Begleiter hat. Von der Regel abgehend, war das
"Weihnachtsoratorium"
in den Teilen I, IV, V und VI zu hören. Wohl ein Zugewinn, vor
allem
für diejenigen, die nicht genug bekommen können vom
Thomaskantor.
In der ehemaligen Benediktiner-Fürstabtei Mittelzell
störte
ein
parodistisch anmutender Zuschnitt nicht. Das heißt, dass Bach
in
den meisten Nummern zu den biblischen Texten weltliche Kompositionen
herangezogen
hat. Bisweilen glaubt man, zum Vorteil des Ganzen.
Klaus Reiners, der langjährige Leiter der Birnauer Kantorei,
ließ
es hören. Kraftvoll der freudig bewegte Auftakt mit Pauken und
Trompeten
das "Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage". Auch im
Zeitmaß
angezogen, ohne Nachteil für die Präzision von den
mit
Trillern
besetzten Sechzehnteln des Chores. Generell ein Vorteil für
die
Umsetzung,
wonach die Tonbildung nicht im gehackten Stakkato vorgenommen wurde,
wie
es unter anderem Philippe Herreweghe mit seinem Collegium Vocale
bevorzugt.
Klaus Reiners hielt auch Akzentuierungen in Grenzen. Danach begab sich
alles in jener Zeit, wie es nach der Bibel in der Abfassung des nicht
eindeutig
nachgewiesenen Librettisten geschrieben steht.
Greifen wir heraus, was nachhaltige Eindrücke vermittelte: Die
vom Accompagnato wohl eingestimmte Arie "Bereite dich, Zion" durch die
Altistin Ibolya Verebics, der Choral "Wie soll ich dich empfangen" in
meditativ
gestellter Frage, die kontrastierende Antwort mit "Großer
Herr..."
des in die Vollen gehenden Bassisten Rainer Pachner, der orchestrale
Glanz
des mit drei Trompeten (für den verhinderten Rolf Quinque
Bernhard
Kratzer) besetzten jungfräulichen Chorals "Ach mein herzliebes
Jesuslein".
Aufgestockter Hörnerklang für den
majestätischen
Eingang-Chorus
"Fallt mit Danken..." mit fein abgestimmten Zwischenspielen zwischen
Streichern
und Bläsern.
Und schon befand man sich im Fest der Beschneidung Christi. Die
vorzüglich
funktionierende Stimme des Tenors Jürgen Ochs
verkündete es
rezitativisch.
Für die erkrankte Monika Meier-Schmid war der Sopran der
Andrea
Egeler
zu hören, zu genießen, wie sie mit ihrem silbrigen
Timbre in
Akutaresse Text und Töne in Einklang brachte, wie in der so
genannten
Echo-Arie. Zur besten Vorgabe artikulierten die Violin-Solostimmen
(Konzertmeister
Roland Baldini/Naoko Ogura) und Continuo die Tenor-Arie "Ich will nur
dir
zu Ehren".
Gott wurde weiterhin die Ehre gegeben mit Oboe
d'amore
und Streichern
zur Einleitung des V. Teiles. Wer den Chor der Birnauer Kantorei seit
ihrem
Gründungsjahr 1966 kennt, vermisste erstmals ein wenig die
Substanz
der Stimmen. Sie rehabilitierten sich mit der Harmonie der
Choräle,
vor allem mit dem Abgesang des VI. Teiles, dem Epiphaniasfest.
Zu besonderen Hörerlebnissen wurden
Andrea Egeler
mit ihrer Largo-Arie
"Nur ein Wink" und Tenor Jürgen Ochs in seiner Vivace-Arie
"Nun
mögt
ihren stolzen Feinde schrecken". Beifall war unerwünscht. Dann
gratulieren
wir halt hier zu einer insgesamt würdigen Umsetzung von
Bach.
Gerhard Hellwig
2.Oktober 2001
Im
Kampf um die Gottesmacht
Der Elias gilt als Gegenstück zum
alttestamentlichen Paulus und
ist zwar nach dessen Vollendung geplant, aber erst zehn Jahre
später,
1846, in Birmingham uraufgeführt worden. Den Held, eine
gotteigene
Prophetengestalt der Bibel, zeigt der Text als Kämpfer, aber
auch
als Wundertäter, der Regen für das ausgetrocknete
Land
erbittet.
Als Solisten erscheinen eine Witwe, sie bietet Elias (Bass, gesungen
von
Michel Brodard) eine Herberge, ein Knabe, der das Wetter beobachtet
wird
im Sopran (aus dem Chor) von Judith Stärkle gesungen, den
Engel
und
die Königin, gesungen von der Altitstin Liliane
Zürcher. Der
Tenor Bernhard Gärtner singt Elias Gefährten Obadjah
und
König
Ahab.
Eine farbig dramatische Komposition führt mitten ins
Geschehen.
Nach vier leitmotivischen Moll-Akkorden der tiefen Blechbläser
tönt
die Stimme des Propheten Elias, der verkündet, es solle weder
Tau
noch Regen geben, bevor er, Elias, es ansagen werde. Erst dann erklingt
die Ouvertüre und leitet in den ersten Teil des ersten Chores
ein,
die Klage des Volkes um Hilfe für die verlorene Ernte.
Der fromme Odadjah ruft dasVolk zur Reue auf, das Volk antwortet mit
einem verzweifelt erregten Chorsatz, der in der Wiedergabe der Birnauer
Kantorei von Ausdruck und Echtheit geprägt ist: Aber der Herr
sieht
es nicht, er spottet unser. Die Dürre aber dauert an. Als auch
der
Bach vertrocknet ist, erweckt Elias den todkranken Sohn einer Witwe zum
Leben. Die Klagen der Trauernden werden von der Sopranistin Barbara
Locher
als Witwe und im Gebet des Elias (Michel Brodard) ergreifend gesungen
und
gestaltet. Das Rezitativ des Obadjah präsentiert der Tenor
Bernhard
Gärtner in großen Bögen und instrumentaler
Stimmführung.
Auf die dramatische Szene des Duetts folgt die eigentliche Hauptszene
des
Werkes.
Im dritten Jahr der Dürre
kündigt Elias vor
dem König
von Israel Regen für sein Land an. Brodards Stimme
erfüllt
voll
und rund den Raum der Basilika. Auch er spannt einen weiten Bogen
musikalischer
Symbole seiner prophetischen Sendung. Elias ruft die Priester des
heidnischen
Baal zu einem Wettstreit auf. Ein Brandopfer soll gelegt, aber kein
Feuer
daran entzündet werden, bis der als wahrer Gott verehrt werden
soll,
der den zündenden Blitzstrahl auf den Altar sendet.
Männerstimmen von Posaunen und Hörnern begleitet -
Frauenstimmen
von Holzblasinstrumenten getragen, wechseln einander ab, und
musikalischer
Leiter Klaus Reiners vereinigt in imposanter Manier alle zu einem
auftrumpfenden
Tutti- Satz. Da stürzt die Flamme vom Himmel auf den
Opferaltar:
Der
Feuerzauber mündet in einen choralartigen Gesang des Volkes:
Der
Herr
ist Gott, es sind keine anderen Götter neben ihm. Daraufhin
lässt
Elias die Priester des Götzen Baal hinrichten.
Im zweiten Teil des Oratoriums besticht Barbara Locher in der
Sopran-Arie
"Höre, Israel", erneut mit glasklarer Stimmführung
und
Virtuosität,
die unter die Haut geht. "Fürchte dich nicht, spricht unser
Gott",
antwortet der Chor, geschlossen in Diktion und
intonationsmäßig
absolut sauber. Die Königin hetzt das Volk auf, den unbequemen
Mahner
zu töten. Elias gibt auf und flieht. Inniger Ausdruck der
Celli in
der Einleitung zu seiner Arie "Es ist genug". Bevor sein Lebensende in
einer großen, balladesken Chorerzählung
zusammengefasst
wird,
gelingt der Altistin Liliane Zürcher mit der Arie des Engel
"Sei
stille
dem Herrn und warte auf ihn" eine zentrale Aussage, mit ungeheurer
Kantabilität
gesungen. In Terzen aufsteigende Tonleitern der Singstimmen
symbolisieren
Elias Auffahrt zum Himmel. Ergreifende Stille folgt in das
Glockengeläut
in der bis auf den letzten Stehplatz besetzten Birnauer Basilika.
Christiane Pieper

17. Juli 2001
Georg Friedrich
Händel ohne Pomp
Textbezogene Wiedergaben im Konzert der Birnauer
Kantorei in der
Klosterkirche - Ein Loben und ein Jubilieren
Wie immer: Die bedeutendste Barockkirche am
Bodensee ein
Publikumsmagnet,
wenn die Birnauer Kantorei zu Konzerten ruft. Und wenn dann noch
Händel
pur zu hören ist, dann sind Bänke und Stühle
im
Zisterzienser
Wallfahrts-Gotteshaus mehr als sonst nahezu besetzt. Beifall untersagt.
Auch ohne ihn war es den Zuhörern abzulesen, dass sie dankend
aufgenommen
hatten, was Chor und Orchester der Kantorei vollbrachten.
Im 35. Jahr ihres Bestehens war es ein Loben und Jubilieren, das
Dirigent
Klaus Reiners nicht aufs Pompöse ausgerichtet hatte. Die Texte
waren
Richtschnur für die Gestaltungsakte.
Der Sopran der Andrea Egeler eröffnete mit ihrer technisch
abgesicherten
Stimme das Lobpreisen auf den Namen des Herrn. Händel
stilistisch
auf die Spur gesetzt, forderte sie "alle Knechte dieser Welt" auf, und
damit den Chor, das "Laudate pueri Dominum" zur Pflicht zu machen. Die
Worte des dichtenden Psalmisten, auch den Geringeren aus dem Staube zu
helfen, hatten in der instrumentalen Concertato- Besetzung
erhöhte
Aussage durch Andrea Egeler, die ihrem nachfolgenden "Qui habitare
facit.."
fein ausgewiesene Verzierungen zuteil werden ließ.
Erster Höhepunkt des Konzerts: Die präzisen
Einwürfe
des Chores ins Sopransolo zur Ehre der Dreieinigkeit und das Harmonie
gesättigte
"Amen". Händel, der Kosmopolit mittel-süddeutscher,
italienisch-
französischer Wurzeln, hat sein Konzert für Orgel und
Orchester
Nr. 10 in d-moll nach Umfang und Form auf kleinst mögliche
Dynamik
gesetzt. In diesem Sinne spielte Bernhard Ladenburger, der nach
Vorschrift
ohne Pedal den zarten Stimmen des Oberwerks introvertierte
Ausdruckskraft
verlieh; dieses Adagio gerahmt von Celli, Fagott, Kontrabass und
Cembalo.
Die Noten-Verkleinerung des Schönen stellte sich mit dem 1.
Allegro
ein und nach der Brückenfunktion von wenigen Takten hin zu
einem
bestens
funktionierenden Wechselspiel zwischen Orgel und Orchester.
Vielleicht die imponierendste Tat des Ensembles: Das "Jubilate" nach
Psalm 100.
Klaus Reiners sorgte für ein Hörbild barocken
Zusammenspiels
zwischen Solisten, Chor und Orchester. Aufbruch zum Jubilieren durch
das
instrumentale Allegro, ein Frohlocken durch den kolorierenden Alt
Sophia
Barts, erhöht durch das von Trompeten- Tönen (Rolf
Quinque)
überglänzte
Orchester. Prononciert kam das "Seine Wahrheit besteht zu allen Zeiten"
im Terzett
(Sophia Bart, Edzard Burchards/ Tenor, Hermann Locher/ Bass). Zum
Widerglanz
des barocken Weltbildes machte der Chor das "Ehre sei Gott" mit dem
profunden
"Amen"- Ablauf.
Zum Finale die konzertierte, konzentrierte Aktion von Soli, Chor und
Orchester im "Te Deum laudamus". Da wude aus gläubiger Seele,
vollem
Herzen die Herrlichkeit des Herrn besungen, das Vertrauen auf die
"Gnade
des Lichts" zu beredtem Ausdruck gebracht, endend in der Hoffnung, auf
"ewig bei dir", dem liebenden Vater, zu leben. Und wieder einmal,
diesmal
mit Händel, war die Birnauer Kantorei unter Klaus Reiners, und
sie
tut es seit 1996, eine freigiebig Musik verschenkende "verschworene
Gemeinschaft".
GERHARD HELLWIG

27.Juni 2001
Sensibler
Klang
Konzert der Birnauer Kantorei im Salemer
Münster
Im Münster "Unserer lieben Frau"' in Salem
begrüßte
Pfarrer
Nicola die Gäste, die zum Konzert "Europäische Chor-
und
Orgelmusik"
mit der Birnauer Kantorei gekommen waren. Das Konzert fiel
auf
den
100. Geburtstag der "Dreifaltigkeits-Orgel", die von Wilhelm
Schwarz
aus Überlingen erbaut worden war.
Das Programm enthielt Werke von Komponisten aus sieben verschiedenen
Ländern. Die Lebensdaten der Meister liegen zwischen
1809
und
1986.
Zur Eröffnung tönte von der Orgelempore durch
Bernhard
Ladenburger
(Freiburg) der 1. Satz aus der Orgelsymphonie von Charles-Marie Widor
(1844-1937).
Er war Begründer eines neuen Orgelstils, der viele Nachahmer
fand.
Die Klänge beherrschten jeden Winkel des Kirchenraumes, traten
aber
zwischendurch in verhaltenere Sphären zurück. Mit
zwei
Psalm-Gesängen
von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) erfüllte
der
dichte
und in sich sensible Klang des Chores die Herzen der
Zuhörer.
Der Frauenchor mit Orgel bestätigte in einem dreistimmigen
Psalm
die
Feinheit des Chorgesanges. So eröffnete
ein deutscher Komponist die Gesänge und schloss diese mit dem
Jubilar Josef Rheinberger (1893-1901) zu seinem 100. Geburtstag
ab.
Obwohl in Vaduz geboren, möchte man Rheinberger als
Münchner
ansprechen, denn hier wirkte er unablässig sein ganzes Leben.
Sein
Stil ist eindeutig rnitteleuropäisch, vergleicht man ihn mit
dem
der
anderen Komponisten im Programm.
Der Chor, der nun vier- und sechsstimmige Chöre von
Zoltán
Kodály (1882- 1967) erklingen ließ, war auch in
dieser
Mischung
von östlichen Harmonien und Rhythmen wie zu Hause. Freudig
erklang
der Anfang, um dann ins "Piano subito" abzusinken zu neuem Aufbau und
bis
zu trompeten- und posaunenartiger Kraft anzuwachsen.
Durch gegensätzliche Klänge von Marc
Duruflé
(1902-1986)
wurden die Hörer in unser gerade vergangenes Jahrhundert
versetzt.
Drei Motetten, op. 10, a capella gesungen, die auf altem
gregorianischen
Stil aufgebaut waren, schichteten sich in unglaublicher Dichte
übereinender,
ohne dabei laut zu werden. Tragende Klangdichte, die
verinnerlichte
Gläubigkeit betonte, gab Zeugnis vom Chor-Klang, der auch im
Pianissimo
trägt. Durch Serge Rachmaninoff (1873 1943) wurde
man in die
Weite russischer Natur versetzt, die aber dramatische Bewegtheit
besitzt
und mit verhaltenem Bitten in innerste Seelentiefen führt.
Auch
die
Musik von Charles Hubert H. Parry (1848-1918), der schon
achtjährig
zu komponieren begann, trat mit stillen Klängen, die Verehrung
offenbarten,
hervor, um dann in ein sicheres Glaubensbekenntnis zu münden.
Sie
beeindruckte in Komposition und Wiedergabe. Da war Edvard Griegs
(1843-1907)
nordische Musik sehr nahe am mitteleuropäischen Stil stehend.
Der Italiener Bonaventura (1893-1960) ließ wogende
Klänge
aufsteigen in seinem vierstimmig gemischten Chor mit Orgel. Seine
Klangwelt
kündete bewegt von der südeuropäischen
Seele.
In alle diese Ausdrucksstimmungen führte Klaus Reiners seine
Sängerinnen
und Sänger mit Gesten, nicht mit dem Taktstock, in die
Seelenfarben
europäischer Vielfalt. Die freie Fantasie von Louis Vierne
(1870-1937)
für Orgel hatte die große Gesangsreihe unterbrochen
und
mischte
französisches Kolorit nochmals von der Orgel aus hinein.
Vielfalt
in musikalischer Einheit gestaltete kompositorische Seltenheiten in
ausdrucksstarker
beeindruckender Wiedergabe.
Friedward Blume
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