Konzertkritiken  ab 2001
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2011




  Konzert vom 12.12.2011 in Tuttlingen [  Bach, Weihnachtsoratorium I-III ]
  Konzert vom 05.12.2011 im Marienmünster Mittelzell [  Bach, Weihnachtsoratorium I-III ]
 Konzert vom 17.07.2011  in der Basilika Birnau [  Bach, Händel ]
  Konzert vom 15.05.2011 in der Basilika Birnau [  Mozart: Missa in C, Vesperae solennes,
    Regina Coeli ]
2010



  Konzert vom 28.09.2010 in der Basilika Birnau
[  Händel: Messias ]
  Konzert vom 25.07.2010 in der Basilika Birnau
[  Haydn: Cäcilienmesse ]
  Konzert vom 14.03.2010 im Marienmünster Mittelzell [  Bach: Matthäuspassion ]


2009


  Konzert vom  05.10.2009 in der Basilika Birnau [  C. Franck: Die 7 Worte Jesu am Kreuz,
   Ch. Gounod: Cäcilienmesse]
   Konzert vom 09.05. 2009 in Tuttlingen [  Mozart ]
   Konzert vom 03.05. 2009 in der Basilika Birnau [  Mozart ]

2008


   Konzert vom 02.12.2008 im Marienmünster Mittelzell [  Bach: Weihnachtsoratorium I-III  ]
   Konzert vom 28.09.2008 in der Basilika Birnau
[  Dvoràk: "Stabat Mater" ]
   Konzert vom 20.07.2008 in der Basilika Birnau [  Haydn: "Missa cellensis"]
   Konzert vom  22.06.2008 in der Basilika Birnau [  "Musik der Engel" Capella Cantorum
    Freiburg ]
  Konzert vom 04.05.2008 in der Basilika Birnau [  Mozart: Sinfonia Concertante Es-Dur,
   c-moll-Messe]
  Konzert vom 19.04.2008 in Wangen /Allgäu [  Mozart: Klarinettenkonzert,
   c-moll-Messe]



2007
   Konzert vom 24.06.2007 in der Basilika Birnau [  Schubert: As-Dur-Messe, Symphonie 
   Nr.7, Bizet: "Te Deum" ]
   Konzert vom 22.07.2007 in der Basilika Birnau [  Schubert; Laszlo Vas: Festmesse ]
   Konzert vom 24.06.2007 in der Basilika Birnau [  Musica Sacra - A capella-Konzert ]
   Konzert vom 06.05.2007 in der Basilika Birnau [  Mozart: Litaniae, Klarinettenkonzert,  
   Große Messe in C ]
  CD-Vorstellung: Orgelimprovisationen von K. Reiners
    

2006

   Konzert vom 02.Okt.2006 in der Basilika Birnau
[ Mendelssohn: "Wie der Hirsch schreit";
   "Lobgesang" ]
   Jubiläumsveranstaltung im Juli 2006 im Kloster Maurach

   Konzert vom 18. Juni 2006 in der Basilika Birnau
[ Mozart: "Regina Coeli", Requiem ]
   Kulturpreisverleihung

   Konzertvorschau 40-jähriges Jubiläum
   Konzert vom  07. Mai 2006 in der Basilika Birnau
[ Mozart: Te Deum/ Lit. Lauret./Missa in C]


2005

  Konzert vom 25.Sept 2005 in der Bailika Birnau [ Brahms: Requiem ]
  Konzert vom 17. Juli 2005 in der Basilika Birnau
[ Bach: Oster-Oratorium / Telemann ]
  Konzert vom 19. Juni 2005 in der Basilika Birnau
[ A Capella / Orgel und Trompete ]

  Konzert vom 01. Mai 2005 in der Basilika Birnau [ Mozart: Litaniae.. / Missa in C ]
  Konzert vom  06. März 2005 im Marienmünster Mittelzell

[ Bach: Johannes-Passion ]
 2004
  Konzert vom 28.Nov. 2004 im Marienmünster Mittelzell [ Weihnachtsoratorium Kant I, II, II ]
  Konzert vom  26. Sept. 2004 in der Basilika Birnau [ Dvorak: Requiem ]
  Konzert vom 18. Juli 2004 in der Basilika Birnau [ Barocke Musik ]
  Konzert vom 20. Juni 2004 in der Basilika Birnau [ Haydn: Die Schöpfung ]
  Konzert vom 09. Mai 2004 in der Basilika Birnau [ Mozart ]

2003

  Konzert vom 28. Sept. 2003 in der Basilika Birnau [ Elias ]
  Konzert vom 20. Juli 2003  in der Basilika Birnau [ Bach / Telemann ]
  Konzert vom 22. Juni 2003 in der Basilika Birnau [ Europ. Chor- und Harfenmusik ]
  Konzert vom 04. Mai 2003 in der Basilika Birnau [ Mozart ]
  Konzert vom 30. März 2003 im Marienmünster Mittelzell [ Die Schöpfung ]

2002

  Konzert vom 29. Sept. 2002 in der Basilika Birnau [ Mendelssohn / Bruch / Puccini ]
  Konzert vom 21. Juli 2002 in der Basilika Birnau [ Bach ]
  Konzert vom 05. Mai 2002 in der Basilika Birnau [ Mozart ]
  Konzert vom 21. April 2002 im Dom zu Würzburg [ Europ. Chor- und Orgelmusik ]
  Konzert vom 10.März 2002 im Marienmünster Mittelzell [ Bach: h-moll-Messe ]

2001

  Konzert vom 16. Dez. 2001 in Tuttlingen [ Weihnachtsoratorium Kant I, IV -VI ]
  Konzert vom  09. Dez. 2001 im Marienmünster Mittelzell [ Weihnachtsoratorium Kant I, IV -VI ]
  Konzert vom 30.Sept. 2001 in der Basilika Birnau [ Elias ]
  Konzert vom 17. Juli  2001 in der Basilika Birnau [ Händel ]
  Konzert vom 24. Juni 2001 im Salemer Münster [ Europ. Chor- und Orgelmusik ]



Zeitungsartikel: Gränzbote Tuttlingen



SÜDKURIER                                                    06.12.2011

Jauchzen und Frohlocken im Reichenauer Münster

Die Birnauer Kantorei unter Klaus Reiners' Leitung bot Bachs Weihnachtsoratorium

Alljährlich für Konzertchöre zur Weihnachtszeit ein Garant für volle Kirchen: Bachs „Weihnachtsoratorium“, in allen Darbietungsformen von spröder Historizität mit kleinen, elitärem Originalklang verpflichteten Ensembles über grundsolide Kirchenchorkonzepte bis zu gewaltigen, oratorischen Großaufführungen, seien es die Kantaten 1-3 oder 4-6 oder gar das ganze Werk. Und das ist gut so, weil nirgendwo sonst die Weihnachtsbotschaft so eindringlich und ergreifend vermittelt wird wie in diesem populär gewordenen Werk.

Die Birnauer Kantorei unter Klaus Reiners' immer präsenter, klarer, auch ideenreicher Leitung führte jetzt im Reichenauer Münster die ersten drei Kantaten in sehr geschlossen wirkender Weise auf.

Mit 70 Sängerinnen und Sängern gibt die Kantorei sowohl einen zu rundem Pianoklang als auch zu Fortissimo-Großlob fähigen Klangkörper ab, der zudem mit sattem Männerstimmenanteil punkten kann. Die adventlichen Choräle waren in getragenen Tempi ohne Fermaten-Zäsuren empfindsam dargestellt; Lobchoräle hatten trompetenüberglänzt festliche Züge. Maß aller Dinge sind aber immer die Koloraturenketten, die die Birnauer perlenschnurglänzend, ohne Stimmdruck elegant servierten: „Ehre sei Gott“ und „Herrscher des Himmels“ waren solche Glanzpunkte.

Großen Anteil an der Beliebtheit des Werks haben das Orchester respektive die von Bach mit besonderer Sorgfalt ausgesuchten Soloinstrumente zu den ariosen Vokalsolopartien: Ob die so klangschöne Wunderwelt der Oboen und Oboi d'amore (Gisela Feifel), die von feiner Blaskunst getragene Querflöte (Gertraud Malchow), die herrliche Figurierung der Violine (Roland Baldini), das ergänzende Solo- und Generalbassspiel von Cello (Katharina Buschhaus), Kontrabass (Peter Lamm) und registerwechselnder Truhenorgel (Helmut Brand) oder die festlich und klangdicht geblasene Trompete (Bernd Kratzer): Das war farbenplastischer Genuss, zu dem sich das stark besetzte Tutti als geschmeidiger Partner des Chors gesellte. „Jauchzet, frohlocket!“ war religiöses und musikalisches Programm von großer Ausstrahlung.  

Das Weihnachtsevangelium nach Lukas sang der Tenor-Evangelist Christoph Wittmann, rezitativisch begleitet, so stimmschön und höhengewandt, dass es von Sprache zu eindrücklich lebendiger Musik wurde – souverän auch in der ganz schwierigen Koloraturarie „Frohe Hirten, eilt!“. Mechthild Bach gab in den wenigenSopranpartien leuchtende lyrische Momente präzise artikulierten Ausdrucks zusammen mit Hermann Locher („Herr, dein Mitleid“), der großartige Bass-Ariendarstellung mit voluminöser, auch baritonaler Klangschönheit bot („Großer Herr“ zusammen mit königlicher Trompete). In drei Alt-Arien erlebte man diemezzosopranhelle, geschmackvoll gestaltende Stimme von Mirjam Blessing („Bereite dich, Zion“, „Schlafe, mein Liebster“).

Eine Aufführung in moderner Stimmung, frei von überdramatischer Interpretation, die anheimelndem Musikgenuss Raum gab und sicher zu großem Beifall geführt hätte, hätte sich der Veranstalter nicht die stille Rückbesinnung auf das Wesentliche gewünscht: Die frohe Weihnachtsbotschaft statt des Leistungs-Beklatschens.



SÜDKURIER                                                                    23.07.2011

Geistliches Konzert in Birnau

Uhldingen-Mühlhofen – Ein höchst interessantes Programm hat sich der Leiter der Birnauer Kantorei, Klaus Reiners, für das sehr schöne geistliche Konzert in der voll besetzten Wallfahrtskirche Birnau einfallen lassen. Mit der Kantate BWV 78 „Jesu, der du meine Seele“ erklang ein Werk, basierend auf dem gleichnamigen Lied von Johann Rist, das in kompositorischer Hinsicht und in Bezug auf Wirkung genial ist.Schon der Eingangschor im Stil einer Passacaglia schmeichelt sich schnell ins Ohr, nicht zuletzt deshalb, weil das Thema bestehend aus einem Oktavsprung und gefolgt von einer chromatisch abfallenden Linie höchst einprägsam ist und im Lauf dieses Satzes siebenundzwanzig Mal in allen Vokal- und Instrumentalstimmen auftritt, einschließlich einer zweimaligen Umkehrung.

Die Birnauer Kantorei sang im verhaltenen mezzoforte, was dem Text, der den Gedanken an die Passion Jesu, die den Glaubenden geheilt und das Gewissen gestillt hat, geschuldet ist.

Bezaubernd geriet das folgende Sopran-Alt-Duett mit obligater Cellobegleitung. Eindrucksvoll das Tenorrezitativ mit gewiss nicht leicht zu singenden, großen Intervallsprüngen, die die „Verzweiflung der Sünder“ treffend nachzeichnen. Unaufmerksamkeiten im Generalbass wirkten hier gleichermaßen irritierend, wie die anfänglichen Intonationsschwächen der Celli im ersten Satz des Orgelkonzerts op. 7.4 in d-moll von Georg Friedrich Händel, dessen Gravität im ersten Satz gerade mit der dunklen Klangfärbung der tiefen Streicher ganz charakteristisch betont wird.

Bernhard Ladenburger spielte die Truhenorgel im Chorraum der Birnau absolut souverän. Gestaltungsmöglichkeiten scheinen aber instrumentell bedingt begrenzt zu sein, so liefert die Orgel offensichtlich kaum Möglichkeiten, bei Echopassagen wirkungsvoll abzuregistrieren. Dafür waren die Orchestereinwürfe höchst präzise und die Balance zwischen Orgel und Orchester wirkte sehr ausgewogen.

Im frühklassischen „galanten Stil“ und damit völlig anders die Bachkantate präsentierte sich das „Gloria in excelsis Deo“ in G-Dur des jüngsten Bachsohnes Johann Christian Bach, der erst 15 Jahre alt war, als sein Vater starb. Das Werk zeigt deutliche italienische Einflüsse mit verselbstständigen Soli, denen lange Orchestervorspiele vorausgehen. Prägnant sind zudem die opernhaften Kadenzen am Schluss der Soli. Im ersten Satz packte der Chor richtig zu, ließ die kurz skandierten „Gloria“ im ersten Satz jubeln und überzeugte durch Präsenz und gut verständliche Sprache. Von den Solisten, denen es im Quartett etwas an Homogenität fehlte, überzeugte besonders die Sopranistin Barbara Locher mit klarer Stimme und federleicht erscheinenden Koloraturen. Mirjam Blessings Altstimme klang ebenfalls sehr schön, wenngleich etwas weniger tragfähig. Bertrand Bochuds Tenorpart ließ mitunter Konsonanten missen, was ihn schwerer verständlich machte. Eric Fergusson präsentierte eine sehr kräftige, sonore Bassstimme. „Es war wieder einmal sehr schön“, meinte ein Zuhörer nach dem Konzert, dem ist nichts hinzuzufügen.

Bernhard Conrads






SÜDKURIER                                                                                             30.07.2010

Barocke Lebendigkeit im warmen Lichtspiel


Birnauer Kantorei und Bernhard Kratzer begeistern mit zwei Haydn-Werken in der ausverkauften Wallfahrtskirche

Uhldingen-Mühlhofen (bc) Mit zwei Werken des Komponisten Joseph Haydn gestaltete die Birnauer Kantorei unter der Leitung von Klaus Reiners ein geistliches Konzert in der ausverkauften Wallfahrtskirche Birnau. Die Nachmittagssonne schuf dazu im barocken Kirchenraum mit warmem Lichtspiel eine stimmige Szenerie, in der das „Konzert für Trompete und Orchester in Es-Dur“ sowie die „Missa Cellensis In Honorem Beatissimae Virginis Mariae“ erklangen. Zu dieser „großen Marienzeller Messe“ überaus passend, thronte die Skulptur der Jungfrau Maria mit Kind über Chor und Orchester.

Das Trompetenkonzert zu Beginn faszinierte mit barocker Lebendigkeit und typisch Haydn'scher Fröhlichkeit. Im ersten Satz treten Soloinstrument und Orchester thematisch in einen Dialog, in dem Trompeter Bernhard Kratzer mit treffsicherer Intonation brillierte und besonders, aber keineswegs ausschließlich in der virtuosen Kadenz überzeugte. Verzierungsreich und mit Anmut gestaltete Kratzer den zweiten langsamen Satz. Virtuos auch der dritte Satz, dessen Thema sich als Ohrwurm sofort ins Ohr einnistet. Nichts „kiekste“ und mit ansprechender Artikulation machte Kratzer der Beliebtheit dieses Werks wirklich alle Ehre. Lediglich das Orchester leistete sich hin und wieder gewisse rhythmische Unschärfen. Es „klapperte“ zuweilen nicht nur im Trompetenkonzert, sondern auch in der nachfolgenden Messe.

Die „Große Marienzeller Messe“ ist Haydns zweite erhaltene und zugleich größte Messevertonung. In dieser hat der Chor der Kantorei einiges zu tun und er löste diese Aufgabe mit Bravour. Ausnahmslos alle Stimmlagen zeigten Präsenz in den Einsätzen, diese kamen präzise, wie beispielsweise der Bass zu Beginn der „Kyrie eleison“-Fuge im dritten Satz sowie der groß angelegten Schlussfuge des Gloria. Ebenso herrlich die Einsätze in der emotional tiefgehenden „Gratias agimus tibi“-Fuge.

Auch hinsichtlich Dynamik durften die Zuhörer mehr als zufrieden sein. Besonders, aber nicht ausschließlich, fand Reiners mitsamt Chor im „Gloria“ ein Feingefühl für zarte Piano- und Fortestellen. Gelungen geriet die Hervorhebung des Wortes „magnam“, mit der die Größe der Herrlichkeit Gottes besonders betont wurde. Wunderbar nuanciert wirkten Stellen wie „qui tollis peccata mundi, miserere nobis“ und strahlend das „et resurrexit“ im Credo.

Unter den Solisten brillierte die Sopranistin Ruth Liebscher, die mit stetem Lächeln und klarer Stimme Koloraturen und Verzierungen mit leichter, knackig-barocker Artikulation sang. Das machte Spaß. Brigitte Schweizer (Alt) enttäuschte in tiefen Altstimmlagen und ihr extrem langsames, zuweilen ausladendes Vibrato ist nicht jedermanns Geschmack. Souverän und nuanciert sang Karl Jerolitsch seinen Tenorpart. Jens Harrmanns Bassstimme zeigte Wandelbarkeit. Das Publikum hätte sicher gern und lang applaudiert, wenn es erlaubt gewesen wäre.
 
B. Conrads




SÜDKURIER                                                                                          16.03.2010

Beispielhafte Tonschönheit

Die Birnauer Kantorei präsentierte Bachs „Matthäuspassion“ im Reichenauer Münster

„Opera Komödie“ oder „Oratorische Passion“, Anfangsverdacht zur Uraufführung oder Gipfelkreuz evangelischer Kirchenmusik: Mit der „Matthäuspassion“ hat
Johann Sebastian Bach jedenfalls das größte musikalische Kompendium christlicher Verkündigung geschaffen. Monumental-dramatisches Massenchorwerk oder kontemplativer und ergreifender Gottesdienst zu Jesu Todesstunde – wie viele Aufführungskonzepte dieses Werk seit der historischen Berliner Wiederaufführung 1829 durch Felix Mendelssohn erlebt hat, weiß niemand.

Nun hat sich die Birnauer Kantorei unter ihrem Leiter Klaus Reiners des Werks im Reichenauer Münster angenommen, und es wurde eine Aufführung, die weder das theatralische Konzept „Drama ohne Bühne“ noch die Beschränkung auf kirchenmusikalisches Maß favorisierte, sondern die musikalische Mitte hielt. Mit hervorragend geschultem Doppelchor, solistisch besetzter Holzbläserformation, zwei Teilorchestern und rundum hochqualifizierten Vokalsolisten erreichte sie eine dichte musikalische Erlebnisbreite.
Christoph Wittmann führte durch den Matthäus-Text mit einer Evangelisten-Tenorstimme, die absolute Klarheit und Tonschönheit bis in die Spitzenlagen hinein garantierte, und Christian Feichtmair stattete die Jesus-Worte mit durchaus hellerem Basstimbre aus, das nicht nur den „gütigen“ Jesus charakterisierte sondern das Bild des leidenden, dabei aber göttlichen Jesus vermittelte.

Dem stand das kommentierende Solistenquartett mit den ergriffenen, am Leiden teilhabenden Partien in orchestral begleiteten Rezitativen und Arien gegenüber: Barbara Lochers fein balancierter Sopran, Mirjam Blessings hell timbrierter Alt, wie denn beiden Frauensolostimmen Verinnerlichung mehr eignete als dramatischer Gestus. Jürgen Ochs (Tenor-Arien) und Thomas Gropper (Bass-Arien) schöpften aus reichem gestalterischem Können, brachten lyrische Linien und Koloraturen in beispielhafter Tonschönheit. Zum solistischen Gefüge gehörten auch die „Nebenrollen“ der Passionsgeschichte, die zusammen mit dem wachen und ungeheuer stark geforderten Anpassungsvermögen des Orchester-Continuo und
der Truhenorgel (Helmut Brand) einhergingen. Klaus Reiners hielt in logistischer Meisterleistung all diese Gruppen samt dem Doppelchor sicher zusammen. Da leuchteten Oboenfarben von Gisela Feifel und Nadine Bauer auf, gaben virtuose Geigensoli von Roland Baldini und Naoko Ogura den Arien großartige kammermusikalische Wirkung, spielte Gertraud Malchow Querflötenlinien von großer Eleganz, erhob sich auch das Continuo-Cello in die solistische Ebene mit Figuren, die jedem Cellokonzert Ehre machen würden. (Abgerundet durch zwei selbstständige, stark besetzte Streichorchesterguppen stand den Vokalsolisten
und Chören ein Instrumentarium zur Seite, das präzise agierte und reagierte, vielleicht gelegentlich mit kalten Fingern zu kämpfen hatte.

Vielstimmiger Großchorklang

Die „Birnauer Kantorei“ hatte ihre über 80 Sängerinnen und Sänger in zwei auch selbstständig konzertierende Chöre aufzuteilen. Klang Chor 1 insgesamt zupackender, gab Chor 2 mehr die weichen Linien. Waren die Chöre vier- oder achtstimmig vereint, wurde Großchorklang erreicht, den der Dirigent sehr sorgsam lenkte. Die 13 Choralsätze wurden schlicht und ohne Fermaten-Zäsuren gesungen, klangen homogen, bezogen ihre Kraft aus dynamischen Flächen mit sparsam gesetzten Akzenten. Nicht so die Einwürfe des „Volks“: Da ballten sich dramatische Akkorde („Barrabam!“ und die verspannten Kreuzmotive in „Lass ihn kreuzigen!“), gefolgt von erschüttertem piano („Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe“), kamen die Attacca-Einsätze zu kurzen Einwürfen und Fugierungen gestochen scharf und präzise.

Eingangs- und Schlusschor des ersten Teils erhielten besonderen Raumglanz durch die hellen Cantus-firmus-Stimmen der Jugendkantorei des Konstanzer Münsters
(„O Lamm Gottes, unschuldig“). Die Finalszene, wo in der letzten Arie („Mache dich, mein Herze rein“) und im Schlusschor alle voraus-gegangene Dramatik in stillen Tränen-schmerz und Heilszuversicht mündet, krönte eine Aufführung, die mit ihren
78 Einzelstücken zu packender Ganzheit wurde: Das unfassbare Genie Bachs und unzählige musikalische Einzelleistungen, die sich hier unter Klaus Reiners vereint hatten, führten schließlich zum Ergreifendsten, was diesem Großwerk passieren kann: Zur minutenlangen Stille der vollen Kirche zum Geläut der Münsterglocke.

Reinhard Müller 





SÜDKURIER                                                                                               08.10.2009

Solisten und Chor im Zwiegespräch

Ihr Abschlusskonzert widmete die Birnauer Kantorei mit Orchester unter gewohnt präziser Leitung von Klaus Reiners kürzlich zwei Komponisten der Spätromantik aus Frankreich.
César Franck (1822-1890) komponierte „Die sieben Worte Jesu am Kreuz“ für Soli, Chor
und Orchester, Charles Gounod (1818-1893) die „Messe Solennelle en l'honneur de Sainte Cécile“, die „Feierliche Messe zu Ehren der Heiligen Cäcilia“ (Cäcilienmesse) für drei Solostimmen, Chor, Orchester und Orgel.


Die Heilige Cäcilia, deren Fest die Kirche nach dem Heiligenkalender jährlich am 22. November feiert, ist die Patronin der Kirchenmusik. „Geistliche Musik Birnau“ nennt die Kantorei ihre Konzertreihe. Pater Bruno Metzler vom Zisterzienserpriorat an dieser wohl schönsten spätbarocken und im Jahr 1971 von Papst Paul VI. zur „basilica minor“ erhobenen Wallfahrtskirche am Bodensee stellte in seiner Begrüßung der Zuhörer des gut besuchten Kirchenkonzertes den Bezug der geistlichen Musik zur Liturgie in dieser Kirche her. Im Glockenklang am Ende durften Musiker und Sänger tief empfundenen Dank der Zuhörer ausgedrückt wissen. Zu exzellentem Gesang und Musik kam eine weitere Solistin zauberhaft hinzu: Die herbstliche Abendsonne spielte mit ihren Strahlen in der Kirche, wanderte im Chorraum über die Köpfe von Dirigent, Musiker und Sänger hinweg und strahlte mit fortschreitender Tageszeit eines ums andere der barocken Kunstwerke an.

Die Musik der beiden Franzosen aus gleicher Zeit im 19. Jahrhundert erinnerte einmal an die Musik in Frankreichs Klöstern wie in Cîteaux, Clairvaux und Molesme bei den Zisterziensern – bescheiden, einfach, leise, innig, eindringlich und doch überzeugend. Sie zeigte aber auch den Stolz der „grande nation“ nach den Ereignissen der Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts. Und das nicht erst beim abschließenden „Domine salvam“, dem Gebet zum Schutz von Kirche, Armee und Nation. Schon im Auftakt zu den „Sieben Worte Jesu am Kreuz“ deutete der Komponist im ergreifenden Gesang des Chores auf etwas Besonderes hin – die Passion Jesu als Erlösung der Menschen. Immer wieder das „Zwiegespräch“ von Chor und Solisten. Äußerst sensibel etwa drückte im fünften Wort – „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – die Musik Verlassenheit und Klage Jesu aus. Oder der aggressive und fast spöttische Ton des Chores: „Wenn du der König der Juden bist, so hilf dir selbst!“ als weiterer biblischer Text. Ganz leise gesungen vom Chor: „Es ist vollbracht.“ Die Instrumente malten beim siebten Wort, wie sich Jesus in Gottes Willen ergibt: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Zur „Cäcilienmesse“ rückten noch mehr Bläser aufs Podium. Charles Gounod komponierte das Messordinarium, indem er die Bedeutung der Doxologien in der Vertonung hervorhob
wie etwa beim Credo die wichtige Glaubensaussage der Auferstehung „et resurrexit tertia die“ mit sich steigernder Melodie. Die Messe stand unter Spannungsbogen und Wechselangebot guter stimmlicher Disposition von Chor und Solisten in harmonischem Zusammenklang mit den Instrumentalisten.


Theo Wieland




GRÄNZBOTE                                                                                        11.05.2009

Birnauer Kantorei sagt mit frohen Mozart-Werken "danke"

TUTTLINGEN - Ein "Dankeschön" an den langjährigen Förderer Professor Dr. Michael Ungethüm ist das Konzert der Birnauer Kantorei unter Klaus Reiners am Samstagabend in der Stadtkirche gewesen. Die Zuhörer erlebten ein gelungenes Mozartprogramm.

Ein freudiges Fest sollte es sein, wenn der Fürsterzbischof Hironymus Colloredo in barockem Ornat im Salzburger Dom das Amt feierte; und passende Musik dazu lieferte Wolfgang Amadeus Mozart. In gehobene Stimmung hob nun gleich zu Beginn des Konzertes die Kirchensonate KV 278 das Publikum. Das folgende "Regina Coeli" KV 276 war dezent dynamisch abgestimmt. Die Solisten Sabine Winter, Ursula Maxhofer-Schiele, Bernhard Gärtner und Hermann Locher sowie Chor und Orchester erzeugten eine wunderbar himmlische Atmosphäre.

„Sub tuum praesidium" KV 198, des 18-jährigen Mozart für zwei Soprane und Orchester, wurden von Sabine Winter und Ursula Maxhofer-Schiele beseligend gesungen. Ein Beispiel für das Komponieren des zwölfjährigen Mozart war das "Benedictus sit Deus" für Sopran, Chor und Orchester mit triolischen Koloraturen plus Kadenz für die Solistin. Das berühmte, selig strömende "Laudate Dominum" KV 339 des 23-jährigen Mozart sang Sabine Winter berückend schön, und sanft fügte sich der Chor ein. Das berühmte "Ave verum" wurde hier mit romantischen Schwellern geboten.

Orgel-Positiv leider zu leise

Klaus Reiners fügte zwischen diese kirchlichen Werke vier erfrischende Kirchensonaten ein, auch Epistelsonaten genannt, weil sie zwischen Lesung und Evangelium musiziert wurden. Die Kirchensonate KV 336 ist ein delikates Orgelkonzert, die Helmut Brand an dem Portativ brillant musizierte. Leider war dieses Instrument zu leise im Klang, so dass der Solopart dem Orchester gegenüber sich nicht deutlich genug abhob, wie auch dann im Agnus Dei der Missa solemnis KV 337.

Diese Messe ist nicht unbedingt für den großen Birnauer Chor mit seinem homogenen weichen Klang geeignet. Für einen kleinen Chor mit wenigen Knabenstimmen, die von Mozarts Vater Leopold instruiert wurden, und einigen Chorherren, ist diese Messe im Orchesterpart fein ziseliert gearbeitet.

Hatte Reiners das "Kyrie" noch delikat interpretiert, so gingen im tempomäßig überzogenen Gloria die perlenden Sechzehntel der Violinen und die hübschen Einwürfe der Holzbläser völlig unter. Eine Perle der Musik ist das "Agnus Dei" für Solo-Oboe, Solo-Fagott, Solo-Orgel und Solo-Sopran. Feinsinnig ließ Klaus Reiners die Solisten musizieren und führte danach das fröhliche "Dona nobis" mit Schwung dem Ende zu. Das Geläut der Kirchenglocken nahm die feierliche Stimmung auf und darauf folgte der dankbare Beifall der Zuhörer.





SÜDKURIER                                                                                            08.05.2009


Die Sopranistin ist ein echter Glücksgriff

Auch der neue Abt Anselm van der Linde, der abends zuvor seinen offiziellen Amtsantritt gefeiert hatte, weilt unter den inspirierten Zuhörern in der total ausverkauften Basilika. Zum saisonalen Auftakt widmet sich Klaus Reiners mit seiner Birnauer Kantorei samt Orchester und Solisten ausschließlich Werken von Wolfgang Amadeus Mozart. Zu erleben gibt es vor dessen „Missa in C“ geistliche Gesänge und Kirchensonaten. „Ein Bad in C-Dur mit Saitensprüngen nach F“, bestätigt Konzertmeister Roland Baldini den Blick ins Programm.

Kirchensonaten nahmen im Gottesdienst des 18. Jahrhunderts als „Ouvertüren“ zu Messen eine bedeutende Rolle ein. In ihrem verspielten, doch in sich geschlossenen Ausdruck verbinden die einsätzigen instrumentalen Miniaturen ähnliche Charakterzüge. Dazu passt der schlanke Ton der Interpreten mit ausdifferenzierter Artikulation bei gleichzeitiger Homogenität des Gesamtklangs. Die sich spürbar freudvoll auf gesanglich höchsten Touren bewegende Birnauer Kantorei, wie auch die vier Solisten – Sabine Winter (Sopran), Ursula Maxhofer-Schiele (Alt), Bernhard Gärtner (Tenor) und Hermann Locherer (Bass) – fügen sich hervorragend ein. Sabine Winter, zum ersten Mal in der Birnau präsent, erweist sich als Glücksgriff. Sie sticht nicht nur durch ihren klaren Sopran hervor, sondern auch durch ihre Stimmpräsenz und ihre inhaltliche Interpretation, die sich schon dem Opernausdruck nähert.

Spritzig, leicht und fröhlich musizieren Streicher und Bläser die eröffnende Kirchensonate in C. An die Himmelskönigin gerichtet ist mit „Regina Coeli“ das chorische und instrumentale Frohlocken. Gänsehaut erzeugt dabei, wenn das Solistenquartett in kurzen Einwürfen mit dem Chor dialogisiert. Die etwas wuchtig beginnende Sonate KV 329 führen Orgel und Violinen mit silbrigem Sound zu filigraner Transparenz. Eine große emotionale wie poetische Dichte atmet das „Sub tuum praesidium“, ein Offertorium für die Solostimmen Sopran und Alt, Orchester und Orgel, dessen Anfang eine Remineszenz an Michael Haydn's Duett „O Amaryllis“ ist. Mitten ins Herz zielt das „Laudate Dominum“ (KV 339). Es ist vokal und instrumental in reichem, konzertantem Stil gehalten, wobei die einzelnen Sätze in wirkungsvollen Kontrasten gegenüber gestellt sind. Das Magnifikat bildet den klangprächtigen Rahmen, der eine Fülle chorischer und arioser Schönheit einschließt. Wie hier die junge Sopranistin mit unendlich langem Atem in großer farbiger Bandbreite ihren koloraturfähigen, wunderschönen Sopran in den Raumklang schickt, ist grandios. Bemerkenswert ist dabei auch das aus chorischer Verhaltenheit vorwärts drängende Creszendieren.

Immer wieder bestechen das lebendige musikalische Zusammenwirken sowie der akzentuierte Gesang des Chors und der Solisten. Die emotionale Dichte und extremste Dynamik geben Chor, Orchester und Orgel in ihrer unter die Haut gehend übermittelten schmerzvollen Ode an den gekreuzigten Jesu. Sie führt zur extrem farbig und in lebendigem Erzählcharakter gestalteten „Missa Solemnis“. In warmen Farben funkelt vor vollem Glockengeläut die Bitte um Frieden. Fast greifbar ist die Stille im inspirierten Nachspüren. Bestätigend berührt der Dirigent beim Verlassen des Altarraums die Schulter seines Konzertmeisters.

Gabi Rieger


SCHWÄBISCHE ZEITUNG                                                                             05.05.2009

Auftaktkonzert dreht sich um Mozarts Kirchenmusik

Was würde wohl besser in den von der Maisonne durchfluteten Kirchenraum der Basilika Birnau passen als Mozarts weltlich-heitere Kirchenmusik? Traditionsgemäß hat die Birnauer Kantorei am Sonntagnachmittag ihre Konzertreihe mit einem Mozartkonzert eröffnet.

BIRNAU (voi) Wer sich trotz B-31-Baustelle, Messe- und Ausflugsverkehr bis zur Basilika durchgekämpft hatte, durfte ein ebenso inniges wie froh stimmendes Konzert erleben. Kurze Kirchensonaten wechselten mit Kompositionen für Chor und unterschiedliche Solobesetzungen - und immer war da der Geist Mozarts, der die Herzen öffnete und innerlich in den Jubel einstimmen ließ.
Leicht beschwingt führte das Orchester der Birnauer Kantorei mit der Kirchensonate in C,
KV 278, ins Konzert ein, einer Engelsmusik mit duftigen Streichern und gedämpften Bläsern, die einen fröhlichen Glauben verkündet. Weitere Kirchensonaten - kurze Instrumentalsätze in Sonatenform, komponiert als Musik zwischen Epistel und Evangelium der Sonntagsmesse - trennten die folgenden Chorwerke, ließen Streicher und Bläser im Wechsel musizieren, begleitet von Helmut Brand an der Orgel, der besonders in der Kirchensonate in C KV 336
mit filigranem Figurenspiel hervortrat.

Männer sind in der Minderheit

Der große Chor, der sich in sechs Stufen übereinander im Altarraum aufgebaut hatte, zeigte unter seinem künstlerischen Leiter Klaus Reiners seine gewohnte Gesangskultur mit sehr schönem Piano und bewusst eingesetzter Dynamik. Wie so viele Chöre der Region sind auch hier die Männer deutlich in der Minderzahl, dennoch haben sie sich im Wechsel mit den Frauenstimmen tapfer behauptet.

Schwingend und leicht erklang das jubelnde "Regina coeli", das österliche Alleluja, das mit der Gottesmutter die Freude über den Auferstandenen feiert. Das gut harmonierende Solistenquartett mit der Sopranistin Sabine Winter, der Altistin Ursula Maxhofer-Schiele, dem Tenor Bernhard Gärtner und dem Bassisten Hermann Locher stimmte ein in den Jubel. Und das im Wechsel mit dem Chor, der zusammen mit den zirpenden Geigen immer intensiver sein Alleluja in die Kirche trug.

Chor beeindruckt

Auch im folgenden Offertorium "Sub tuum praesidium" KV 198 stand die Gottesmutter im Mittelpunkt. In schöner Harmonie drückten hier die beiden Solistinnen inniges Vertrauen aus. Unter den Solisten hatte Sabine Winter den größten Anteil am Konzert: Mit ihrer sehr kultivierten, warmen Stimme erwies sich die junge Sopranistin aus dem Kleinwalsertal als Glücksfall, im "Laudate Dominum" KV 339 ebenso wie im "Benedictus" KV 117 und in der abschließenden "Missa solemnis in C" KV 337, die nach einem tief beeindruckenden "Ave Verum" des Chors wieder alle Akteure in feierlichem Ernst zusammenführte.






SÜDKURIER                                                                                                    02.12.2008

"Jauchzet, frohlocket!"

Ein besonderes Werk, ein besonderer Ort, ein besonderer Tag. Am ersten Advent hört man eines von Johann Sebastian Bachs beliebtesten Musikstücken besonders gern: das „Weihnachtsoratorium“. Wenn die besinnliche Zeit beginnt, die sich an ihrem Ende meist als wenig besinnlich erweist, stimmt es ein auf jene Wochen, die dem wichtigsten Fest der westlichen Welt vorausgehen. Es führt immer wieder in staunenswerter Weise die Bach'sche Kompositionskunst vor Augen – und es wird natürlich in einer Kirche wie dem Reichenauer Münster von einer besonderen Aura umgeben. Am Ende, nach dem Verklingen der Kantaten I bis III beendet das Läuten der Mittelzeller Glocken einen stimmigen Konzertnachmittag, und aus der ausverkauften Kirche drängt das Publikum, das in dieser Vorweihnachtszeit zumindest eineinhalb Stunden lang Besinnung erfahren hat.

Klaus Reiners leitet die Kantorei, die den beschwingten Tempi des Dirigenten willig folgt. Homogen im Chor, begleitet von souveränen Instrumentalisten ergibt sich so ein Konzert, das weniger auf monumentale Klänge als auf feine Gestaltung setzt. Der Wechsel zwischen großen Chören und fast schon intimen Soli ist nicht vom größtmöglichen Kontrast geprägt, sondern fügt sich zu einem harmonischen Ganzen, zumal das Ensemble von vier professionellen Gesangssolisten ergänzt wird: dem strahlend hellen Tenor Jürgen Ochs, dem kraftvollen, nur in der Höhe bisweilen mit Mühe agierenden Bass Markus Goritzki, der sehr zuverlässigen, klangschön gestaltenden Sopranistin Ruth Amsler und der Altistin Ibolya Verebics, die zwar bedauerlicherweise nicht ganz bei Stimme zu sein scheint, die aber dennoch die großen Alt-Arien einfühlsam präsentiert.

Ihnen allen gelingt es, dieses Kompendium von populären Chorälen, diffiziler Polyphonie, von eingängiger Melodik und virtuoser Verarbeitung zusammenzuhalten, die Spannung zu halten, ohne angestrengt zu wirken – und gerade die Amateure im Chor machen dabei eine sehr gute Figur. Denn auch wenn man sich bisweilen eine dynamisch noch lebhaftere Vorstellung wünschen würde, ruhig auch mit einem so energischen Forte, wie man es in den Schluss-Chorälen erleben kann, auch wenn Bachs Virtuosität spürbare Herausforderung für die Sänger ist, ist es doch bemerkenswert, wie vital die barocke Vielstimmigkeit da aus dem Altarraum klingt. Einschließlich sehr angenehmer Details: So umgeht Reiners im Choral „Wie soll ich dich empfangen“ die oft zu hörenden Atempausen, lässt chorisch atmen und gelangt so zu einer spannungsvolleren Gestaltung der Phrase. Und auch die Abschlüsse gestaltet das Ensemble äußerst sorgfältig.

Viel Freude auch beim Blick in den Orchestergraben: Überstrahlt von einem hervorragenden Trompeten-Trio wird im nicht allzu groß besetzten Orchester konzentriert und gefühlvoll musiziert. Die Soli gelingen bravourös, im Tutti findet man das richtige Verhältnis zu den Sängern. „Jauchzet, frohlocket“, so beginnt das Oratorium – es sollte Motto für diesen Reichenauer Adventsnachmittag sein.

Bettina Schröm






SÜRKURIER
01.10.2008

Marien-Passion von Golgatha zum Paradies

Die Aufführung von Dvoraks "Stabat Mater" durch die Birnauer Kantorei in der Basilika Birnau wurde zum mächtigen Klanggemälde von Leid und Hoffnung.

Über siebzig Minuten dauert es, ehe nach langsamen Tempi das erste Allegro-Zeitmaß in grandiosem „Amen“ das paradiesische Ziel dieser Gottesmutter-Passion erreicht. Dvoraks „Stabat Mater“ ist ein Werk der ruhigen Bewegungen, mehr des schlagenden Pulses als des metronomischen Taktes, mehr der melodischen Klage als der szenischen Vergegenwärtigung der Passionsgeschichte. Was diese Birnauer Aufführung des 1877 entstandenen Opus 58 des großen Böhmen auszeichnete, war der weite Atem des solistischen und chorischen Klangweges vom Leiden zur Paradies-Vision, der dynamisch emotionalisierte Ausdruck, der das Ergreifend-Schöne aus dem 19. den Hörern
im 21. Jahrhundert überzeugend mit oratorischem Reichtum mitteilte.

Klaus Reiners verstand es mit Chor und Orchester der Birnauer Kantorei, nicht nur mit klarem Klang, ordnendem Schlag und farbenstarken Tonbildern dem Werk Geschlossenheit und zugleich Spannung zu sichern, er gab auch den Sätzen packende Kontraste des Ausdrucks. „Stabat“ (es stand) ist das erste Wort dieser mittelalterlichen Sequenz aus franziskanischer Frömmigkeit. Der erste Ton der Hörner, Celli, Holzbläser (ein Fis, pianissimo, über vier Oktaven gespannt) „stand“ mit leidend innerer Bewegtheit im Basilika-Raume. Dann bewegte sich über dissonante Begegnungen eine Lamento-Melodie abwärts, schwang sich ins Crescendo auf, stürzte in einen schreienden Septakkord – „mater dolorosa“ (schmerzensreiche Mutter) wurde zum erschreckenden, zum Mitleiden zwingenden Moment. Ganz am Ende des Werkes ereignet sich ganz Ähnliches – auch wieder ein Tutti-Ziel, doch nun in G-Dur. Es zeichnete Reiners werkdramaturgische Gestaltung aus, dass nun der erlösende Dur-Akkord eine neue dynamische Qualität erreichte und die „paradisi gloria“ des Textes als musikreale Utopie verheißend zu feiern verstand.

Doch bis zu dieser Klang-Gloriole war ein gefühlsbeladener Weg. Flüsternd nahte sich der Chor, fast liturgische Tenor-Deklamation, lyrische Verwandlung durch die Soprane, deutliche Zeichnung des fallenden Themas im Alt, weites Legato der Bässe mit bester chorischer Atmung. Jeder Teil hatte, nicht zuletzt dank stimmlich starker, tonpräziser Ausdruckssolisten, seinen textverpflichteten Charakter. Schon im ersten Satz wurden die expressiven Profile kenntlich. Zuerst intonierte der Tenor Bernhard Gärtner und verhieß mit Forte, dass er das opernhafte Belcanto nicht unterdrücken oder gar verleugnen wollte. Das wurde im 6. Teil bis ins Dramatische geführt, doch ohne tenorale Rampeneitelkeit. Dann folgte mit feinzeichnendem Timbre die Altistin Ursula Maxhofer-Schiele, deren „Inflammatus“ später zu fast barocker Arienkraft sich erhob. Lyrisch setzte die Sopranistin Ruth Liebscher ein, führte mit klaren Tönen in weit schwingende Höhen empor, erreichte im Duett und im Amen-Jubilus herrlichen Glanz der Stimme. Der Bassist Michel Brodard fasste mit kräftiger Kontur Melos und Sprache zusammen, so im fast rezitativischen Ruf „Fac, ut ardeat cor meum“ (mache, dass mein Herz erbrennt), dem dann eine Arie von Verdischer Herzenspoesie folgte.

Klage, Trauermarsch in düsteren Tönen, Opernmelos, Hoffnungsidylle (Satz 5), Ruf, Mitleidensdissonanzen und Dur-Erlösung mit nicht ganz gesicherter instrumentaler Paradies-Aussicht – Dvoraks Oratorium wurde zum mächtigen Klanggemälde von Leid und Hoffnung, von Golgatha und Gloria.

Helmut Weidhase
                                                                                                                    





Schwäbische Zeitung                                                                                  22.07.2008

Kantorei überzeugt mit Anmut

UHLDINGEN-MÜHLHOFEN (chv) Ihr zweites Konzert in der Basilika in der Reihe "Geistliche Musik Birnau 2008" hat die Birnauer Kantorei dem Komponisten Joseph Haydn gewidmet. In der restlos ausverkauften Barockkirche erklangen unter der Leitung von Klaus Reiners das Orgelkonzert C-Dur Hob XVIII:1 und die Cäcilienmesse.

Die heitere Stimmung, mit der die Violinen das Orgelkonzert in C-Dur einleiten, zieht sich durch das ganze Werk. Anmutige Leichtigkeit prägt das Spiel der Orgel, die mit filigranem Arabeskenwerk mit dem Orchester dialogisiert. Sanftes Wiegen schmeichelt den Sinnen, unter dem Dirigat von Klaus Reiners ist das Zusammenspiel mit der Orgel auch über die weite Distanz hinweg harmonisch. Lieblicher Friede und stille Heiterkeit liegen über dem Largo mit seinem schlichten Thema, bezaubernd duftig und tänzerisch setzt der dritte Satz, das Allegro molto, mit seinem Wechselspiel von Sechzehnteln und Triolen ein und mündet in festlicher Freude.

Ein schöner Auftakt zur großen "Missa Cellensis in Honorem Beatissimae Virginis Mariae" Hob XXII:5, später "Cäcilienmesse" genannt. Mit dieser Messe hat Haydn ein umfangreiches, komplexes Werk geschaffen, bei dem das breit angelegte siebenteilige Gloria dominiert. Kunstvolle Schlichtheit bestimmt das Kyrie, bei dem der Chor ganz ruhig einsetzt, bis er in transparenter Vielstimmigkeit die Bitte immer eindringlicher vorbringt. Im Christe eleison stellt sich der Tenor schlicht in den Dienst des Werks, schön ist das Wandern der dritten Kyrie-Bitte durch die Chorstimmen, der Wechsel von Männer- und Frauenchor, wobei die Männer sich gegen die Überzahl der Frauenstimmen durchaus behaupten können.

Mächtige Crescendi

Breit angelegt ist das Gloria, im Wechsel von Arien der vier Solisten und feierlichen Chor- und Orchestersätzen. Strahlend klingt das Lob Gottes mit mächtigen Crescendi, kontrastreichem Wechsel zwischen Piano und Forte im Chor und jubelnden Koloraturen. Solide, wenn auch nicht außergewöhnliche Stimmen bringen die Solisten mit: Die Sopranistin Monika Meier-Schmid gefällt im strahlenden "Quoniam du solus sanctus", kultiviert singt Tenor Jürgen Ochs das "Domine Deus filius unigenite", markant der Bassist Rainer Pachner das "Domine Deus agnus Dei". Für die Altistin Anneka Ulmer ist kurzfristig Ibolya Verebics eingesprungen, mit großem Atem singt sie das "Suscipe deprecationem nostram", lässt aber Geschmeidigkeit vermissen.

Eindrucksvoll beschreibt Haydn musikalisch die Menschwerdung und Passion Christi im Credo, einen festlichen Schluss setzt der Chor. Auf ein kurzes lyrisch anhebendes Sanctus beschließen im Agnus Dei ein weit ausgreifendes Basssolo und der Chor die Messe und die Glocken der Basilika läuten.






  SÜDKURIER                                                                                                     24.07.2008

Überirdisch schöne Klänge

"Leider ausverkauft. Stehplätze noch verfügbar", prangt in großen Lettern auf dem Schild neben dem Portal. Das herrliche, höchst inspirierende Haydn-Konzert mit Klaus Reiners und seiner Birnauer Kantorei samt Orchester und Solisten ist bereits eine Stunde vor Beginn ausverkauft.

Mit ihren fünf Fugen, zwei Kyries und ihren sehr konzertanten, ausgiebigen Sätzen mit vielen instrumentalen Teilen ist die selten zu hörende Cäcilien-Messe (Hoboken XVIII,1) nicht nur die größte aller Haydn-Messen, sondern auch die am schwierigsten zu singen und zu spielende. Für das Orchester, insbesondere für die Geigen, ist sie mit ihren vielen schnellen Passagen mit Sechzehntel-Läufen technisch sehr anspruchsvoll. "Wir machen das heute ganz original mit zwei Naturtrompeten", erklärte Reiners kurz vor Konzertbeginn im Gespräch mit dem SÜDKURIER. "Die zwei Fagotte sind nur im Benediktus eingesetzt, sonst müssen sie schweigen." Auffällig gewesen sei, dass der Chor schon zu Beginn der Einstudierung begeistert war, und dass diese Begeisterung nie nachließ.

Über ihren (ansteckenden) Enthusiasmus hinaus besticht dann die große Kantorei durch ihre Beweglichkeit, Koloratursicherheit und ihre hieb- und stichfeste Intonation. Dabei bleibt der Verlauf jeder einzelnen Stimme hörbar, und nichts verliert sich im Ungefähr. Das besticht auch bei den Solisten. Klar und schön ist der metallisch gefärbte, doch warm timbrierte Tenor von Jürgen Ochs, der schon im Christe eleison jeden Winkel der großen Akustik ausstrahlt. Die schlichte Ehrlichkeit des überirdisch schönen Tenors kommt besonders zum Ausdruck beim sehr intimen "Et incarnatus".

In tiefste Schwärze taucht dabei der schöne Bass von Rainer Pachner, der einzelnen Passagen eine etwas starke Dynamik gibt. Gefühlvoll lässt Ybola Vercebics ihren Altus strömen. Sehr schwierige, anspruchsvolle Koloraturen hat Monika Meier-Schmid zu bewältigen, deren lupenreine Sopranstimme in der Höhe eine leichte Schärfe hat.

Weich wie Watte klingt das erste chorische Kyrie, das mit dem Einsatz der Geigen eine explosiv brillierende, jubelnde Konturiertheit bekommt. Grummelnd aus den Bässen entfaltet das ausdrucksintensiv und dynamisch gestaltete zweite Kyrie seine gehaltvolle Dichte. Fast flüsternd beginnt aus dem rechten Chorflügel das Gratias. Viel Gestalterisches von Reiners steckt im dynamisch intensivierten, sehr dramatischen Qui tollis und wo die Stimmen klingen, als kämen sie aus dem Hades.

Spritzig transparenter, leicht moussierender Klang erfüllt das Gotteshaus mit dem Orchestervorspiel zu Haydns C-Dur-Konzert für Orgel und Orchester. Es ist ein herrlich lebendiges, agogisches Musizieren. Zu Herzen geht der silbrig kantable Orgelton, mit der Helmut Brand das frische Spiel durchleuchtet. Dabei beweist der Orgelvirtuose sowohl ein gutes Ohr für sich selbst, wie für seine Partner im Orchester. Mit zauberhaftem Liebreiz allem Irdischen enthoben ist das Largo: gute Gefühle, in innige Töne gefasst. Munter und zierlich dann der letzte Satz, Allegro molto. Es federt und schwingt dynamisch in unendliche Weiten und schwindelnde Höhen. Die vielen Putten in der Birnau würden, wenn sie könnten, Reigen fliegen, tanzen, Purzelbäume schlagen.

Gabi Rieger




25.06.2008



Beseelte Stimmen begeistern

Das überaus harmonisch zusammenwirkende Vokalensemble Capella Cantorum Freiburg hat so schön, so frisch, so transparent, so sicher und mit so viel Inspiration und Intensität gesungen, dass man den Eindruck hatte, es wären die himmlischen Heerscharen selber, die mit "Musik der Engel" die große Akustik in der ausverkauften Birnau erfüllten.

Obwohl die lupenrein intonierten Stimmen unter dem einfühlend präzisen Dirigat von Wilm Geismann scheinbar mühelos Großartiges vollbracht haben, schienen sie am Ende so erfrischt wie die berührten Zuhörer. Denn zu deren Überraschung gab es nach abschließendem Glockengeläut Open Air vor der traumhaften See-Kulisse als "weltliche Zugabe" noch bezaubernd gesungene Madrigale.Die vokalen Beiträge des stimmschönen Vokalensembles führen vom Prozessionsgesang "Angelus ad Virginem" eines Anonymus aus dem 14. Jahrhundert über eine Marienmotette von Hieronymus Bildstein sowie Werken von Franz Philipp, Rheinberger und Poulenc bis zu zeitgenössischer Engelsmusik des Briten John Tavener.

"Der Glanz der Engel strahlt noch immer auf die Menschen", erinnert Meinrad Walter, der das musikalische Erleben mit literarischen und moderierenden Texten begleitet, die einen Bezug zum Raum und zu der Musik darstellen. Walter lenkt den Fokus zu den Feuchtmayr-Engeln, die über der Orgel ein Engelkonzert geben, und auch der Honigschlecker-Engel bleibt nicht unerwähnt. Als "Königin der Engel" wird die Mutter Maria bezeichnet, der mit Hieronymus Bildsteins "Maria Frau, hilf dass ich schau!" eine zum Freudentränen weinen schön gesungene Marienmotette gewidmet ist.

Die frischen, beseelten Stimmen in ausgewogener Besetzung schwingen mit Palestrina transparent wie vielfarbiges Glockengeläut, und wie vom Himmel herunter lässt der Meersburger Orgelvirtuose Gerhard Breinlinger mit Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge G-Dur BWV 541 die Engel flattern. So klar, erfrischend und unprätentiös ehrlich ist Breinlingers Orgelspiel, dass es ein seeliges Lächeln auf die Gesichtszüge der Zuhörer zaubert. Auf erregtem Orgelgetriller bewegt sich der dynamische Wechselgesang bei den "Angels" von John Travener, und die hellen lichten Melodien, die Breinlinger beim Engelsgeflüster von Essl zart und verträumt aus Himmels- und Flötenregistern "tupft", sind geneigt, sämtliche Putten in der Birnau mit Leben zu füllen.

Gabi Rieger









08.05.2008

Prachtvolles Erlebnis


Total ausverkauft war das von der Landesstiftung Baden-Württemberg gesponserte Mozart-Konzert mit der von Claus Reiners geleiteten Birnauer Kantorei. Den etwa 800 Konzertbesucher, die das Gotteshaus gerade eben noch so fassen konnte, bescherten die bestens disponierten Sänger und Instrumentalisten ein gleichermaßen beflügelndes wie prachtvolles musikalisches Erleben.

Schöner, klarer und beseelter als die erste Sopranistin Barbara Locher kann auch Konstanze nicht gesungen haben, für die Mozart die Solopartien seiner unvollendet gebliebenen c-Moll-Messe (KV 427) schrieb. Das fragmentarische Werk, das nicht nur zu den schönsten, sondern auch zu den geheimnisvollsten Messen Mozarts zählt, verdankt seine Entstehung einem persönlichen Anlass: Mozart hatte gelobt, eine Messe zu komponieren, wenn es ihm gelänge, seine geliebte Konstanze gegen die massiven Widerstände ihrer Eltern zu heiraten. Die Messe für Singstimmen, Streicher, Oboen, Hörner, Fagotte, Trompete, Posaunen, Pauke und Orgel ist nicht nur in der äußeren Anlage, sondern auch in der Souveränität des chorisch und symphonisch durchgebildeten Stils die bedeutendste der Mozartschen Messvertonungen.
 

Wie aus dem Nichts baute sich in leisem Creszendieren das chorische "Kyrie eleison" auf, aus dem mit langem Atem in großer farblicher Bandbreite Barbara Locher ihre wunderschöne Sopranstimme in den Himmel schickte. Sie sang mit unaufdringlich sanftem Funkeln, klar wie ein erwachender Morgen. Jede einzelne Sequenz war wunderschön authentisch und berührend zugleich gestaltet. Die stetig aufmerksame Verbindung aller Ausführenden zum einfühlsam-umsichtigen Dirigat Reiners hatte wieder einmal gute Früchte getragen. Irreal, wie aus einer Geisterwelt, brach das chorische "Gratias" über die Hörer herein, und Gänsehaut-Feeling erzeugte das Sopran-Couplet (2. Sopran: Ibolya Verebics) vor dem Hintergrund furioser Geigen im "Domine".

Spritziges, von goldenem Blech "durchtupftes" Streicherspiel hatte zu Beginn das agogische Musizieren der Sinfonia Concertante in Es-Dur für Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Orchester eingeleitet. Die unterhaltsame Spielmusik von erlesenem Wohlklang gab den vier virtuosen Bläsern immer wieder Gelegenheit zu schönen Soli oder konzertantem Wechselspiel. Besonders im sanglichen Adagio verzauberte jeder mit wunderschön ausgewogenen, kantablen Tönen, und wie aus einem Guss klang, wenn sie in ihrer frischen Lieblichkeit zusammen spielten. Der dritte Satz, wieder spritzig und reich an mehrdimensionalen Klangfacetten, erinnerte passagenweise an ein munter sprudelndes Quellflüßlein, an dessen Ufern Elfen Reigen tanzen.


Gabi Rieger




22.04.2008


Kantorei singt Mozart:
Klassischer Wohlklang und barocke Strenge


WANGEN (jr) - Zwei Mal Mozart mit zwei Wangenern an herausragender
Position: das hat es beim Konzert der Birnauer Kantorei am Samstag Abend
zu hören gegeben. Klaus Reiners leitete Chor und Orchester der Kantorei
und Martin Spangenberg glänzte als Solist mit der Bassett-Klarinette.
Mozarts Klarinettenkonzert in A-Dur ist - obwohl im Todesjahr entstanden -
an heiterer Gelassenheit kaum zu überbieten. Der Solopart ist dem
Instrument auf den Leib geschrieben und Martin Spangenberg blies ihn mit
beiläufiger, unaufdringlicher Virtuosität, die die technische Raffinesse
der Partie Lügen strafte. Der zweite Satz gelang mit einem eindrucksvoll
in sich ruhenden Ebenmaß, bei dem sich ein sanft schimmernder, schlanker
Klarinettenklang über der herrlichen Instrumentierung entfaltete.
In den schnellen Ecksätzen schob sich der Solist niemals in den
Vordergrund, sondern ließ sich auf den musikalischen Wettstreit mit dem
gelöst aufspielenden Orchester ein. Der transparente, leichtfüßige
Orchestersatz wurde von geistreich moussierenden Solopassagen umhüllt, die
pfeilschnell dahinflitzten und dennoch stets dem Ohr schmeichelten.

Emotional aufgeladen
Die nur in Teilen überlieferte Messe in C-Moll ist kein "mozärtlicher"
Ohrenschmeichler. Der engmaschig gestrickte Chorsatz, vom Orchester noch
mehr verdichtet, harmonisch oft hochbrisant und emotional aufgeladen,
weist von der musikalischen Anlage Parallelen mit dem Requiem auf und in
den groß angelegten Fugen, der Führung der Solostimmen und Teilen des
Orchestersatzes schimmert barocke Strenge und Ernst durch.
Die Solisten (Barbara Locher und Ibolya Verebics, Sopran, Bertrand Bochud,
Tenor und Christian Feichtmair, Bass) lockerten diese wuchtigen Chor- und
Orchesterpassagen klanglich auf. Der strenge Charakter und dramatische
Grundton zog sich aber auch durch die Soloteile. Im breit aufgefächerten
Chorklang trieb das Orchester die Entwicklung stets voran und immer wieder
tauchten in allen Sätzen markante Punktierungen als bedeutungsschweres
Moment auf. Auch die Solopartien boten wenig "singende" Klassik, waren
fast instrumental angelegt und die Orchesterbegleitung dazu mit einer
Prägnanz und Dichte, die an Bach gemahnte.
Mit fast militärischer Knappheit durchkomponiert, wirkte das Werk trotz
seines Umfangs daher gedrängt und kompakt. Klaus Reiners hat dieses
drängende Moment im Zusammenspiel von Chor, Orchester und Solisten, in den Tempi aber auch der klanglichen Gewichtung der Elemente kompromisslos herausgearbeitet und so die Spannbreite von Mozarts musikalischem Schaffen deutlich ins Bewusstsein gerufen.



04.10.2007
Gesang und Musik gehen unter die Haut

Mit Schuberts As-Dur-Messe, seiner Symphonie Nr. 7 und dem "Te Deum" von Georges Bizet lieferten die harmonisch zusammenwirkenden Sänger und Musiker der Birnauer Kantorei samt Orchester und stimmschönen Solisten überzeugende Interpretationen. Als saisonales Abschlusskonzert wird die Inspiration dieses unter die Haut gehenden musikalischen Erlebens in der voll besetzten Basilika Birnau noch nicht vergessen sein, wenn es am selben Ort im nächsten Mai mit Mozarts c-Moll-Messe wieder weiter geht.
Klaus Reiners, der mit einfühlender Präzision durch die Werke führt, legt den Charakter der Schubert-Messe schon zu Beginn des "Kyrie" fest. Das für vier Singstimmen, Orchester und Orgel komponierte Werk ist zugleich romantisch und wahrhaft liturgisch. Eingegeben von Fantasie und Gefühl musizieren zwei Klarinetten und ein Fagott den energiegeladenen Hauptgedanken wie eine lichte Vision. In dynamischer, innig beseelter Transparenz schwebt breit strömend das chorische "Kyrie eleison" durch die große Akustik. Zweimal schieben die Solostimmen das "Christe eleison" dazwischen, so dass sich eine fünfteilige Form ergibt. Mit den Solisten Monika Meyer-Schmidt (Sopran), Ursula Maxhofer-Schiele (Alt), Berthold Schmidt (Tenor) und Markus Goritzki (Bass) hat Reiners unprätentiöse, schlackenlose Stimmen versammelt, die für eine saubere Gesangskultur stehen. Durch Beweglichkeit und sichere Intonation bestechen auch der Chor und das Orchester. Der Verlauf jeder Stimme bleibt hörbar. Nichts verliert sich im Ungefähr. Herrlich frisch erstrahlt in schnellem Tempo das "Gloria". Von bezaubernder Anmut ist das "Gratias agimus" und kraftvoll akzentuiert das "Domine Deus".
Grummelnd, wie der Beginn eines Gewitters, baut sich nach der leichtfüssig und schnell übermittelten Botschaft "Du allein, Herr, bist der Höchste" das chorische, von Paukenschlägen getriebene "Amen" auf. Unter die Haut geht das in dumpfer Farblosikeit a capella beginnende Credo, und schier bodenlose Tiefe atmet das extrem berührende "Agnus Dei", bei dem der fantastische Solotenor auch eine sehr hohe Kopfstimme einsetzt.
In der mit Inspiration musizierten "Unvollendeten" fasziniert immer wieder ein mehr getupftes als gezupftes Streicher-Pizzikato. Schon der berühmte, rauschende Beginn in den Celli und Bässen kündigt Schattenseiten im Reich des innigen Melodikers Schubert an. Auch dem lyrischen Hauptthema, das sich im zarten Pianissimo von Oboe und Klarinette hervorwagt, wird durch einen nervös-bewegten Begleitteppich in den Streichern Unruhe eingepflanzt. Von zerbrechlicher, beinahe überirdischer Schönheit geprägt ist der schwebende Fluss der Melodik im zweiten Satz, der einen großen Kontrast zum nachfolgend prunkvollen "Te Deum" von Georges Bizet bildet. Gleich zu Beginn brennen da Chor und Orchester zum Lobpreis Gottes ein Feuerwerk ab. In heroischer Strahlkraft ruft der Chor die Engel, und bevor die Hörner einen Galopp von Pferden mit wehenden Mähnen imaginieren, rührt eine Posaune zu Herzen. Ein wenig schnulzig klingt die sehr gefühlvolle Sopran-Arie. Frische atmet dann wieder das bewegte Miteinander von Chor und Orchester im mit Prunk und Pomp gestalteten Loben und Preisen, das vor zu Besinnung rufendem Glockengeläut mit kräftigen Paukenschlägen in einen gewaltigen Jubel gipfelt.

Gabi Rieger



27.07.2007
Fröhlichkeit schwingt zum Himmel

Total ausverkauft wie immer, wenn die Birnauer Kantorei in "ihrer" Basilika geschlossene Messen eines Komponisten zur Aufführung bringt, war auch das jüngste geistliche Konzert in Unteruhldingen. Im Zentrum stand nach beflügelnden Schubert-Interpretationen die Festmesse in F-Dur von Laszlo Vas, der das 2006 uraufgeführte Werk für Sopran, Tenor, Chor und Orchester zum 40. Geburtstag der Birnauer Kantorei komponierte. Der 1942 geborene Ungar, studierter Komponist und Kontrabassist, wirkte während des gesamten Konzertes als einer von zwei Kontrabassisten mit.

"Das war eine Sternstunde. Die Birnau erbebte beim Kyrie und zerschmolz beim Ave Maria", resümierte eine Zuhörerin die sehr gefühlvolle Festmesse. Sie sei "immer wieder ganz ergriffen von den Konzerten der Birnauer Kantorei - das ist so ein großartiger Chor", schwärmte die eigens für dieses Konzert aus Donaueschingen angereiste Dame. Dass sich die Sänger mit dem verbinden, was sie singen, war deutlich zu spüren, wie auch das gute Einvernehmen aller Ausführenden zu ihrem künstlerischen Leiter Klaus Reiners, der wie immer präzis, einfühlend und mit Inspiration dirigierte. Es gehört zu den Stärken Reiners, dass er seine Musiker in Klangbalance so zu führen vermag, dass man die musikalische Botschaft mit allen Höhen und Tiefen miterlebt.

Es geht bereits zu Herzen, als im eröffnenden Schubert'schen Offertorium Ruth Liebscher ihren kräftigen Solosopran strömen lässt. "Die Hölle wird mich nicht fernhalten von der Liebe Christi", ist ihre in dynamischen Schattierungen übermittelte Botschaft. Wunderschön passt der metallisch gefärbte Tenor von Bernhard Gärtner, der im "Salve Regina" Maria als Königin und Mutter der Barmherzigkeit grüßt. Einen bunten Strauß schwärmerischer Melodien in sinfonischem, von den Streichern wie mit Silberfäden durchwirktem Gewand, serviert das Orchester mit Schuberts schlichter Sinfonie Nr.5 in B-Dur.

I
hr folgen die Kompositionen von Laszlo Vas. Zuerst das rein orchestrale "Crisantemi II" aus der Gedenkmesse in Memoriam Bernhard Schmidt, eines großzügigen Förderers der Kantorei. Für die Werke des ungarischen Zeitgenossen vergrößert sich das Orchester um Harfe, Querflöte, Fagott, Oboe und Pauke. An Libellen, die frühmorgens über einen stillen See tanzen, erinnert das sich zum Sakralen entfaltende Vorspiel im leisen Pizzikato-Puls der Kontrabässe. Der romantisch verklärten Spiritualität folgt die Festmesse, bei der die Kantorei erstmals in Erscheinung tritt. Immer in der Balance zwischen schwelgerischer, enorm gefühlvoller Poesie und farbgewaltig explodierenden Klangwelten, beginnt sie mit sinfonischer, fast heroischer Wucht in leuchtender Strahlkraft. Fast herausgeschrieen ist das letzte, schneidend scharfe "Christe eleison" der Solosopranistin. Extrem viel los an wechselnden Klangfarben und Rhythmen ist im von der Harfe mit goldenem "Palüm" durchwirkten ersten Gloria. Gänsehaut erzeugt das schmachtende "Ave Maria". "Gershwin mit heiligen Worten", flüstert jemand nach dem orchestralen "Lachrymae". Kuschelweiche Melodien vereinen sich im Sanktus, und schmerzliche Süße atmet die lastende Melancholie im "Agnus Dei". Töne, so zerbrechlich rund und schillernd wie Seifenblasen, gibt die erste Geige ins vielfarbige "Gloria II", dessen Fröhlichkeit mit dem einsetzenden Glockengeläut zum Himmel schwingt.

Gabi Rieger






29.06.2007
Herausforderung gut gemeistert

Was die Besucher des ausverkauften Konzertes mit der a cappella singenden Birnauer Kantorei und der "Opera Concertante" im Anschluss an das zweistündige Programm vor dem Portal der Basilika draußen erwartete, war stimmungsvoll prickelnd.
Vor der idyllischen Bodensee-Kulisse hatten sich die jeweils zwei Oboisten, Klarinettisten, Hornisten, Fagottisten und der Kontrabassist der "Opera Concertante" installiert, um mit Harmoniemusik aus Mozarts "Zauberflöte" zu überraschen. "Heute sind sie zum ersten Mal zu uns aus München gekommen", hatte Dirigent Klaus Reiners kurz vor Konzertbeginn gegenüber dem SÜDKURIER erwähnt.
Interessant sei auch die Literatur der sich aus acht Bläsern des Bayerischen Staatstheaters gegründeten "Opera Concertante". Die (etwas monotonen), meist von der ersten Oboe melodisch bestimmten Jagdszenen von Franz Krommer und Theodor von Schacht, mit denen sie die a capella gesungenen geistlichen Chorwerke von neun Komponisten durchflochten, entstammen dem Hause Thurn und Taxis. Der zweite Hornist (Kunzendorf) hatte die Noten dort entdeckt und für sein Ensemble bearbeitet.
Für den Chor war es die Herausforderung des Jahres, weil er sein umfangreiches Programm von der Romantik bis zur Moderne a capella zu singen hatte.
Wie immer präsentierte sich die Kantorei im bis zu achtstimmigen agogischen Miteinander als homogenes Ensemble. Dass die Sopranstimmen, die im piano so zauberhaft leuchtend und klar sangen, an den Forte-Stellen ein wenig übersteigerten, tangierte den positiven Gesamteindruck kaum. Besonders beim eröffnenden Bruckner ("Locus iste" und "Ave Maria") und bei Mendelssohn ("Richte mich, Gott", "Denn er hat seinen Engeln befohlen", und "Warum toben die Heiden?") bestach der Chor durch seine Beweglichkeit, Koloratursicherheit und gute Intonation.
Der Verlauf jeder einzelnen Stimme blieb auch hörbar in Avo Pärts sechsstimmigem Magnificat in der vom Komponisten selbst "Tintinnabuli" genannten Handschrift, das sich aus dem mittellateinischen Wort "Glockenspiel" herleitet. In den letzten Ton von Rheinbergers abschließendem "Abendlied" mischte sich volles Glockengeläut.

Gabi Rieger






09.05.2007

"So schön habe ich mir das nicht vorgestellt"


Zwei Messen von Mozart und dessen A-Dur-Klarinettenkonzert bilden das Programm, mit dem die Birnauer Kantorei unter Mitwirkung brillanter Solisten ihren saisonalen Auftakt in der ausverkauften Basilika Birnau feiert. "So dermaßen schön habe ich mir dieses Konzert nicht vorgestellt", resümiert am Ende ein Tourist aus Franken, der das Glück hatte, in letzter Minute noch eine zurückgegebene Eintrittskarte ergattert zu haben. Wie immer bewegt sich Dirigent Klaus Reiners mit seinen bestens disponierten Sängern und Instrumentalisten in perfekt austarierter Klangbalance auf musikalisch höchsten Touren. In inspirative Hochstimmung versetzt schon das transparent-spritzige Orchestervorspiel zum Kyrie der eröffnenden Litanei "De venerabili Altaris Sacramento B-Dur" (KV 243), ein aus Arien und Chorsätzen zusammengeschlossenes Werk voll starker Ausdrucksgegensätze. Scheinbar mühelos lässt Bertrand Bochud seine leicht metallisch gefärbte Tenorstimme in die große Akkustik strömen, als er mit rezitativem Erzählcharakter über agogisch spritzigem Instrumentalgesang "panis vivus" um Erbarmen bittet. Bochud zählt zum Kreis der stimmschönen Solisten Hermann Bocher (Bass), Ibolya Verebebics (Alt) und Barbara Locher, die sich mit ihrem lupenreinen Sopran in großer stimmlicher Bandbreite beseelt unter die Haut ihrer Hörer singt. Gänsehaut, die sich nach innen stülpt, erzeugt die chorisch übermittelte Dramatik im Fordern von göttlichem Erbarmen. Bis zum Erschüttern gesteigert ist das posaunengetragene Adagio "Tremendum ac vivificum sacramentum", polyphon überhöht von der Chorfuge "Pignus futurae gloriae".

Eine Kostbarkeit ist das von Mozart in seinem Todesjahr 1791 geschriebene Klarinettenkonzert A-Dur (KV 622), das an Schönheit alle Konzerte der gleichen Gattung bei weitem überragt. Mozart hat es ursprünglich für Bassklarinette entworfen, und so durften es die Zuhörer auch mit dem jungen Bassett-Klarinettenvirtuosen erleben. "Er ist Musiker bis in die letzte Faser und er strotzt vor Energie", hatte im Vorfeld eine Cellistin aus dem Orchester verraten. Spangenberg, der im Spiel mit seinem Instrument eine charismatische Einheit bildet, scheint die Luft für seine in allen dynamischen Abstufungen nuancenreichen und in allen Lagen warmen, geschmeidigen Töne irgendwo aus der Gegend seiner Fußspitzen zu holen. Das glückselige Lächeln, das er in seiner hoch musikalischen Interpretation auf die Gesichtszüge der etwa 400 Konzertbesucher zaubert, spiegelt sich in den Gesichtern der vierreihig hinter dem Orchester postierten Chorsänger wider. Losgelöst von allem Irdischen entsteigt wie die Morgenröte das ausdrucksvoll melodische Adagio in die Atmosphäre, umschmeichelt vom silbrigen Klanggespinst der Violinen. Wären die vielen Putten im prachtvoll ausgestalteten Kirchenraum lebendig gewesen, wären sie im munteren Rondo Allegro sicher tanzend über die Köpfe der Zuhörer geflogen. Danach nicht loszuklatschen, fiel schwer - in der Birnau darf nicht applaudiert werden. "Das war unglaublich, der hat ja richtig erzählt mit seiner Bassett-Klarinette", hört man im Publikum raunen, während das Orchester seine Instrumente für die C-Dur-Messe (KV 262) stimmt. Von glänzender Wirkung sind hier die fungierten Schlußsätze von Gloria und Credo. Religiös erschütternd ist vor dem Glockengeläut das "Qui tollis peccata mundi".

Gabi Rieger




12.04.2007

"Ansprechend - ein echter Schatz für uns"
von Gabi Rieger

Glocken und Orgel der Basilika Birnau - Klaus Reiners improvisiert an der Mönch-Orgel der Wallfahrtskirche" titelt die brandneue CD, die im Fokus der Zusammenkunft im Refektorium (Speisesaal) der Zisterzienser steht. Die fünf kraft ihrer Ämter würdigen Herren geben sich sympathisch, aufgeschlossen und ausgesprochen fröhlich.

"Ich bin stolz auf das Ergebnis", strahlt der Produzent Mathias Brunner-Schwer aus Villingen-Schwenningen, der auch die CDs der Meersburger Knabenmusik produziert. "Die CD ist sehr ansprechend. Ein echter Schatz für uns und geichzeitig ein schönes Ostergeschenk", freut sich Pater Prior Johannes Brügger, einen ersten kleinen Stapel zum Vertrieb für den Klosterladen der Basilika vor sich.

Weil tagsüber Hochbetrieb herrscht in der Birnau, hat Klaus Reiners, Orgelvirtuose und künstlerischer Leiter der Birnauer Kantorei, die im vergangenen Jahr anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens den Kulturpreis des Bodensee-Kreises überreicht bekam (wir berichteten), die CD in zwei Nächten eingespielt. Eine eigenartige Stimmung sei das gewesen, nachts allein bei spärlicher Beleuchtung an der Orgel zu spielen, erzählt Reiners, der in seiner freien Orgelimprovisation genau diese Stimmung einfing.

Beim Anhören der gelungenen, wie ein in sich geschlossenes Werk mit verschiedenen Sätzen aufgebauten CD-Einspielung bezaubert zum einen die meditative Stimmung, zum anderen reizt die Spannung von einen zum nächsten Stück. Vorher festgelegt hat Reiners bei seinen von Glockengeläut durchflochtenen Orgelimprovisationen zwei Themen von Kirchenliedern, jeweils für eine Fuge und für eine Toccata. "Nun danket Gott und bringet Ehr'" bildet die Grundlage für die Fuge, und "Nun lobet Gott im hohen Thron" bildet die thematische Grundlage zur Toccata.
"Im Largo habe ich über ein Thema improvisiert, das ich schon lange im Kopf hatte", erzählt Reiners. Zur Kontemplation lädt zwischen dem Orgelspiel das Geläut von einzelnen der insgesamt fünf Birnauer Glocken, die im Zusammenklang am Anfang und am Ende der CD ihre volle Wirkung auf den Hörer entfalten.

Dass die Birnau eine Gründung des ehemaligen Klosters Salem ist, ruft Pfarrer Peter Nicola ins Gedächtnis, der als katholischer Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Salem wirkt. Aus der Tatsache heraus, dass sein großes Hobby Kirchenglocken sind, schließt sich der Kreis als glückliche Fügung. Intensiv hat sich Pfarrer Nicola mit der Geschichte der Birnauer Glocken und dem auf der CD-Einspielung zu erlebenden Geläut befasst. Im Resultat hat Pfarrer Nicola im Booklet der neuen CD eine hoch interessante, bis dato noch nicht bekannte Klanganalyse verfasst.

Mit von der Partie bei der CD-Vorstellung im Refektorium der Zisterzienser ist auch der Überlinger Orgelbaumeister Hans Mönch, der für die gute Stimmung der bespielten Mönch-Orgel verantwortlich zeichnet. Die rein mechanische Basilika-Orgel, deren 39 Register in verschiedenen Registriermischungen aller Klangfarben Reiners durch seine Improvisationen eindrucksvoll vorstellt, wurde um 1992 von der alteingesessenen Überlinger Orgelbaufirma Gebrüder Mönch als historischer Nachbau im Barock-Stil der Birnau (ohne Schwellwerk) erbaut. Die Orgel verfügt über 2644 klingende Pfeifen aus Holz und Zinn. "Über ihrem Hauptwerk in der Mitte befindet sich als zweites Manual das Oberwerk, und als drittes Manual das Echo" erklärt der Orgelbaumeister auf Nachfrage. Das Pedalwerk mit den tiefen Tönen sei in der Nische hinter der Hauptorgel untergebracht.



04.10.2006

Ergriffene Stille in voller Basilika
                         

Mit geistlichen Werken von Mendelssohn beschenkten die wie immer fantastisch zusammenwirkenden Sänger und Instrumentalisten der Birnauer Kantorei ihre zutiefst berührten Hörer in der ausverkauften Basilika.

"Das geht unheimlich in die Seele. Über dieses Werk kann man sich nur freuen, weil es ein so schönes Erlebnis ist", versucht ein Konzertbesucher seine Ergriffenheit nach Mendelssohns symphonischem Lobgesang mit der Birnauer Kantorei in Worte zu fassen. Wie fast immer, wenn Klaus Reiners und sein fantastischer Chor- und Orchesterapparat konzertieren, ist die Basilika total ausverkauft. Über 400 Menschen sind es, die intensiv berührt sind von der überzeugend übermittelten Botschaft und im Herzen die zentrale Aussage mit einstimmen: "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!"

Wie immer ist es Klaus Reiners vortrefflich gelungen, alle Akteure zur Höchstform anzuspornen und zu einer brillanten Einheit und beglückender Harmonie zu vereinen. Glücklich besetzt waren auch die solistischen Passagen. Wunderschön sang die Sopranistin Barbara Locher, die kraftvoll ihre warm timbrierte helle Stimme aus der Fülle ihres Herzens strömen liess. Unter die Haut sang sich mit ihrem ausgewogen runden Mezzo ihre Schülerin Johanna Kühnis. Geheimnisvoll gestaltete der Tenor Berthold Schmid seine dramatischen Passagen, und überzeugt haben auch die die Solisten, die sich mit dem Tenor Lothar Rilling-Riehmann und den Bässen Claus Fischer und Heinrich Morgenstern aus der Kantorei heraushoben.

Mendelssohns "Lobgesang op.52" hat die Form einer symphonischen Kantate. In den ersten drei Sätzen jubeln allein die Instrumente. Im vierten Satz stimmt der Chor mit ein: "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn". Im zweiten und dritten Satz nimmt Reiners die Tempi betont langsam, wodurch sich die Musik dynamisch besonders gut gestalten läßt. Erwähnt sei die Betonung und und sehr differenziert gestalteten Creszendi innerhalb eines Tons.

Die Zuversicht in Gott ist die zentrale Botschaft in Mendelssohns Psalmkantate op.42, die den ersten Teil des geistlichen Konzertes bildete. Hier prägen sich dem Hörer die bezwingende formale Disposition des ersten Chorsatzes, die bezaubernden Klangwirkungen der Sopran-Arie mit Solo-Oboe und des Quintetts Nr. VI, sowie die großartige Schlußsteigerung der Fuge "Preis sei dem Herrn" ein, deren Thema aus dem markanten "Harre-auf-Gott"- Motiv des vierten und siebten Satzes entwickelt ist.

Eindrucksvoll, wie geheimnisvoll aus schierem Nichts am Anfang die Instrumente spielen. "Wie ein Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele zu dir", haucht der Chor wie aus dichten Nebeln die Sehnsucht in das Gotteshaus. Fast unmerklich beginnen die Stimmen mehr und mehr Gestalt anzunehmen. Von irgendwoher ist der helle Klang eines Horns zu hören. Streichelsanft intoniert ist die Kunde der hellen Frauenstimmen "so schreit meine Seele zu dir", die sich nacheinander durch die anderen Stimmlagen weiter trägt. Kein noch so kleines Nebengeräusch stört die ergriffene Stille in der menschenüberfüllten Basilika. Da gibt es nur noch diese wunderschöne, ausdrucksintensiv gestaltete Musik nach dem poetischen Bild des gehetzten Hirschen, der nach frischem Wasser schreit, wie die menschliche Seele nach Gott. Keiner wagt zu atmen, als die Solosopranistin in Korrespondenz mit dem Raumklang die große Akkustik mit ihrer lupenreinen Stimme füllt. ("Meine Tränen sind meine Speise"). Unter die Haut geht das vom Quintett übermittelte Zagen, das in der machtvollen Schlussfuge mit "harre auf Gott" die tröstende Antwort erhält.

Gabi Rieger


Juli 2006

Geschenk zum runden Jubiläum

40 Jahre Birnauer Kantorei - dies ist eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. "Sie ist ein Vorzeigebeispiel in unserem Land für ein erfolgreiches Miteinander und ehrenamtliches Engagement", sagte die Stuttgarter Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch beim Empfang im Mauracher Schloss.

Überlingen/Uhldingen-Mühlhofen (as) Immer noch tief gerührt von dem grandiosen Jubiläumskonzert in der Birnauer Basilika, feierten rund 200 geladene Gäste, darunter freilich auch die etwa 70 Sängerinnen und Sänger sowie die 40 Orchestermitglieder, im Garten des Mauracher Schlosses das 40-jährige Bestehen der Kantorei.

"40 Jahre Birnauer Kantorei sind gleichzeitig auch 40 Jahre mit und unter Klaus Reiners." Mit diesen Worten entfachte der Vorsitzende der Birnauer Kantorei, Heinrich Morgenstern, einen tosenden Beifall unter den Gästen. Der künstlerische Leiter war zusammen mit Cilla Mayer gleichzeitig auch der Mitbegründer dieser Chorgemeinschaft. "Die Birnauer Kantorei ist sein Lebenswerk, auf das er stolz sein darf", sprach Morgenstern allen aus den Herzen.

Rund 200 Konzerte hat die Birnauer Kantorei in den 40 Jahren ihres Bestehens aufgeführt. Dahinter stecke viel selbstlose Arbeit der verschiedensten Art, betonte der Kantorei-Vorsitzende. Sie finde aber auch große Anerkennung in der Bevölkerung. Meist müsse man bei Konzerten das Schild "Ausverkauft" an die Pforte der Basilika hängen. Offensichtlich könne man mit geistlicher Musik auch im 21. Jahrhundert noch Menschen bewegen. Nicht die Masse, sondern den einzelnen Menschen. "Seriöse Musik hat heute um ihren Platz in der Gesellschaft zu kämpfen", stellte Morgenstern die Frage in den Raum: "Wo steht heute das deutsche Volkslied, wo der Choral?"

Damit verband er auch den Appell an die Politik, dieses Kulturgut zu fördern. "Die Finanzen sind für uns ein ernstes Problem", erklärte Morgenstern. Zum Glück gebe es Institutionen und gütige Menschen, die die Kantorei von Konzert zu Konzert unterstützten, dankte er den treuen Sponsoren und Spendern, aber auch den Konzertbesuchern.

"Ich bin noch ganz ergriffen von dem vorausgegangenen Konzert", ließ Friedlinde Gurr-Hirsch in ihre Seele blicken. Mit der Staatssekretärin aus dem Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum hatte Ministerpräsident Günther Oettinger eine Vertreterin geschickt, die es verstand, auf charmante Weise die Glückwünsche an Frau und Mann der Birnauer Kantorei zu bringen. Auch Ex-Ministerpräsident Erwin Teufel ließ durch sie Grüße ausrichten. Er sei von dem Jubiläumskonzert tief beeindruckt gewesen, teilte sie mit. Sie selbst sprach von einem großen Geschenk, das die Kantorei mit ihrem Konzert den Zuhörern gemacht habe. "Wo das menschliche Miteinander stimmt, wo man die Freude an der gemeinsamen Sache spüren kann, dort gelingt es auch, etwas Einmaliges und Außergewöhnliches zu schaffen", brachte sie ihre persönliche Anerkennung für die Birnauer Kantorei zum Ausdruck.

"Sie haben sich heute mit dem Jubiläumskonzert selbst eine Krone aufgesetzt", war auch Uhldingens Bürgermeister Edgar Lamm voller Begeisterung und überreichte Heinrich Morgenstern eine Jubiläumsgabe. Auch Rose-Marie Stuckert vom Zonta-Club, der die Birnauer Kantorei seit 30 Jahren unterstützt, kam nicht mit leeren Händen zum Jubiläum. Der Abt des Klosters Mehrerau, Kassian Lauterer, bedankte sich mit einer Großaufnahme von der Birnauer Basilika bei der Kantorei und sagte: "Unsere schöne Kirche schreit förmlich nach ihr ebenbürtiger Musik." Ähnlich äußerte sich auch der Kirchenmusikdirektor der Erzdiözese Freiburg, Wilm Geismann, indem er der Kantorei bescheinigte, sie habe mit Ihrer Musik eine weitere Dimension in die kunstbeladene Kirche gebracht."





22.06.2006
Ausdrucksstärke in wechselnden Stimmungen

Birnauer Kantorei überzeugt, ergreift und begeistert mit Mozart in der ausverkauften Wallfahrtskirche
Mit Wolfgang Amadeus Mozart und der Übergabe des Bodensee-Kulturpreises an die Birnauer Kantorei (wir berichteten) hat deren Dirigent und künstlerischer Leiter Klaus Reiners das Programm in der ausverkauften Basilika dramaturgisch gelungen aufgebaut. Um eine gewisse Ausgeglichenheit zwischen den geistlichen Werken "Regina Coeli" und "Reqiem" zu schaffen, hat er das weltliche Konzert für Harfe und Flöte (KV 299) in die Mitte des Programms gestellt.

Paukenschläge begleiten das erste jubelnde Halleluja des Chors in der Anrufung der Mutter Maria "Regina Coeli", das die Birnau mit dem gleichen warmen Glanz erfüllt, wie die Sonnenstrahlen, die sich durch die Kirchenfenster im Gold der Putten widerspiegeln. Eine schmerzliche, bewegende Süße verströmen die Geigen im Pulsschlag des Fagotts. Sie sind vom Continuo so verlässlich getragen, wie der beweglich und sehr innig tremolierende, zum Mezzo tendierende Sopran von Andrea Egeler, die mit langem Atem ihre schöne Stimme strömen lässt. Nach den himmlischen und irdischen Freuden bilden Flöte (Gertraud Malchow) und Harfe (Petra Haas) eine spritzige Interpretation von Mozarts Konzert in C. Aus transparentem Klanggeflecht des Orchesters leuchtet mit rundem Ton klar artikuliert die beweglich geführte Flöte zwischen Harfenklängen, die an das leise Plätschern eines munteren Gebirgbachs erinnern. Wie eine von leichtem Luftzug bewegte Daunenfeder schwebt das sich selbst verzehrende, innige Adagio durch die Akustik.

Zur ergreifenden Offenbarung gerät die Totenmesse (Requiem KV 626) mit den stimmschönen Solisten Andrea Egeler (Sopran), Ibolya Verebics (Alt), Bernhard Gärtner (Tenor) und Christian Feichtmair (Bass). Reiners hat hier die Fassung von Franz Beyer gewählt, die im gleichen Sinne wie die Bearbeitung von Süßmayer einen Versuch darstellt, das unvollendet gebliebene Requiem zu ergänzen. Im Gegensatz zu Süßmayer versucht Beyer die von Mozart vorgegebene Instrumentierung weiterzuführen, um damit das dunkle Klangbild und die erhabene Wirkung voll zum Tragen zu bringen. Wohl einer der erhabensten Momente liegt in den letzten Takten des "Rex tremendae", in dem Mozarts dramatischer Dialog der beiden Außenstimmen (1. Violine und Bässe) durch zusätzliche Terzen abschwächt.


Weihevoller Ernst liegt über dem Chor "Requiem aeternam dona eis" (Gib ihm die ewige Ruhe), dessen knapper Orchestereinleitung man Bachs Einfluss anmerkt. Ergreifend ist das kurze Sopransolo "Te decet hymnus" (Dir gebühret Lobgesang). Bereits im Anfang liegt eine so unglaubliche Kraft und Dynamik, dass man als Hörer gleichzeitig freudig berührt ist und doch weinen möchte. Von sehr viel Ausdruckskraft und wechselnden Stimmungen ist diese wunderbare Interpretation geprägt. Jedes Stück hat seinen eigenen Charakter. Als Gegenstück zum feierlichen Sanctus steht das tänzerische Hosanna in excelsis, das plötzlich in den Dreivierteltakt übergeht und im Allegro das Lob Gottes verkündet. Dass sich alle mit technischer Bravour in absoluter Homogenität auf höchsten Touren bewegen, ist für die Birnauer Kantorei selbstverständlich. "So etwas Wunderbares habe ich noch nie erlebt", sagt am Ende eine Touristin und bekommt vom zufällig neben ihr dem Ausgang zustrebenden Landrat zu hören: "Da haben Sie ein Konzert auf hohem Niveau erlebt".

Gabi Rieger





20.06.2006
Kulturpreis für das Lob Gottes
Auszeichnung des Bodenseekreises für Birnauer Kantorei - 40 Jahre Musica Sacra

Höchste Meriten für Klaus Reiners und die Birnauer Kantorei: Die Kantorei erhielt den Kulturpreis 2006 des Bodenseekreises. Den mit 5000 Euro dotierten Preis übergab Landrat Siegfried Tann anlässlich des geistlichen Konzertes im Mozartjahr am Sonntag in der Basilika.

Uhldingen-Mühlhofen (gri) Die große Ehre wurde dem Dirigenten Klaus Reiners und seinen Sängern samt Instrumentalisten der Birnauer Kantorei im Rahmen ihres geistlichen Konzertes zuteil, das wie meistens ausverkauft, und wie immer höchst inspirierend für die Zuhörer war (wir werden noch berichten).
Landrat Siegfried Tann übergab den mit 5000 dotierten Kulturpreis des Bodenseekreises an den Vorsitzenden der Birnauer Kantorei, Heinrich Morgenstern, der dem Chor als Bassist seine Stimme verleiht. In seiner Dankesrede betonte Morgenstern, dass neben den Ausführenden auch die Sponsoren und vor allem das Publikum Anteil an diesem Kulturpreis habe. Die Übergabe der Urkunde samt Scheck war nach der Anrufung der Mutter Maria "Regina Coeli" in der Vertonung von Mozart erfolgt.
"Eben ist die Schluss-Segnung verklungen: Regina coeli. O freu' dich, Himmelskönigin", knüpfte der Landrat in seiner Ansprache an das zuvor Erlebte an. "Zur Freude haben wir alle seit 40 Jahren Anlass, denn seit 40 Jahren singt die Birnauer Kantorei unter der der künstlerischen Leitung von Klaus Reiners hier in der Wallfahrtskirche Birnau das Lob Gottes." Wer Gott so lange lobe, gemäß des 33. Psalms Singet dem Herrn ein neues Lied, greift voll in die Saiten und jubelt laut', verdiene selbst einmal Lob, zumal man an diesem Ort dem Brauch entsprechend keinen Beifall spende.
Mit ihrer musikalischen Qualität habe sich die Birnauer Kantorei in über 200 Konzerten einen ausgezeichneten Ruf erworben. Sie sei nicht nur fester Bestandteil des Musiklebens am See geworden, sondern darüber hinaus ein weithin über den Bodensee wahrnehmbarer Leuchtturm, der sich verdient gemacht habe um die Kultur im Bodenseekreis und die "musica sacra", die geistliche Musik.
Nach Aussage der Deutschen Bischofskonferenz entfalte das Zusammenspiel von Musik und Gottesdienstraum eine besonders eindringliche Wirkung: "Musica als Form der Prophetie und Offenbarung des Göttlichen. Und als Sprache des Herzens, die dort anfängt, wo die Sprache endet." Dass Reiners und seine Birnauer Kantorei den Menschen dieses Erlebnis immer wieder schenke, danke und würdige der Bodenseekreis und seine Kulturstiftung mit der jüngsten Preisverleihung.
Die Kantorei nenne sich nach dieser wunderbaren Rokoko-Kirche, die auf den Tag genau vor 40 Jahren gegründet worden sei. Sie werde oft als Gesamtkunstwerk gekennzeichnet. Weil die Birnauer Kantorei die Akustik mit Musik erfüllt, werde der Wert des Raums als Gesamtkunstwerk noch gesteigert.
Gabi Rieger


10.05.2006

Himmlische Klänge steigen empor

Birnauer Kantorei lässt in der ausverkauften Basilika mit Mozart die Töne zum Himmel fliegen

"Guck, der Erwin Teufel und der Morlok sind auch hier", sagt Martin Herzog, früherer OB von Friedrichshafen und späterer Landes-Wirtschaftsminister, zu seiner Frau in der ausverkauften Basilika. Dass Klaus Reiners seine mit diamantenem Feinschliff geschulten Künstler auf der Basis profunden Könnens auf höchsten Touren zu bewegen versteht, hat sich herumgesprochen. Dabei hat man jedes Mal aufs Neue den Eindruck: Das war das Schönste von allen Konzerten.

So auch am Sonntag, als die Birnauer Kantorei samt Orchester und stimmschönen Solisten mit Mozart Töne und Empfindungen zum Himmel fliegen ließ. Das mit lebendiger Frische farbig wie differenziert gestaltete Konzert hat alle begeistert. "Es war himmlisch. Das ging mir durch und durch", bringt eine Dame nach abschließendem Glockengeläut die kollektive Empfindung auf den Punkt. Trotz vollen Einsatzes wirkt Reiners am Ende nicht abgekämpft. "Das hat Schwung gehabt", strahlt der fähige Dirigent, zu Recht voll des Lobes für sein fantastisches Team.

Jauchzende Engel

Die Engel haben gejauchzt, als sich mit der Botschaft "Te deum laudamus" (Dir Gott, unser Lob) die große Akustik mit frisch strahlendem Jubel füllte. Pianissimo, die transparenten Creszendi und Dierezendi wie von kühlem Windhauch bewegt, kam die agogisch erflehte Bitte um das getragen Werden in die ewige Herrlichkeit. Genau dorthin wurden die berührten Hörer mit der paradiesisch schön gestalteten "Litaniae Lauretanae" geführt, einem Mariengebet, in dem schwärmerische mit heiteren Stimmungen abwechseln. Aus dem Kreis der stimmschönen Solisten Ibolya Verebics (Alt), Johannes Eidloth (Tenor) und Hermann Locher (Bass), die den göttlichen Impuls zur harmonischen Einheit von Chor und Orchester tragen, leuchtet der weich timbrierte Sopran von Mechtild Bach, die in anrührender Demut mit langem Atem ihre bewegliche Stimme strömen lässt. Unter die Haut gehen ihre (sehr sauber) vollzogenen Duo-Dezimsprünge im krönenden Agnus Dei, das die Sopran-Kantilene der federnden Agogik des Chorklangs gegenüberstellt. Die Schauder der Ergriffenheit, die den dafür empfänglichen Hörer vor der zärtlichen Marien-Huldigung regelrecht gepackt hatten, kehren wieder im dissonanten Aufschrei "Misere", bevor das Werk in der tiefen Lage der Singstimmen mit einer beruhigenden Schlusswendung verklingt.

Seele atmet auch die in ihrer Durchsichtigkeit stimmungshebend gestaltete Jupiter-Symphonie (KV 551). Hinter silbern funkelndem Streicherglanz leuchteten heiter allegro vivace neben Oboen und Flöten sogar die sonst eher dicken Fagotte wie helle Sterne. Kantabel, fast zärtlich, gingen Streicher und Holzbläser das tief ins Innere der Seele zielende Andante cantabile an, in der gestalterischen Aussage wie aus einem Atem melancholisch und glückvoll zugleich.

Leidenschaftliche Gestaltungsfreude, Einfühlungsvermögen, Präzision und eine überblickende Wachsamkeit zu seinem präsenten Team machen es Reiners möglich, die Krönungsmesse bei fließenden Tempi so zu interpretieren, dass sie zum einzigartigen Erlebnis wird. Bevor im Agnus Dei die Solosopranistin mit inniger Arie brilliert, führt der vom Orchester unterstütze Chor im klangprächtigen Credo in himmlische Sphären.

Gabi Rieger


Vier Jahrzehnte Gotteslob nach Noten 

Birnauer Kantorei feiert 40-jähriges Bestehen - Konzertsaison beginnt am 7. Mai

Seit 40 Jahren lässt die Birnauer Kantorei Kirchenmusik auf hohem Niveau erklingen. Mitbegründer und bis heute künstlerischer Leiter des Chores ist Klaus Reiners (71), für den die einstige Herausforderung längst zur Lebensaufgabe geworden ist. Die neue Konzertsaison beginnt am 7. Mai mit Mozart, das Jubiläumsprogramm ist am 23. Juli.

Dass es eine derartige Erfolgsgeschichte werden sollte, konnte am 18. Dezember 1966 niemand ahnen, als Klaus Reiners das erste Konzert der Birnauer Kantorei dirigierte. "Wir hatten eine kleine Abendmusik mit Motetten vorbereitet", erinnert sich Reiners: "Doch die Birnau war fast voll, obwohl es eiskalt war. Aber wir wussten damals selbst nicht, wie kalt." Es sollte auch schon der letzte Auftritt in den Wintermonaten in einer unbeheizten Kirche gewesen sein. Längst hat es daher Tradition, dass das Weihnachtsoratorium
im Dezember oder Passionen im März auf der Reichenau erklingen.

Nach der Renovierung der Birnau Mitte der 1960er Jahre hatte man dort zunächst mit dem Gedanken gespielt, Gastkonzerte aus Stuttgart in das Gotteshaus zu importieren. Ehe der damals als Kantor in Friedrichshafen
tätige Reiners mit der Sängerin Cilla Mayer die Idee gebar, einen eigenen
Chor aufzubauen.

Der künstlerische Leiter ist seit 40 Jahren derselbe. Inzwischen ist Klaus
Reiners 71 Jahre alt und noch immer von der Aufgabe fasziniert. "Für mich
ist es eine Lebensaufgabe", erklärt Reiners. "Was man sieht, ist nur die
Spitze eines Eisbergs." Der Mann bestellt Noten, engagiert Instrumentalisten und Solisten, sucht nach Sponsoren, ohne die sich ein so anspruchsvolles Programm nicht gestalten ließe. Nur gut die Hälfte des Aufwands für die professionellen Musiker und das Material decken die Eintrittsgelder ab,
obwohl die Konzerte stets ausverkauft sind. Zur Seite stehen Klaus Reiners heute als Konzertmeister Roland Baldini und für die Stimmbildung des Chors Christa Burgdörfer-Geismann aus Freiburg.

Auch bei den heute mehr als 80 Sängerinnen und Sängern hat die Begeisterung nie nachgelassen. "Ich freue mich, dass auch junge Leute kommen", betont Reiners. Am Nachwuchs fehle es nicht, auch wenn manche Stimmlage bisweilen Verstärkung brauchen könnte. "Meine Begeisterung für Kirchenmusik" nennt Reiners als Hauptmotivation, über 40 Jahre durchzuhalten: "Und ich arbeite gerne mit Menschen." Das soziale Miteinander ist ihm dabei ein wichtiges Anliegen. Seit gestern ist der Chor schon wieder beim Probenwochenende in Obermarchthal. Denn gleich das erste Konzert des Jahresprogramms bietet manche Herausforderung. Nicht nur eine Hommage an Mozart wird die Zusammenstellung am 7. Mai sein. Der Auftakt mit "Te Deum Laudamus" ist zugleich das Leitmotiv der Kantorei. "Gottes Lob ist unsere Hauptaufgabe",
sagt Reiners. "Jupiter-Symphonie" und "Krönungsmesse" werden an diesem Abend folgen. Das zweite Konzert am 18. Juni versteht der Kirchenmusiker zugleich auch als Gedenken an die verstorbenen Mitglieder und hat daher
unter anderem Mozarts "Requiem" ausgewählt.

Von Jubel und Freude geprägt wird schließlich das eigentliche Jubiläumskonzert am 23. Juli sein mit Schuberts Sinfonie Nr. 5, zwei Romanzen von Beethoven und der Uraufführung einer "Festmesse in F-Dur" des zeitgenössischen Komponisten László Vas (geb. 1942). Die Mischung ist sonst nicht so Reiners Sache. "Unsere Konzert sollen stilistisch einheitlich sein", sagt er. Diesem
Credo wird das letzte Konzert in der Birnau selbst am 1. Oktober wieder gerecht. Auf romantische Wege wird sich die Kantorei mit einer Psalmkantate und dem "Lobgesang" von Felix Mendelssohn-Bartholdy begeben. Das Finale wird Bachs Weihnachtsoratorium am 3. Dezember auf der Reichenau sein.

HANSPETER WALTER




25.09.2005
"Tod, wo ist nun dein Stachel?"

"Ein deutsches Requiem" von Brahms mit der Kantorei in der Basilika Birnau -
Warteschlangen für Eintrittskarten

Leider ausverkauft, Stehplätze noch verfügbar", kündet bereits eine halbe Stunde vor Konzertbeginn ein Schild neben dem Portal der Basilika Birnau, vor dem sich eine riesige Menschentraube gebildet hat. Gesegnet ist, wer noch eine der heiß begehrten Karten zu Brahms Meisterwerk "Ein deutsches Requiem" mit der Birnauer Kantorei ergattern kann, denn ihn erwartet ein zutiefst berührendes Erlebnis. Charaktervoll und intensiv, dabei transparent und agogisch vermitteln die bestens disponierten Ausführenden der Kantorei samt stimmschönen Solisten unter der Leitung von Klaus Reiners in fantastisch austarierter Klangbalance
 ihre Botschaft im Glauben an die Auferstehung.

"Ein deutsches Requiem op. 45", nach Worten der Heiligen Schrift das früheste und größte der Brahms'schen Chorwerke, ist nicht, wie der Titel nahelegen könnte, der Gattung der kirchlich-liturgischen Musik zuzuordnen.
Es ist vielmehr eine menschliche, romantisch-erlebnishafte Auseinandersetzung mit der Tragik des Todes,  eine Gegenüberstellung von Vergänglichkeit und Ewigkeitshoffnung, nach frei gewählten Worten der Bibel.
 Die Texte entstammen dem Alten und Neuen Testament. Sie führen aus der Erschütterung über die Vergänglichkeit bis zu tröstlicher Erhebung.

Ein schwebend musiziertes, melancholisches Adagio aus der Feder des Amerikaners Samuel Barber, das pianissimo aus sphärisch zart bewegtem Streicherklang-Gespinst zur Eröffnung die große Akustik der  barocken Basilika erfüllt, bildet die gelungene Überleitung. Geteilte, tiefe Streicher schieben mit dem Klagemotiv Dämmerfarben in das fast entrückte, atemlose Lauschen. "Selig sind, die da Leid tragen",  intoniert der Chor - langsam, ausdrucksvoll und verhalten. Aufkeimender Jubel durchleuchtet die rezitative Schwermut vom duftig-dunkel gewirkten Instrumental- und Vokalgesang im Gleichgewicht der Botschaft
"Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten". Atembeklemmend dramatisch wuchtet im Pulsschlag der Pauke ein schattenhafter Totentanz: die Kette Gestorbener von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Befreites Aufatmen, als sich mit dem beruhigenden Zuspruch des Chors "So seid nun geduldig" auch die Verkrampfung im Orchester löst. Der "geduldig den Morgenregen und Abendregen erwartende Ackermann" steht im erfrischenden Sprühregen von Geigen und perlenden Harfenklängen. In gewaltigen dramaturgischen Steigerungen geht es dem Ende des Satzes zu: kontrapunktische Verdichtungen, breit gelagerte Akkorde, Gegensätzlichkeit vom wohlprononcierten Chor und Orchester, dazwischen Inseln seligen Lauschens. Unter die Haut geht sowohl die in edler Demut gesungene Soloepisode des Baritons Peter Brechbühler ("Herr lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss"), wie auch das vom Chor bebend wiederholte Gebet des Einsamen. Die Stimme einer verklärten Seele beseelt Barabara Locherer mit ihrer großen, koloraturfähigen Stimme wunderschön klar und beweglich im Sopran-Solo "Ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen".

Wie Donnerschläge kracht die Pauke in das tosende Plenum von Chor und Orchester bei der Beschreibung vom "Jüngsten Tag" mit dem Triumphgesang der Wissenden ("Tod, wo ist nun dein Stachel! Hölle, wo ist dein Sieg!"). Feierlich und friedvoll lassen die Sänger und Instrumentalisten das großartige Werk ausklingen.

Gabi Rieger





19.07.2005

Geprägt von Fröhlichkeit

Perlen des Barock mit Solisten, Chor und Orchester der Birnauer Kantorei

Mit "Jubel, Jauchzen, Besinnung und Freude" könne man das geistliche Konzert mit Soli, Chor und Orchester der Birnauer Kantorei überschreiben, betonte Pater Michael, der als einer der Hausherren in der ausverkauften Birnauer Basilika willkommen hieß. Perlen aus dem Barock standen auf dem Programm mit den bestens disponierten Ausführenden, die im harmonischen wie ausdrucksintensiven Miteinander agogisch federnd ihre Zuhörer inspirierten. Ein zauberhaftes, sehr intimes "Andante e spiccato" aus Allessandro Marcellos d-Moll-Konzert für Oboe, Streicher und b.c. mit Robert Walker als Solisten erfüllte den Raumklang der Basilika schon zu Beginn mit jener Fröhlichkeit, die das wunderschöne Konzert unter der Leitung von Klaus Reiners prägte.

Voll unendlicher Lieblichkeit und dabei beweglich, rein und klar waren die Oboentöne. Ein filigranes Streichervorspiel leitete das Adagio ein, dann ging es presto munter weiter, wie mit tausend leichten kleinen Barfüßen über eine Frühlingswiese eilend. Diese Vision passte so recht zur Aussage der abschließenden "Bach-Kantate "Kommt, eilet und laufet, ihr flüchtigen Füße" aus dem Oster-Oratorium BWV 249, die in ihrem tonalen Duktus allerdings im ersten Drittel von so schwer lastender Traurigkeit geprägt war, dass man sie sich an einen vorderen Platz im Programm hätte wünschen können. An den Beginn vom Weihnachtsoratorium erinnerte die himmelsstürmende Freude der Bach-Kantate BWV 172. Trompeten und Pauken des jubelnden Orchesters schilderten die freudig bewegte Menge, die in stürmischem Chor "Erschallet, ihr Lieder" preisend hinaussang. Sowohl der dynamische Chor, wie auch die stimmschönen Solisten Ruth Amsler (Sopran) Ibolya Verebics (Alt), Bernhard Gärtner (Tenor) und Christian Feichtmair (Bass) überzeugten in ihrer Ausdrucksintensität aus der Fülle ihres Herzens. Die heitere Stimmung tönte im Verlauf noch in der machtvollen Bass-Arie auf: "Heiligste Dreieinigkeit, großer Gott der Ehren." In seiner Art, die Silben etwas schleifen zu lassen, erinnerte der Tenor an Karel Gott - ansonsten war alles absolut textverständlich. Spirituelle Sakralität atmete in seiner edlen Schlichtheit der Choral, der in herrlich federndem Plenum in die Botschaft des Anfangs gipfelte: "Gott will sich die Seele zu Tempeln bereiten."

Christoph Link, der mit seiner Bratsche zuvor einige Takte so lebendig mit der Oboe korrespondiert hatte, ent faltete seinen runden Violenton als Solist in Telemanns G-Dur-Konzert für Viola, Streicher und b.c. mal wehmütig klagend, mal sonor, ließ ihr eigentümlich warmes Timbre im melancholischen Largo förmlich dahinschmelzen. Nach federnder Auftaktigkeit von Streichern und Cembalo nahm die sensibel geführte Viola innigen Kontakt zunächst mit den beiden ersten Geigen, dann mit dem Cembalo auf. Nach einer zauberhaften Solo-Episode gab sie das Wort an das Orchester. Den Schleier der Tristesse vom Bach'schen Oster-Oratorium, den die Altistin im Suchen des aus der Grabesgruft Auferstandenen zu lüften begann ("Saget, wo ich Jesum finde"), zerriss in farbigem Plenum die jubelnde Botschaft im abschließende Choral: "Christus hat uns frei gemacht".

Gabi Rieger




21.06.2005
Klingende Bitte um göttliche Vergebung
Birnauer Kantorei brilliert in geistlichem Konzert zusammen mit Bernhard Kratzer (Trompete) und Paul Theis (Orgel)

Überwiegend romantische und spätromantische Werke standen auf dem Programm des geistlichen Konzertes in der gut besuchten Basilika. Ausführende waren neben dem bestens disponierten, homogenen Chor der Birnauer Kantorei Bernhard Kratzer (Trompete) und Paul Theis an der Emporen-Orgel. Zum Repertoire "quer durch den europäischen Garten" haben Kratzer und Theis als fantastisch eingespieltes Team ihr Programm mit romantisch gefärbten Werken überwiegend zeitgenössischer Komponisten sensibel abgestimmt.

Den Anfang des Konzertes bildeten drei melodische Chorsätze aus der Feder des englischen Komponisten und Sängers Charles Hubert H. Parry (1848-1918), die der Chor in englischer Sprache sang. Mit seinem aktiven, sehr differenzierten Dirigat vermittelte Klaus Reiners feine dynamische Phrasengänge. Durchsichtig wirkte in den Chorsätzen auch der Tuttiklang. Geheimnisvoll und leise, begleitet von der kleinen Chororgel (Georg Enderwitz), war der Einstieg in "Dear Lord and Father of Mankind", mit der die Sänger um "Vergebung für die törichte Lebensweise" baten. Eindringlich, warm und weich war der vierstimmige Chorklang im dynamisch bewegten "Magnifikat" und heroische Frische prägte das "Jerusalem".

Um die Bitte göttlicher Vergebung für menschliche Schuld ging es auch in den drei Chorwerken von Julius van Nuffel (1883-1953), einer führenden Persönlichkeit der belgischen Kammermusik. Wunderschön, wie sich das "Pater noster" aus hauchzartem Pianissimo in bezaubernd poetischen, dynamischen Schattierungen entwickelte. Scharf angerissen war der erste Takt der profund beherrschten Orgel als Ouvertüre quasi zu Bellinis Es-Dur-Konzert, einem Melodienzauber, der ursprünglich für die wendigere Oboe geschrieben wurde. In einiger Korrespondenz mit dem Raumklang der Kirche entfaltete Kratzer mit seiner klar artikulierten Piccolo-Trompete einen schön beseelten Ton. Mit Bravour erfüllte er die ganz besonderen Fähigkeiten, die ihm das Werk bezüglich Virtuosität, Gestaltung und Klangsensibilität abverlangte, und die er im Wettstreit mit der Orgel vom zweiten Satz Allegro bis zum Finale steigerte.

Wann hört man schon einmal etwas von dem Tschechen Petr Eben, Jahrgang 1929? Kratzer und Theis hatten ihn mit Teilen aus "Okna" ("Fenster") im Programm. Inspiriert durch einen Zyklus mit Mosaikfenstern von Marc Chagall, zeichnet Eben in zwischen tonal und modal changierender Musiksprache bis zum leicht improvisatorischen Bereich Klangbildungen, die wie die beschriebenen Glasfenster je nach Lichteinfall eine andere Färbung bekommen. Kratzer und Theis widmeten sich zunächst dem "grünen Fenster" (Issachar), einer orientalischen Pastorale mit einem liegenden Esel - ein mediatives Erlebnis auch für ungeübte Ohren. Dann das "rote Fenster" - Zebulon. Es zeigt einen Sonnenuntergang über dem Meer, über dem in einem dramatischen Bogen gleich der Fanfare der Trompete zwei bunte Fische schnellen. Den monumentalen Part hatte hier die Orgel, das schrille Element der transparenten, lichtdurchfluteten Farben mischte das Metall der Trompete zu. Unter die Haut ging die Aggressivität des Satzes über die Farbe "rot", mit dem die beiden musikantisch Interpretierenden nicht nur einen friedlichen Sonnenuntergang, sondern auch einen der Erlösung vorausgehenden erbarmungslosen Kampf mitempfinden ließen.
Gabi Rieger





03.05.2005
Auftaktkonzert zeugt von Inspiration


Birnauer Kantorei feiert eine ausverkaufte Saison-Eröffnung der Reihe "geistliche Konzerte in der Basilika" mit Mozart


Mit Mozarts "Missa in C" und der "Litaniae de Venerabili" (KV 125), eingebunden in zwei "Epistel-Sonaten", feierte die Birnauer Kantorei unter der Leitung von Klaus Reiners ihre Saison-Eröffnung in der bereits im Vorfeld ausverkauften Basilika.

Mit seiner eigenen Wahrhaftigkeit im gespürvollen Einwirken auf das immer harmonische, ausdrucksintensiv wie differenzierte Miteinander von Chor, Orchester und den stimmschönen Solisten Andrea Egeler (Sopran), Isolde Assenheimer (Alt), Jürgen Ochs (Tenor) und Hermann Locher (Bass) führte Reiners alle Mitwirkenden zu Höhenflügen. Die freudige Inspiration, mit der da in fantastisch austarierter Klangbalance gesungen und musiziert wurde, übertrug sich von Beginn an bis zum letzten Ton im "Agnus Dei", der festlich-heiteren, klangprächtig gestalteten "Missa in C", auf die vielen Zuhörer, deren Gesichtszüge geprägt waren von entspannter Hingabe. Ihr stürmischer Applaus als Resümee auf das rundum gelungene, inspirierende "geistliche Mozart-Konzert", spielte sich im Herzen ab. Da in der Birnau nicht applaudiert werden darf, schwangen die Gefühle der Dankbarkeit und Freude in aller Stille im abschließend vollen Glockengeläut mit.

Einen Sonderfall unter Mozarts Instrumentalwerken stellen die 17 so genannten Kirchensonaten dar, genauer zu bezeichnen als "Epistel-Sonaten": kurze und zugleich äußerst konzentriert-fantasievolle instrumentale Einfügungen innerhalb der Messe, zwischen Epistel und Evangelium, deren Kürze sich aus liturgischen Vorschriften erklärt. Formal handelt es sich um winzige Sonatensätze mit angedeuteter Konzertform.

Leicht und innig, in bewegter Transparenz musiziert ist die eröffnende Sonate in F (KV 224). Allerfeinst und silbern ziseliert klingen da die Geigen, getragen vom runden, warmen Unisonoklang von Celli, Kontrabass und Fagott. Fast mächtig wirkt dagegen das kraftvolle Orchestervorspiel zur lateinisch gesungenen "Litaniae de Venerabili", in das der Chor mit einem heroisch anmutenden "Kyrie eleyson" einstimmt. In anrührender Schlichtheit erfleht Andrea Egeler mit ihrem koloraturreichen, zum Mezzo tendierenden Sopran Gottes Erbarmen und unter die Haut geht das eindringliche "Verbum caro factum" des Chors: spritzig und stark prononciert, bekräftigt und kommentiert vom lebendig bewegten Orchester. Zwischen Sanftheit und Eindringlichkeit bewegt sich das stimmschöne Solistenquartett in seiner Bitte um Segen und Erbarmen. Dramatisch aufgebaut sind die Spannungsbögen von Chor und Orchester im "Tremendum", die bezüglich Klangfarbigkeit und Ausdrucksintensität in ihrer von Leben durchpulsten Agogik einen ganzen Kosmos in sich vereinen. Strahlkraft besitzt der metallisch gefärbte Tenor, der das Sakrament der Frömmigkeit besingt und einen ebenso lebendigen Erzählcharakter wie die Stimme der Sopranistin, die vor dem dynamisch aufschwellenden "Nobis" der Chorstimmen um Frieden bittet, besitzt.

Der feinen, leichten Sonate in C, in der sich die Orchesterorgel in höchsten Tönen trillernd mit dem prickelnd spritzigen Geigenspiel verbindet, folgt die mit beträchtlichem Aufwand an Klang und kompositorischer Kunst geschriebene Messe, die allen Mitwirkenden zur Offenbarung gelingt. "Quoniam tu solus Sanctus" singt sich die Sopranistin, mit unglaublich langem Atem tremolierend, in Seele und Gemüt. Auf schnellen Schritten dahereilend bestätigt der Chor mit leicht verhaltenem Jubel die Herrlichkeit Gottes, akkompagniert vom Pulsschlag der Pauke. In weltumarmender Süße besingt das Solistenquartett die Fleischwerdung Jesu und im chorischen "Crucifixus" entsteht im berührten Hörer die Vision, als schwebten die Stimmen über den Instrumenten.

Gabi Rieger




Meditation
Birnauer Kantorei begeistert mit Johann Sebastian BachsJohannes-Passion auf der Reichenau

Unheil steht bevor. Die düsteren Klänge, die klagende Oboe bereiten auf die Leidensgeschichte Christi vor, die im Nachfolgenden musikalisch erzählt wird. Chor und Orchester der Birnauer Kantorei versetzten mit ihrer Aufführung von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion die Zuhörer in eine spannungsreiche, gleichsam meditative Stimmung. Tenor Jürgen Ochs meisterte die Aufgabe, als Evangelist den langen Leidenweges Christi wiederzugeben, mit Bravour. Er verlieh der Erzählung die ihr gebührende Dramatik, unterstützt von den Bässen Rainer Pachner als bisweilen furchteinflößenden Pilatus mit donnernder Stimme und Markus Goritzki als Jesus. Die narrative Spannung unterstrich das Orchester der Kantorei überaus professionell. So imitierten die Bläser kunstvoll und gleichzeitig gewollt irritierend die "Verstrickung" in der von Altistin Ursula Maxhofer-Schiele vorgetragenen Arie "Von den Stricken meiner Sünden mich zu entbinden." Dabei verknüpften und entwirrten sich Oboen, Fagott und Alt aufs Sonderbarste miteinander. Die Arie des Soprans Ruth Liebscher dagegen strahlte ungebrochene Bereitschaft aus, dem Herrn zu folgen. Sie bewegte die Zuhörer vor allem in der von Leid geprägten Arie "Zerfließe, mein Herze." Diesen Zeilen gab sie mit ihrem hellen Sopran eine Zerbrechlichkeit und verlieh ihnen den gebührenden todtraurigen Charakter, ohne dass ihre Stimme je an Nachdruck verlor.

Was wäre ein narratives Wandgemälde, in dem die Handelnden im Vordergrund stehen und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ohne die alles stützende und unterstreichende Grundierung. In der Johannes-Passion steht der Chor für diese Halt gebende Substanz. Niemals drängt er sich in den Vordergrund, doch gibt er der Handlung in den ehrfürchtigen Chorälen einen meditativen Rahmen oder fungiert an anderer Stelle als Stimme des Volks. Unter der Leitung von Klaus Reiners sang der vierstimmige Chor mit Präzision und einer angemessenen Dynamik. Gut gelangen die raschen, fließenden Übergänge, in denen eine Singstimme die andere ablöst und die Dramatik wächst. So zum Beispiel während eines Berichts des Evangelisten, als Pilatus mit einem lauten Ausruf einfällt: "Sehet das ist Euer König." Das Volk aber in vielstimmigem Durcheinander fordert: "Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!"

Chor und Orchester der Birnauer Kantorei hielten von Beginn bis Ende die Balance zwischen Meditation und höchster Spannung, indem sie das Nach- und Nebeneinander nicht nur klanglich auffingen und feierlich trugen, sondern bisweilen kunstvoll Melodien aufgriffen und variantenreich imitierten. Im Schlusschoral "Ach Herr, lass dein lieb Engelein" schienen Tempo und Dynamik anfangs etwas schwach. Umso überraschender wirkte jedoch das in den letzten Zeilen einsetzende Crescendo: es führte den Choral mit einer ungeheuerlichen Macht zu auf das finale "Herr Jesu Christ, erhöre mich, ich will dich preisen ewiglich!" im Forte. So endete das Konzert mit einem grandiosen Nachhall und einer anschließenden Stille.

Julika Riekenberg




28.11.2004
Mit Präzision und Anmut
Birnauer Kantorei präsentierte J. S. Bach

Die drei Kantaten aus Bachs Weihnachtsoratorium zählen zweifellos zu den meistgespielten Werken in der Weihnachtszeit. Das Konzert, das Chor und Orchester der Birnauer Kantorei im Marienmünster Mittelzell auf der Reichenau gaben, führte einmal mehr zu der Erkenntnis, dass ein ausgezeichnetes Live-Konzert jeder noch so 
bekannten Musik ihre Einmaligkeit zurück zu geben vermag. 
Die Kulisse des - wenn auch sehr kalten - Marienmünsters mit dem spätgotischen Chor und seine wunderbare Akustik waren perfekt geeignet für ein solches geistliches Konzert. Der Kirchenraum versah den Klang mit einem feinen Hall, nach dem letzten Schlussakkord verweilten die Töne eine kurze Zeit lang. Bereits nach dem ersten Choral wusste man, dass selbst bei festlich jubelnden Chorälen wie "Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage" die Musik nie würde weltlich klingen, sondern in dieser Kirche akustisch etwas verklärt bleiben und dem Sinne der geistlichen Musik damit vollkommen entsprechen würde. 
Die Arien der Altistin Ibolya Verebics besaßen bei aller Leidenschaft eine große, jedoch absolut notwendige Zurückhaltung. Zarte Nuancen auf den hellen Silben wie "Zi-on" und "Trie-ben" brachten die stille Freude zum Ausdruck und bezeugten die das gesamte Werk beherrschende Ehrfurcht. 
Die Solisten wussten die Aufgabe der Zurückhaltung bravourös zu meistern und sich durch genau diese zu profilieren: als Evangelist verkündete Jürgen Ochs mit klarer, feierlich gefärbter Stimme die Geburt des Herrn. Im für den Sopran besonders anspruchsvollen Duett mit dem Bass schwang sich Mechthild Bach mit Leichtigkeit hinauf zum hohen A. Souverän auch die Rezitative des Basses Rainer Pachner. 
Bemerkenswert transparent spielten Streicher und Bläser. Klaus Reiners dirigierte mit ausdrucksstarken Gesten die einzelnen Phrasen. Den abschließenden Choral des dritten Teils brachte er mit einem intensiven Crescendo zum Höhepunkt, dem "voller Freud", bevor er den Choral mit einem ebenso starken Diminuendo erlöschen ließ. 
Mit absoluter Präzision und Anmut erklangen die Soli des Oboisten Robert Walker, der Flötistin Gertraud Malchow und des Violinisten Roland Baldini. Überhaupt: das Zusammenspiel von Chor, Orchester und Solisten klappte trotz des die Synchronisation immer ein wenig gefährdenden Halls der Kirche perfekt. Klaus Reiners gelang es darüber hinaus, die Tempi so zu wählen, dass die meditative Arie "Schlafe, mein liebster" - hingebungsvoll gesungen von Ibolya Verebics - zwar große Ruhe ausstrahlte, jedoch nie ins Einschläfernde abdriftete. Der Choral "Ehre sei Gott in der Höhe" wurde trotz Vivace nicht hektisch. 
Als der Schlusschoral der sechsten Kantate endete, ertönten feierlich die Glocken des Münsters, ganz nach Tradition der Birnauer Kantorei. So beschloss sie ihr Konzert mit einer kurzen Andacht, anstatt einen mit Sicherheit sehr lange währenden Applaus im voll besetzten Münster entgegenzunehmen. 

Julika Riekenberg


29.09. 2004
Sänger spüren der Musik nach

Antonin Dvoraks "Requiem " mit Solisten, Chor und Orchester der Birnauer Kantorei

ÜBERLINGEN- Total ausverkauft wie immer, wenn die Birnauer Kantorei in "ihrer" Basilika geschlossene Werke eines Komponisten zur Aufführung bringt, war auch die fein aufeinander abgestimmte, sehr sensible Einstudierung von Dvoraks "Requiem", dem ernsten, düsteren Gegenstück zum lyrisch-elegischen "Stabat mater". Die Partitur besteht aus 13 Stücken, die alle - mit Ausnahme des Solo-Quartetts "Recordare - den Chor beteiligen. Im Ton einer durch tröstliche Episoden aufgehellten Trauer liegt dem Werk als Leitthema ein bedeutungsvolles Motiv zugrunde, das die Partitur in mannigfachen Verwandlungen wie ein Todessymbol durchzieht. Dass sich die Sänger verbinden mit dem, was sie singen, war genauso deutlich zu spüren, wie das gute Einvernehmen zwischen allen Ausführenden zu ihrem künstlerischen Leiter Klaus Reiners, der wie immer präzis, einfühlend und mit Inspiration dirigierte. Es gehört zu den Stärken von Reiners, dass er seine Musiker in ausgewogener Klangbalance so zu führen vermag, dass man als Hörer alles um sich herum vergisst und die musikalische Botschaft mit allen Höhen und Tiefen miterlebt. 
Beeindruckt hat gleich zu Beginn, wie quasi aus dem Nichts ganz leise die Geigen erklangen, um dann die tiefen Streicher aufzunehmen. Wie von weither erklangen verhaltene Paukenschläge und nahtlos zart flocht sich der Chor in die Transparenz: "Ewige Ruhe, schenke ihnen, o Herr." Im sanften Auf und Ab von Creszendi und Descreszendi spendeten helle Bläsertöne das "ewige Licht". Unter die Haut ging dann die wunderschön metallisch gefärbte Strahlkraft im ausdrucksintensiven Solo-Tenor (Berthold Schmidt). Einen Schatz gehoben hat Reiners mit Monika Meier-Schmid, die mit ihrer leuchtend klaren, frischen Sopranstimme auch an den höchsten leisen Stellen noch beseelt zu tremolieren vermochte. Etwas untergegangen ist im Solistenquartett die Altistin Ursula Maxhofer-Schiele. In Solopassagen aber erfreute sie mit schönem runden Ton ebenso wie der des rabenschwarzen Bass von Thomas Wittig. Gänsehaut überzog den Hörer im Erleben des dynamisch brodelnden "Dies irae", das Chor und tiefe Streicher zum Inferno steigerten: "Tag des Zornes, Tag der Zährn, wird die Welt in Asche kehren". Im "Tuba mirum" ("Laut wird die Posaune klingen, mächtig in die Gräber dringen") bekamen die Celli unvermittelt einen warmen Klang.
Die Klage von Quartett und Chor im "Lacrimosa" (Tag der Tränen, Tag der Wehen) mündete in die herzzerreißend anrührend vom Chor und Solistenquartett gesungene Bitte um Erbarmen. Dann die Vision eines rasant herannahenden Insektenschwarms, der chorisch die Szenerie verdunkelte zum donnernden "Amen". Unglaublich schön, einem Mariengesang ähnlich, gestalteten Quartett und Chor das an den "milden Jesus" gewandte "Pie Jesu", dem sich ein sphärisches "Agnus Dei" anschloss, das aus himmlischen Höhen sanft auf die Erde zu rieseln schien. In zweimaligem Ansatz stieg der Solosopran zum letzten, strahlenden Klanggipfel auf. Durch den Tenor in der Oktave verstärkt, schwebte sie über die im Dreiklang aufleuchtenden Klangmassen von Chor und Orchester. Aus ruhig ausschwingenden Melodien vereinigten sich alle Stimmen, von Trompeten und Posaunen gestützt, zu leisen, lösenden B-Dur-Akkorden. 
Wie aus einem gelebten Traum schreckten die Hörer, als ganz unvermittelt und wie abgezirkelt in den letzten Ton hinein die Glocken der Basilika zu läuten begannen.

Gabi Rieger


20.07.2004
Barocke Musik aus vier europäischen Ländern

Torelli, Bach, Händel und Charpentier mit der Birnauer Kantorei und Solisten in der Basilika

Werke von vier Barock-Komponisten aus vier europäischen Ländern standen auf dem Programm des ausverkauften Konzerts mit der Birnauer Kantorei. Georg Friedrich Händel als Vertreter für England lebte noch, als die barocke Basilika Birnau 1750 eröffnet wurde und Johann Sebastian Bach, mit einer Kantate aus BWV 147 vertreten, ist in jenem Jahr gestorben. Nicht mehr gelebt haben zu dieser Zeit der Italiener Giuseppe Torell (1658-1709), dessen Konzert in D-Dur für Trompete, Streicher und b.c. mit Bernhard Kratzer als hervorragendem Solisten musiziert wurde und der Franzose Marc-Antoine Charpentier (1634-1704), dessen strahlendes "Te Deum" das Gotteshaus mit festlichem Jubel füllte. 

Unter den kirchlichen Hymnedichtungen erwarb der Ambrosianische Lobgesang "Te Deum laudamus" besondere Volkstümlichkeit, weil er als Lob- und Dankgesang oft zu festlichen Gelegenheiten von öffentlicher Bedeutung gesungen wurde. Charpentiers Tedeum D-Dur für Soli, vierstimmigen gemischten Chor und Orchester, das Dank der Benutzung der Eingangstakte des Präludiums als Eurovisionsfanfare einen deutlichen Popularitätschub erfuhr, gehört zu den meistgespielten Werken dieser Gattung. Einfühlsam und mit Balance zwischen Emotion und Kontrolle führten Klaus Reiners Orchester, Chor und Solisten in homogenem Zusammenwirken durch die Stücke. 

Wie immer wurde in bestens austarierter Klangbalance mit leidenschaftlichem Engagement und spürbarer Freude so inspiriert gesungen und musiziert, dass neben dem musikalischen auch der religiöse Gehalt der Oevres vermittelt wurde. Eine gute Vokalbesetzung konnte Reiners gewinnen mit den stimmschönen Solisten Gabriele Näther (Sopran), Dorothée Burkert (Alt), Philipp Heizmann (Bass) und Johannes Eidloth (Tenor mit metallischer Färbung und lebendigem Erzählcharakter). 

Neben den gedruckten Instrumentalwerken des italienischen Violinisten Torelli sind eine Vielzahl von Trompetenstücken handschriftlich überliefert. Es sind Kompositionen für eine bis fünf Trompeten, Streicher und b.c., die Torelli während seines ersten Aufenthaltes in Bolognakomponierte. Möglicherweise wurde er dazu von dem hervorragenden Trompeter Giovanni Pelledrino Brandi angeregt, der sich zu dieser Zeit dort aufhielt. 

Als hoch virtuoser, in schönstem Selbstverständis musizierender Solist strahlte Bernhard Kratzer mit der Bachtrompete in klarster Artikulation über der schnellen, filigranen Agogik von Streichern und Orgel, um im letzten Ton des ersten Satzes mit ihnen zu verschmelzen. So behutsam, als könnte ihr transparenter Glanz wie Glas zerbrechen, trugen die Streicher im Adagio den wunderschön beseelten, hellen Ton der schlank geführten Bachtrompete. Anrührend auch, wie sich im Nachklang des Erlebten die Hörer gegenseitig einvernehmlich selig zulächelten - anstelle des von der Kirchenobrigkeit untersagten Beifalls. 

Bei der Bach-Kantate "Herz und Mund und Tat und Leben" strahlte Kratzers Bachtrompete von irgendwo her aus dem Vorspiel des Orchesters, das verstummte, als der Chor seinen Einsatz hatte. Zunächst noch etwas diffus verschwommen, erhielt der Chorklang Kontur, um dann erst wenig tiefe Streicher, und dann das ganze Instrumentarium wieder aufzunehmen. Sehr verspielt in seiner schlichten Anlage gestaltete sich Händels F-Dur-Konzert op. 4/4, das fast wie im da capo al fine mit einer Unterhaltung zwischen Streicher und Orgel begann und irgendwann Ohrwurmqualität erreichte. Erlösung brachte das glanzvolle Tedeum Charpentiers, auf dem sich Chor und Orchester auf höchsten Touren bewegten. 
Gabi Rieger

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22.06.2004
Elementares Erlebnis charaktervoll und intensiv gestaltet

       "Die Schöpfung" von Haydn mit der Birnauer Kantorei in der Basilika Birnau - 
                                             Heiß begehrte Karten 
 


Bild: Rieger
 Ein zutiefst berührendes, elementares Erlebnis in 
der ausverkauften Basilika Birnau: die zu Gemüt 
gehende "Schöpfung" von Joseph Haydn. 
Charaktervoll gestaltet von der Birnauer Kantorei 
samt hervorragendem Orchester und stimmschönen Gesangssolisten.
"Leider ausverkauft. Stehplätze verfügbar", kündete bereits eine gute halbe Stunde vor Konzertbeginn ein Schild neben dem Portal der Basilika Birnau, vor dem sich eine riesige Menschentraube gebildet hatte. Gesegnet war, wer noch eine der heiß begehrten Karten zu Haydns Meisterwerk "Die Schöpfung" mit der Birnauer Kantorei ergattern konnte, denn ihn erwartete ein zutiefst berührendes, elementares Erlebnis. 

Charaktervoll und intensiv, dabei transparent und luftig, haben Chor und Orchester der Birnauer Kantorei samt Solisten unter der bewährten Leitung von Klaus Reiners gesungen und musiziert. Die Textdichtung des sonst nicht bekannten englischen Autors Lidley ist ein breit ausgesponnener, mit anschaulichen Details und frommen Lobgesängen durchsetzter Bericht von der Erschaffung der Welt, der den Erzengeln Gabriel (Ruth Amsler/Sopran), Uriel (Bernhard Gärtner/Tenor), Raphael (Wolfgang Newerla/Bass) und dem Chor der himmlischen Heerscharen in den Mund gelegt ist. Am Ende stimmt auch das erste Menschenpaar Adam und Eva in das Lied der himmlischen Sänger ein. 

Der erste Teil behandelt den ersten bis vierten Schöpfungstag mit der Erschaffung der Erde und Gestirne. Ihm folgt die Beschreibung von Tieren und Menschen. Der dritte Teil feiert die paradiesischen Freuden des siebten Tages mit Adam und Eva. Das Oratorium beginnt mit der Vorstellung des Chaos, das aus dem Kosmos entstand. Wunderschön plastisch, lebendig im Erzählcharakter und musikalisch äußerst effektvoll waren die vielen Details, wie etwa die Darstellung der verschiedenen Tiere und der Natur, das Rollen des Donners mit Paukenschlägen aus dem Hintergrund. Jede einzelne Sequenz der vielgestaltigen Schöpfungsgeschichte war wunderschön authentisch und berührend zugleich gestaltet. Die stetig aufmerksame Verbindung aller Ausführenden zum sensibel umsichtigen Dirigat Reiners hatte wieder einmal, zur Erbauung aller Hörer, gute Früchte getragen. "Da wabert am Anfang mit den Streichern die Urmasse so schön, wenn Gott aus dem Chaos das Licht entstehen lässt", hatte sich kurz vor Beginn des Konzertes eine mitwirkende Cellistin dem SÜDKURIER gegenüber geschwärmt, und ein ebenfalls mitwirkender Bratschist ergänzte: "Nur ein einziges leises Pizzikato machen wir, dann strahlt das Licht im vollen Tutti." Phänomenal war dann auch die Gebanntheit des Publikums, das im Erleben dieser grandiosen Aufführung so atemlos beeindruckt lauschte, dass man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können im übervollen Gotteshaus. "Eine ganz tolle Akkustik", flüsterte jemand überwältigt vor dem zweiten Teil, der das Wasser in Fülle gebiert und "Vögel, die über der Erde fliegen mögen". In perlenden Koloraturen girrt der leuchtende Sopran von Ruth Amsler wie das verliebte Taubenpaar, das sie im silbrigen Glanz der Streicher in der Arie des Gabriels besingt. Eine Flöte trällert den Gesang der Nachtigall. Gänsehaut erzeugt der duftig-dumpfe Klang von Celli und Violen im Rezitativ des Raphael. Beweglichkeit, ausmalende Artikulation und viel Wärme im Ton gaben den Arien stimmigen Ausdruck. Immer wieder sehr geheimnisvoll zu klingen vermochte die Stimme des Tenors, wie etwa in der Arie des Uriel, welche die Erschaffung der Menschen beschreibt. Adam als "der Geist, des Schöpfers Hauch und Ebenbild" und "für ihn, aus ihm geformt" Eva, die "hold und anmutsvoll in froher Unschuld lächelt". Differenzierte wie textorientierte Gestaltung prägte auch den immer gut verständlichen Chorgesang. Zu höchster Strahlkraft entwickelte sich die große, vorwärtsstrebende Klangfülle im Schlusschor mit seinen reizvollen harmonischen Wendungen, in die sich mit Terzenkoloraturen fließende "Amen"-Rufe der Solisten schoben: "Singet dem Herrn alle Stimmen..." 

Gabi Rieger


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14.05.2004 
Mozart prägt

Birnauer Kantorei eröffnet Konzertreihe

Mozarts Schaffen als Kirchenmusiker fand in den Jahren 1776 bis 1783 seinen Höhepunkt. Für welchen Anlass Mozart 1779 die "Vesperae solennes de Dominica" komponiert hat, ist heute nicht genau bekannt. Sicher ist aber, dass Mozart innerlich ganz unabhängig war und seiner eigenen Idee von Stil folgte. Im "Laudate pueri" und "Laudate Dominum" folgen heftige Kontraste aufeinander: Eine einfache Koloratur Aria mit obligater Orgel, von Barbara Locher souverän und mit strahlendem, warmen Timbre und leichter Höhe ausgesungen, und ein Chorsatz von perfekt motettenhaftem Charakter. Er beginnt mit strengem Kanon a capella und ergeht sich dann in einem frei strömenden "Laudate pueri". Dies entpuppte sich in diesem Werk als einer der chorischen Höhepunkte der Birnauer Kantorei unter der Leitung von Klaus Reiners - als eine reiche, lebendig gemeisterte Polyphonie. Trotz der vokalen und instrumentalen Unabhängigkeit voneinander scheinen Chor und Orchester in einer besonderen Einheit.

Auch bei den fünf Violinkonzerten wissen wir nicht genau, ob Mozart sie als Auftragswerke, für einen befreundeten Geiger, oder für den eigenen Gebrauch geschrieben hat. Angesichts der einheitlichen Entstehungszeit in nur wenigen Monaten im Jahre 1775, bleibt es umso bewundernswerter, wie individuell die Werke geraten sind. Verbindend für alle ist die dreisätzige Anlage. In dem zur Aufführung gebrachten fünften Konzert KV 219 spielte Konzertmeister Roland Baldini die Solovioline. Hier überwindet Mozart im ersten Satz den vorgegebenen Typus: Zunächst wird das Thema nur vom Orchester vorgetragen, dann stellt sich der Solist mit einem wie improvisierten Adagio mit Orchesterbegleitung vor und beginnt danach erst mit dem Thema - jedoch entschieden bereichert. Zum Tutti erhebt sich eine strahlende Melodie der Sologeige und entwickelt sich zum eigentlichen Hauptthema. Der Mittelsatz wird im Solopart durch flexible Figurationen bereichert.

Und zum Abschluss nochmals ins Jahr 1776, der Entstehung der drei Messen in C. Auf dem Programm der Birnauer Kantorei stand die erste, die Credo-Messe, KV 257. Die Credo Devise, der die Messe ihren Namen verdankt, ist schlicht aber mit großem polyphonem Gehalt. Wie schon in der zuerst gehörten "Vespere Solennes" sangen neben der Sopranistin Barbara Locher, Ibolya Verebics (Alt), Ulrich Müller-Adam (Tenor) und Christian Feichtmair (Bass). Besonders homogen in Stimmführung und Gestaltung klang das Quartett im Credo "Qui cum Patre et Filio...", im Sanctus und Benedictus verkündete der Chor ein federnd leichtes und transparentes "Hosanna in excelsis". Das "Agnus Dei" setzte einen würdigen Abschluss des Mozart-Programms in der vollbesetzten Basilika. Christiane Pieper

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30.09.2003

Berührte Gänsehaut
"Elias" mit Birnauer Kantorei begeisterte

Das hebt in andere Sphären ab. Wie in einem guten Film liefen die Bilder vor dem geistigen Auge ab", flüstert eine Besucherin, noch ganz unter dem Eindruck des soeben erlebten. In der Birnau, voll besetzt wie immer, darf nicht applaudiert werden. So strahlt das jubelnde "Amen" des Schlusschors samt unisono empfundener Publikums- Begeisterung über den fantastisch "inszenierten" Elias als Nachhall mitten hinein ins volle Glockengeläut. Klaus Reiners, der den Chor samt Orchester der Birnauer Kantorei vor zwei Jahren am selben Ort mit den gleichen trefflich ausgewählten Solisten schon einmal so bravourös durch Mendelssohn-Bartholdys alttestamentarisches Oratorium "Elias" führte, hatte sich auf vielfachen Wunsch begeisterter Zuhörer und zur Freude seines 75 Stimmen starken Chors dazu entschlossen, dieses glanzvolle Werk noch einmal aufzuführen. 
Dass Reiners hinter der Musik steht, die er macht, war auch diesmal wieder deutlich zu spüren. Das Feuer der Begeisterung, das er in seinen Ausführenden zu entfachen weiß, spiegelte von der ersten bis zur letzten Sekunde auch auf die Zuhörer. Trotz der zeitlichen Länge, immerhin fast drei Stunden ohne Pause, war die grandiose Aufführung kein bisschen ermüdend, sondern in ihrem lebendigen wie spannenden Gehalt fesselnd bis zum Schluss. Bestens disponiert waren alle Involvierten, die zum einen durch ihre beseelte Gestaltungskunst in dynamisch ausgewogener Klangbalance, zum anderen durch die klare Artikullation ihrer im Text immer gut verständlichen Stimmen erfreuten. 
Ausgeglichen in allen Stimmlagen sang Michel Brodard die Basspartien des "Elias", die eher baritonale Helligkeit aufwiesen und damit viel Transparenz bekamen. Beweglichkeit, ausmalende Artikulation und viel Wärme im Ton gaben den Arien stimmigen Ausdruck.
Mit lebendigem Erzählcharakter in farbenreich reiner Intonation überzeugten in den Solistenpartien weiter die zum Mezzo tendierende Altistin Liliane Zürcher (Engel/Königin), die Sopranistin Barbara Locher (Witwe) und der leicht metallische Tenor Berhard Gärtner, der in seinen manchmal eigentümlichen Wortbetonungen an Karel Gott erinnerte. Differenzierte wie textorientierte Gestaltung prägte den kultivierten Chorgesang, der nur im hohen Sopran eine klitzekleine Prise schwächelte. 
Die erste berührte Gänsehaut, die sich im Mitfühlen des oftmals harten, alttestamentarisch grausamen Tobaks nach innen stülpte, erzeugte schon das in vielen dramatischen Klangnuancen chorisch geflehte "Hilf, Herr!", mit dem das Volk Israel nach der eröffnenden Prophezeihung des Elias und der sich dynamisch steigernden Ouvertüre des Orchesters um Regen bat. Fesselnd gestaltet waren die großen Situationsbilder des unter dem Fluch leidenden Volkes. Ergreifende Szenen entstanden vor dem geistigen Auge im Erleben der von vielen Höhepunkten beflügelten, wunderschönen Musik. Zauberhaft das Streicherintermezzo, das auf transparentem Strahl die Sopan-Arie der Witwe trägt. 
Im zweiten Teil geht es, eingebettet durch die in großer Bandbreite wunderschön gesungene Sopran-Arie "Israel, höre des Herrn Stimme" vorerst um tödliche Vergeltung. Aufrüttelnd leidenschaftlich kam der Wechselgesang zwischen Elias, dem Volk und der Königin, welche die Götter Baals favorisiert. Zutiefst ergreifend dann die von innigem Celloklang getragene Arie des Elias in seiner verzweifelten Todessehnsucht. 
Gabi Rieger
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23.07.2003
    Stimmiges Konzert im heiter-festlichen Kirchenraum
Birnauer Kantorei konzertierte mit groß besetztem Chor - Werke von Bach und Telemann

Mit Johann Sebastian Bachs Choralkantate "Jesu, der du meine Seele" aus später Leipziger Zeit eröffnete die Birnauer Kantorei ihr Sommerkonzert. Dem großbesetzten Chor gelang es im dunkelfeierlichen Eingangssatz ein ausdrucksvolles Klanggemälde darzustellen. Alles im Klang etwas füllig, doch deutlich vom Chor artikuliert. Barocke Klangrede ließ Dirgent Klaus Reiners auch im munteren Duetto walten, sehr flüssig und leicht stellten die Solistinnen Andrea Egeler, mit zunächst etwas spitz wirkendem, doch leuchtend schlankem Sopran, und Ibolya Verebics mit gleichmäßigem, doch warmen Alt, die Melodielinien über beweglichem Continuo heraus. Leicht nasal, doch deutlich der Tenor Jürgen Ochs im expressiv bekennenden, um Sünden-Vergebung flehenden Secco-Rezitativ. Dann in der Arie gesteigert mit lockerer und klarer Tongebung sang Jürgen Ochs die koloraturreiche Partie zu flockigen Solo-Flöten-Girlanden. Während Stefan Geyers sonorer und fülliger Bass in dem harmonisch ungemeinen reichen Accompagnato mit anschließendem Arioso, einer Betrachtung von Jesu, Passion, Auferstehung und Jüngstem Gericht, sich entfalten konnte. In der affektvollen Bass -Arie hingegen wirkten die Koloraturen etwas polternd. Festlich breit gelagert wiederum der beschliessende Choralsatz, doch von angemessen flottem Tempo.
Georg Philipp Telemanns Konzert-Sonate D-Dur ist eigentlich mit der Überschrift "Sinfonia Spirituosa" überliefert, und hat im Original nur in den schnellen Ecksätzen eine Trompeten-Stimme. Hier erklang sie in Bearbeitung des Solisten Bernhard Kratzer, der das Largo für Trompete arrangierte. Als festfroher Mittelteil des Konzerts wurde das ciaconna-hafte Allegro spirituoso federnd und marschartig zugleich, mit klar konturiertem Trompetensolo vorgetragen. Geradezu venezianisch der duftige Mittelsatz mit schillernden Seufzer-Passagen der Streicher und elegantem Solo. 
Das Hauptwerk des Konzerts war ohne Frage Johann Christian Bachs "Gloria" aus seiner Mailänder Zeit. Eine einfallsreiche melodienselige Partitur mit raffinierten Details in der Instrumentation. Kaum verwundert bei diesen Melodien, dass der junge Mozart davon beeindruckt wurde. Auch passte dieses Stück sehr stimmig in den heiter-festlichen Kirchenraum der Birnau. Nach einem raschen unbeschwerten Sinfonie-Satz mit Hörnern und Oboen, nimmt der Chor mit Gloria-Einwürfen den Jubel auf. Feinabgestuft wurde das folgende "Et in terra pax". Als lichter Zwiegesang von Sopran und Tenor wurde das "Laudamus te" mit elegantem Orgel-Solo von Helmut Brand zu elegant federnden Streichern gestaltet. Mit zwei Flöten zu den Streichern das beschwingte "Gratias", für kolaraturgespickten Solo-Alt. Als geradezu theatralisch opernhafte Szene das Terzett "Domine deus". Gefolgt von einem dreiteiligen "Agnus dei"-Satz, zunächst wird das "Qui tollis peccata mundi" in einer langsamen Sopran-Arie mit delikaten Soli von zwei Violinen und Cello vorgestellt; hier leicht und strahlend ausgeführt. Darauf ein ausdrucksvoller Chorsatz, erst homopohon, dann als drittes in einer geradezu altmeisterlich strengen Fuge mündend, dessen harmonische Reize sicher gestaltet wurden. Ein luftig leichtes "Qui sedes" für koloraturenreichen Tenor folgt, darauf beschwörend das hurtige "Quoniam tu solus sanctus" mit kräftigen Bass-Einwürfen. Um zuletzt im festlichen Freudengesang des "Cum sancto spiritu" mit vollklingender Delikatesse im Wechsel von Sopran und Alt-Soli und beweglichen Chorklang zu münden. Stille und Glockenklang beschlossen, wie in Birnau üblich, das geistliche Konzert. 
Hans-Jürgen Becker
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24. Juni 2003
Romantik aus acht Ländern

Als die Lieblingswerke des Leiters der Birnauer Kantorei kündigte Pater Michael Schaufler das Konzert Europäischer Chor- und Instrumentalmusik des 19. und 20. Jahrhunderts an. Die Romantik also. Und in der Tat versprach ein reichhaltiges Programm mit Kompositionen aus Deutschland, Italien und Frankreich sowie selten gehörte Werke aus Russland, Österreich, England und Norwegen ein gelungenes Konzert zu werden, das dem sonntäglichen Impetus des Gotteslobes durchweg gerecht wurde.
In schönem Kontrast zur Chormusik standen sensibel ausgesuchte Instrumentaleinlagen, vorgetragen von Petra Haas, Harfe und Gertraud Malchow, Flöte. Der Chor, nicht nur optisch, sondern auch stimmlich vielfach verjüngt, überzeugte diesmal gleich zu Beginn mit Felix Mendelssohn Bartholdys "Singet dem Herrn ein neues Lied", Psalm 98 op. 91. Frische und wohlklingende Solosopranstimmen waren hier zu hören, die Achtstimmigkeit des Chores wurde den kontrapunktischen Stimmführungsregeln auch intonationsmäßig voll gerecht.
Von Mendelssohn, den Robert Schumann schon als höchsten neueren Kirchenmusiker gelobt hatte, schloss sich das überaus sauber und zart gesungene "Laudate pueri" für dreistimmigen Frauenchor an, von Berhnard Ladenburger entsprechend einfühlsam an der Orgel begleitet. Für Flöte und Harfe folgte die "Omaggio a Bellini" von Antonino Pasculli. Weit ausschweifende Melodiebögen, die Gertraud Malchow auf der Querflöte mit langem Atem und weichem Ton blies. Harfenklänge, sauber und auch im piano mit packendem Nachklang von Petra Haas gezupft, unterstrichen die einmalige Atmosphäre in der Basilika.
Spannungsgeladen präsentierte der Chor auch zwei Werke von Serge Rachmaninoff. Zunächst Chor Duchov Chor der Geister- für vierstimmiggemischten Chor. Künstlerische Symbolkraft und geistliche Würde kamen hier dynamisch und ausdrucksstark zusammen. Dagegen war das "Tebe poem" fast durchweg im Piano gehalten und von allen fünf Stimmlagen in Wort und Ton ein wahrer Hörgenuss.
Vom französischen Komponisten Jules Massenet, der als Pianist und später Komponist von einigen Opern, vor allem von Peter Tschaikowsky und Charles Gounod beeinflusst wurde, stammte die stark lyrisch anmutende Meditation aus Thais für Flöte und Harfe. Auch hier waren die Klangfarben der beiden Instrumente in Melodie und Begleitung wunderbar aufeinander abgestimmt.
Als wohl einer der größten deutschen Kirchenmusiker der Romantik hatte Gabriel Rheinberger das Schlusswort und versetzte die gewohnt ausverkaufte Basilika mit dem bekannten "Bleib bei uns, denn es will Abend werden" sechsstimmig in aufkommende Abendstimmung. Auch ohne Applaus war Dankbarkeit spürbar. 
Christiane Pieper

 

6. Mai 2003
Konzertberschreibung:
Religiöse Ausdruckskraft mit Mozart

Die Birnauer Kantorei bringt kirchliche Werke zur Aufführung 

Mitte des 18. Jahrhunderts ging in Bologna kein  Mensch in die Oper, weil es dort keine Oper gab.  Dafür gab es den Padre Martini, den gelehrtesten  Kontrapunktisten Italiens (1706 - 1784). Immer  wenn Wolfgang Amadeus Mozart den Padre besuchte, erbat er sich ein Fugenthema zum Auskomponieren. Ohne Martinis Unterricht, so behaupten Mozartexperten, hätte seine spätere Salzburger Kirchenmusik kaum in dieser Form  entstehen können. Wie auch die Meister früherer Epochen, schrieb er ohne pathetisch erzwungene Frömmigkeit, aber gewissenhaft dem liturgischen Wort dienend. 
Ungekünstelt und frei von historisch Unabdingbarem gehört diese Musik der Gegenwart, der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an.Die Birnauer Kantorei eröffnete unter ihrem Leiter Klaus Reiners mit der Litanei "De venerabili altaris Sacramento Es-Dur" den Zyklus "Geistliche Musik Birnau 2003". Starke Ausdrucksgegensätze bestimmen das Werk: Das Adagio, schön von Posaunenklängen getragen, im "Tremendum ac vivificum sacramentum" hätte die Erschütterung des Geschehens in der chorischen Stimmführung noch etwas spürbarer werden können, hingegen kam die im großartig polyphonen Stil geschriebene Chorfuge "Pignus futurae gloria“ in schöner Phrasierung in allen vier Stimmlagen zum Ausdruck.
Ende 1776 komponierte Mozart für Antonio Brunetti ein Adagio für Violine und Orchester ein neues Adagio zu seinem 5. Violinkonzert in A-Dur, das den originalen Mittelsatz in der Aufführungstradition jedoch nur selten verdrängt. Mit frei strömender Kantabilität und lang gesponnenen Melodiebögen bereicherte Roland Baldini im Violin-Solopart das zarte Wechselspiel mit dem Orchester. 
Die "Missa in c KV 139" zählt zu den Anfangswerken von Mozarts Kirchenmusik. 
Er soll dieses festlich repräsentative Werk bereits im Alter von 13 Jahren komponiert haben. Diese Behauptung würde einmal mehr Mozarts frühreife geniale Entwicklung für eine ungemein reiche Instrumentalbesetzung mit Oboen, Posaunen, Trompeten und Streichorchester bestätigen. Dem romantischen Kyrie folgt nach dem Gloria, das mit Trillern und Koloraturen gezierte "Laudamus Te". Hier überzeugte die Sopranistin Ruth Liebscher mit langem Atem, schönem Stimmvolumen und feinster Artikulation. Auf die Sopranistin entfielen in diesem Werk neben der Altistin Ursula Maxhofer-Schiele, dem Tenor Ulrich Müller-Adam und Christian Feichtmair als Bassisten die Hauptsolopartien. Kontrapunktisch geht es im "Cum sanctu spiritu" zu, bevor das "crucifixus“ des Credo  wieder in der Haupttonart c-moll erscheint. Hier stehen schmetternde Trompeten im Kontrast zu synkopischen Akzenten der übrigen Instrumente. Kontrastreich gestaltete Ruth Liebscher auch die Sopran-Koloratur im "Resurrexit." 
Christiane Pieper

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1. April 2003
Haydn unerschöpft 

Die Birnauer Kantorei überzeugt auf der Reichenau

Ihre erste öffentliche Aufführung am Ende des vergehenden 18. Jahrhunderts geriet zu Joseph Haydns größtem Triumph. Im 19. Jahrhundert zog sie wegen durchaus vorhandener Anachronismen reichlich Spott auf sich. Und doch hat die "Schöpfung" bis heute nichts von ihrem anziehenden Charme verloren. Ein Werk, das auch die Birnauer Kantorei seit Jahren in ihrem Repertoire hat. Ebenso selbstverständlich sind auch Solisten mit diesem beliebten Oratorium vertraut und so sprang Dariusz Niemironicz für den kurzfristig ausgefallenen Bassisten ein. Neben der Sopranistin Ruth Amsler als Eva und Gabriel sang der Tenor Jürgen Ochs die Partie des Uriel. Der Chor der Birnauer Kantorei, der sich einer fast selten gewordenen Ausgeglichenheit innerhalb der Stimmlagen erfreuen darf, bemühte sich, den kraftvollen Klangmalereien, den breitgestreuten fortissimi gerecht zu werden und überzeugte dann vor allem ab dem zweiten Teil mit eingängiger Textdeutung und sauberer Artikulation.Auch das Orchester bedurfte im ersten Teil noch einer gewissen Aufwärmphase, um sich schließlich zu intonatorischer und interpretatorischer Homogenität zu sammeln. Dass die deskriptive Dimension des Oratoriums die von den ersten beiden Kapiteln der Genesis eng umrissene epische Ebene überwiegt, traf sich hier besonders mit Klaus Reiners Sinn für musikalische Gestaltung. So gerieten Haydns von den Verfechtern der Absoluten Musik oft als zu hemmungslos eingesetzte Lautmalereien kritisiert - wie der Sonnenaufgang im ersten Teil und das lärmende Löwengebrüll im zweiten Teil - zu besonderen Hörerlebnissen. Das Duett von Adam und Eva mit dem Chor im dritten Teil "Von deiner Güt , o Herr und Gott..." wurde zu einem der Höhepunkte der Aufführung im Marienmünster. Die souveräne Sopranistin Ruth Amsler ließ sich ganz auf den Facettenreichtum der Partitur ein, gestaltete mit ihrer schlank geführten, gehaltvollen Stimme einen lebendigen Gabriel wie auch eine zarte Eva. Durchweg überzeugen konnte Jürgen Ochs mit einer warmen und klaren Tenorstimme als Uriel. Seine Arie "Mit Würd´ und Hoheit angetan..." beeindruckte durch weiches Timbre und hörbare Oratorienerfahrung. Das füreinander bestimmte Paar ist in der Kombination Sopran-Bass, wie sie in der Stimmdisposition von Eva und Adam vorliegt, eine Abweichung der natürlichen Zuordnung herkömmlicher Opernkonvention. Im Rahmen des Zauberflötentons verweist diese Stimmkombination eher auf Papageno und Papagena, als auf Pamina und Tamino und versinnbildlicht so die Naivität des ersten Menschenpaares, das jedoch im Gegensatz zu dem "seriösen Paar" Pamina-Tamino seine Prüfung noch vor sich hat. 
Christiane Pieper

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1. Oktober 2002
"Birnauer Kantorei" bietet inspirierendes Abschlusskonzert in der ausverkauften Klosterkirche

Man weiß es längst: wenn Chor und Orchester der "Birnauer Kantorei" samt Gesangssolisten unter der Leitung von Dirigent Klaus Reiners in der barocken Zisterzienser Wallfahrtskirche konzertieren, erwartet den Besucher ein qualitativ hochwertiges musikalisches Erlebnis, das nicht nur tief berührt, sondern auch nachhaltig inspiriert. So erlebte beim saisonalen Abschlusskonzert die wie immer total ausverkaufte Basilika Birnau am Sonntag wieder einmal eine jener Sternstunden, von der im aktuellen Erleben der Eindruck bleibt, "das war die schönste". 
Eingebunden in Orchesterwerke von Max Bruch und Giacomo Puccini, boten die bestens disponierten Ausführenden ein feinfühlig zusammengestelltes Programm. Es wurde mit der verinnerlichten Zartheit und Transparenz des unvollendeten Mendelssohn-Oratoriums "Christus" eröffnet und gipfelte in stimmlicher wie orchestraler Klangbrillanz in die 1880 posthum veröffentlichte Puccini-Oper "Messa die Gloria". Trotz einer gewissen Unausgeglichenheit in der Gesamtform verbindet das bravourös interpretierte Chorstück im Einzelnen Einfallsreichtum mit klassisch formaler Klarheit. Dabei zeigen Stimmbehandlung und Orchestrierung höchstes Können. Eingeleitet wurde es mit dem "Preludio Sinfonico" für Orchester. Stand das Präludium in seiner zart verhaltenen Transparenz noch ganz im Duktus der vorausgegangenen Werke, so bot es mit virtuosem Streicherforte und aufkeimend tragischem Blech-Furioso zwischen fein ausgewebten Pianissimo-Stellen bereits einen "Vorgeschmack" auf die extreme Farbbrillanz der heiter gefärbten Gloria-Messe. Am Lächeln auf den Gesichtszügen des empfänglichen Auditoriums war abzulesen, dass sie den über 600 Zuhörern mindestens so viel Spaß bereitete wie der engagiert singenden und musizierenden "Birnauer Kantorei". 
Zwischen hellem Streicherklang leuchtete zartfunkelnd das innig bittend gesungene "Kyrie". Leichtfüßig fröhlich, fast tändelnd, kam dann die brillante Darstellung des stimmungshebenden "Gloria" daher. Heroisch strahlten die Trompeten aus der Klangvielfalt im wirkungsintensiven "Credo" und seinen zauberhaften Entfaltungen des "ex-Maria"-Motivs. Mit der charismatischen Strahlkraft des über ein beachtliches Stimmvolumen verfügenden, leicht metallisch gefärbten Heldentenors zog als Solist Bernhard Gärtner im A-cappela-Satz "Et incarnatus est" genauso in Bann wie der ausgewogen rabenschwarze Bass von Michel Brodard im schmelzreichen "Gratias". Als hervorragender Virtuose mit warmem schönem Celloklang war Bernhard Rissmann im "Kol Nidrei`` (Opus 47, d-Moll) von Max Bruch erlebt worden, einem ansprechenden Werk mit intimem Charakter, das sich aus zwei hebräischen Melodien speist. 
Elegische und hymnische Stimmung hat Bruch in diesem mit "Adagio ma non troppo" überschriebenen Satz Satz plastisch und natürlich gegeneinandergestellt und durch eine klanglich schwelgerische Orchesterbegleitung miteinander verbunden. In fein differenzierten Klangbildern ausgestaltet haben die stets hervorragend zusammenwirkenden Stimmen und Instrumente die das Leiden und die Geburt Christi behandelnden Fragmente von Mendelssohns unvollendetem Christus-Oratorium (Opus 97). Hier überzeugte neben den stimmschönen Gesangssolisten Agnes Stankiewicz-Gabriel (Sopran) und Heinrich Morgenstern (Bass II) der später als "Heldentenor" erlebte Bernhard Gärtner. 
Gabi Rieger
 

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23.Juli 2002
Meisterliches Gotteslob

Bachs "Magnificat" im Mittelpunkt "Geistlicher Musik" in der Birnauer Wallfahrtskirche 
Nicht alles ist Schnee von gestern. Da gibt es Augenblicke, die haben Langzeitwirkung. Ein Beispiel: Das begeistert aufgenommene "Magnificat" Bachs von 1968 in der Birnauer Wallfahrtskirche - durch die damals gerade zwei Jahre junge Birnauer Kantorei. Die Interpretation der hymnischen Akklamation zum Lobe Mariens hatte einen diesseits bejahenden Zuschnitt. In der jüngsten Veranstaltung der "Geistlichen Musik" kam die Großtat des Thomaskantors zu zusätzlichen Ehren: Dem barocken Klangreichtum war binnen-musikalische Ausprägung zuteil geworden. Vor einem vollbesetzten Gotteshaus, womit sich die einst von Pater Prior Feser ausgesprochene Hoffnung wiederum erfüllte, die Kirche vor einem einseitigen Durchgangsort von kunsthistorisch interessierten Touristen zu bewahren. 
Dem Dirigenten Klaus Reiners und seinen vielen Helfern in Sachen "Geistliche Musik" ist es zu verdanken, dass auf der Anhöhe von Nußdorf in nunmehr 36 Jahren die Birnauer Kantorei eine Institution geworden ist, eine Kraftquelle für den Alltag. Das "Magnificat" ist im Sommer 2002 das gewesen, was Luther in seiner Auslegung gesagt hat: ein Lobgesang "von großen Taten und Worten Gottes, um unseren Glauben zu stärken, alle Geringen zu trösten...zum Gebrauch und Nutzen für alle." Unabhängig von den Zahlensymbolen wirkt das Werk aus seiner eingängigen Musiksprache. Klaus Reiners hat sie durch Chor, Orchester und durch die Solisten erlebnisstark verkünden lassen. 
Trompeten mit Strahlkraft 
Jubelnde Hochpreisung aus der Strahlkraft der Trompeten, der vollmundigen Klanglichkeit der Streicher, der nacheinander sich vereinigenden Vokalstimmen das "Meine Seele erhebet den Herrn". Das 15-taktige Nachspiel als zündender Funke für das stillere Frohlocken im "Et exultavit" des Mezzosoprans (Isolde Assenheimer). Nahtlos angefügt das jungfräulich empfundene "Quia respexit" durch den Sopran der Andrea Egeler, die ohne ein ungebetenes Portamento zum Ausdruck fand. Überhöht durch die exzellente Harmoniemischung des fünfstimmigen Chores "Omnes generationes", das mit den kanonisch aufgetürmten Stimmen zum glanzvollen Fortissimo-Adagio geführt wurde. Rainer Pachner tat etwas zu viel an Lautstärke. Sein Bass unterschlug im "Quia fecit" das Dolce. 
Wie vorgeschrieben, war das Alt/Tenor-Duett "Et misericordia" von "großem Ausdruck" getragen, das orchestrale Nachspiel akzentlos in seinem Zwölfachtel-Gang behandelt. Kraftvoll der Chor im energisch vorwärtsdrängenden "Fecit potentiam", sattelfest im fugalen "Sicut locutus", mit dem doxologischen "Gloria" dem "Magnificat" einen krönenden Abschluss gebend. Zuvor Bernhard Gärtner, der mit seiner Tenor-Arie dramatische Akzente setzte, Isolde Assenheimer, die ihrer Alt-Arie "Esurientes", im Flötenbeistand, rhythmisierende Formung zuteil werden ließ. 
Das Lob Gottes hatte schon zum Auftakt des Konzerts kantatengerechte Ausgestaltung gefunden - mit dem Bachwerkverzeichnis II, mit der Evangelien-Geschichte, die vom Chor (Choral "Wann soll es doch geschehen..." ) zuversichtlich beantwortet wurde - er wird kommen, der Herr der Herrlichkeit. 
Bach zum dritten - mit dem Konzert für zwei Violinen und Streichorchester in d-Moll. Roland Baldini und Naoko Ogura sorgten in mustergültiger Übereinstimmung für ein klassisches Barock-Erleben. Dirigent Klaus Reiners gab ihnen durch Dezenz des motivisch beteiligten Orchesters den Spielraum dazu, der sich auch zum Vorteil des Erfindungsreichtums Bachscher Polyphonie ausmünzte. 
Gerhard Hellwig
 

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07.Mai 2002
Zum Saisonauftakt "Geistliche Musik" der Birnauer Kantorei unter Klaus Reiners 

Mozart - ein Geschenk des Himmels für die fundamentalen Probleme unseres Hierseins. Nach ihrer Tradition hat die Birnauer Kantorei auch zum Auftakt der diesjährigen Reihe "Geistliche Musik" die Botschaft einer inneren und äußeren Harmonie verkündet. Zehnmal Mozart. Mozart als Medium, um abzuschalten, innezuhalten, Kraft zu schöpfen für den Alltag. Gut, dass das Programm des ersten Saisonkonzerts in der Zisterzienser-Wallfahrtskirche St. Maria im Juli als CD zu haben ist. 
Damit werden festgehalten sein die Eindrücke, die singend und musizierend unter Klaus Reiners Leitung zum Ausdruck kamen. Bindeglieder solistischer und chorischer Wiedergaben waren vier Kirchensonaten. Nach Kürze und instrumental einfacher Gegebenheit wollen sie nicht mehr sein als einstige Einlagemusik für den Salzburger Gottesdienst. Das hat man den einsätzigen Stücken für Orgel, Violinen und Bass in der bedeutendsten Barockkirche am Bodensee nicht angehört. Sie erfuhren mehr als nur eine adäquate Aufbereitung.
Aus seinen Werken spricht der praktizierende Katholik, was auch immer man aus der geistlichen Schatzkammer Mozarts abruft. Im Wechsel von Soli und Chor schwerelos das "Regina coeli", ein Alleluja auf die Königin des Himmels mit der Bitte, bei Gott ein gutes Wort einzulegen. Nachgelegt die ehrende Anrufung der seligsten Jungfrau durch das "Sub tuum praesidium" aus dem Offertorium, Köchelverzeichnis 198. Ruth Amsler und Ibolya Verebics standen übereinstimmend für den Status der Gottesmutter, dass man sich in Gefahren an sie wenden kann. Tapfer gehalten hat sich die indisponierte Sopranistin Ruth Amsler. Ihre Gesangstechnik obsiegte über ihre Erkältung. Lediglich an den Tönen der unteren Mittellage konnte man ihre Unbehaglichkeit ablesen. Gerahmt vom klang-homogenen Chor lobpreiste die Sopranistin im "Laudate Dominum" die "Völker alle". Im "Benedictus" trat sie "mit Brandopfern in das Haus des Herrn". Stark die Vorstellung des Chores (Stimmbildung: Christa Burgdörfer-Geismann) im finalen "Jubelt Gott, ihr Lande all". Und im vierstimmigen "Ave verum" grüßte er pastoral, dynamisch gestuft den "wahren Leib, aus der Jungfrau geboren..."

Glänzender Abschluss des Konzerts: Die "Missa solemnis" C-Dur, KV 337. Mit ihr spielten Chor und Orchester der "Kantorei" und das Solistenquartett (Ruth Amsler/Ibolya Verebics/Jürgen Ochs/Hermann Locher), an der Orgel Helmut Brand, ihre Trümpfe aus. Klaus Reiners brachte das Feierliche der Messe mit angezogenen Tempi auf den kürzesten Nenner. Geistliches ohne rituelles Zelebrieren. Das "Credo" des Chores war unprätensiöses Bekenntnis, das "Sanctus" quasi ein Ruf an die Welt, das "Benedictus" von kanonischer Durchsicht, das "Agnus Dei" eine Piano-Bitte um Frieden. In der ausverkauften "Birnau" stummes Verharren der Zuhörer, unter ihnen Ministerpräsident Erwin Teufel. Glockengeläut. Mozart wird fortklingen.
Gerhard Hellwig

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23.April 2002 
Ebenmäßiger Klang

Kantorei aus Birnau zu Gast in Würzburg

Würzburg /  Das Leistungsvermögen der Birnauer Kantorei machte Eindruck. Was nicht bedeutet, bei dem Nachmittag mit geistlicher Chormusik im Würzburger Kiliansdom wäre alles perfekt gewesen. Von einem Ensemble, das sich in seiner Freizeit der Kirchenmusik widmet, kann man dies kaum verlangen. Ansprechend fiel das, was unter der umsichtigen Leitung von Klaus Reiners zu hören war, allemal aus. 

Da die rund 70 Mitglieder der Kantorei über durchwegs kultivierte Stimmen verfügen und sich ganz in den Dienst der gemeinsamen musikalischen Sache stellten, beeindruckte das Ensemble mit einem vorbildlich ebenmäßigen runden Klang. Reiners hatte seinen Chor sorgsam einstudiert: Neben der sehr bewussten inhaltlichen Ausgestaltung mit fein erspürten emotionalen Entwicklungen, etwa bei Zoltán Kodálys "Meinen Blick heb' ich auf zu Dir", Maurice Duruflés "Ubi caritas et amor", Serge Rachmaninoffs "Tebé Poém" oder Edvard Griegs "Ave Maris Stella", punktete der Chor insbesondere durch eindringliche Differenzierungen, die vom ätherisch zarten Pianissimo (Felix Mendelssohn Bartholdys "Laudate pueri") bis zu ausgesungenen Forte (Duruflés "Tu es Petrus") reichten. Zwar fehlte dem Ganzen ein wenig an aus dem Text hervorgehender rhythmischer Intensität (Mendelssohns "Singet dem Herrn", Charles Hubert H. Parrys "Dear Lord and father of mankind"), an klarer und deutlicher Textverständlichkeit, doch fanden die engagierten Sängerinnen und Sänger aus Birnau, die bisweilen von Michael Bottenhorn an der Orgel zuverlässig begleitet wurden, mit den bekannt heiklen akustischen Bedingungen im Dom hierfür sicher kein unterstützendes Fundament. 

In den lang anhaltenden, verdienten Applaus wurde auch Domkantor Paul Damjakob eingeschlossen, der den Gästen mit drei virtuos präsentierten Eigenkompositionen die wichtige Atempause verschaffte. 
Von Thorsten Möller

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13. März 2002
J.S. Bach ökumenisch

Die "Birnauer" im Münster

Bach, der "fünfte Evangelist", war in Sachen Ökumene seiner Zeit voraus. Rund 150 Jahre vor den ersten Bestrebungen gab er ein musikalisiertes Zeichen, die konfessionelle Trennung zu überwinden - mit seiner Hohen Messe. Er komponierte das h-Moll-Werk auf einen katholischen Text, unterschlug selbst nicht das bekennende "...et unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam", ohne seine protestantische Geisteshaltung in Frage zu stellen. Welch eine Vorbildfunktion! Den zweistündigen Dialog mit Gott hat die Birnauer Kantorei an den Anfang ihres Konzertprogramms 2002 gesetzt. Im Marienmünster Mittelzell der Insel Reichenau war nur indirekt auszumachen, welchen Eindruck die Vermittlung der Bachschen Klangschöpfung hinterließ. Denn wieder einmal mußte der Bitte entsprochen werden, keinen Beifall zu spenden. Kurzes Glockengeläut, und die vielen Besucher verließen folgsam-stumm das ehrwürdige gotteshausliche Weltkulturerbe. 

Die Aufführung der h-Moll-Messe bleibt selbstverständlich ein gewaltiges Unternehmen. Sind doch gegenreformatischer Prunk der Chöre, instrumentale Vielfalt, vokalsolistische Individualität und stilistische Gegensätzlichkeiten zum Abbild einer fundamentalen Glaubenstiefe zu vereinen. Sieht man von gelegentlichen Unebenheiten ab, so haben Chor und Orchester der Birnauer Kantorei den vier kantatenartigen Hauptteilen Bachs große Ehre erwiesen, dank eines Klaus Reiners, der als Dirigent seit 1966 das Musikleben rund um den Bodensee bereichert. In stimmlicher Zurückhaltung eröffnete er die 24 Nummern umfassende Messe. Fast zaghaft fanden sich die fünf Chorstimmen zum Adagio. Erster Glanz leuchtete im tranparent geglückten orchestralen Largo auf. Kontinuierlich wuchs die Dynamik für das "Kyrie" und mündete decrescendierend ins Piano ein.

Für das Duett "Christe eleison" hätte man sich eine feinere Abstimmung von Sopran und Alt gewünscht - Ruth Amsler übertraf mit handfesten Tönen ihre Partnerin Ursula Maxhofer-Schiele, die Kontrastimmen des Orchesters drängten in den Vordergrund. Aus einem Guß das von Klaus Reiners geradezu fröhlich geforderte, lebhaft aufgezäumte "Gloria", ohne dass die Sechzehntel an deutlicher Artikulation Einbußen erlitten hätten. 
Mit prächtiger Assistenz der Trompeten, angeführt von Bernhard Kratzer, jagte der Chor zum fortissimo hochfahrenden "Voluntatis". Zum Nachweis schönsten Musizierens wurde die Sopranarie "Laudamus te". Im Sinne des Wortes sensibel begleitet vom Solopart des Konzertmeisters Roland Baldini konnte Ruth Amsler ihrer guten Mittellage Ausdruck verleihen. 

In immer stärkerem Maße war der Chor gefordert: Schichtete für das "Gratias agimus tibi" die vier Stimmen auf. Das "Qui tollis peccata" wurde zu einem inbrünstigen Betgesang, das "Cum sancto" wuchtete Klaus Reiners im Polonaisen-Rhythmus zu einem chorisch-orchestralen Glanzstück, fest gefügt die fünfstimmige "Credo"-Fuge, in Eindringlichkeit die Streicher-lose Gregorianik, jauchzend die Chorstimmen zum Auferstehungsakt, erhöht durch die Stimmenhaltung im "Osanna", dynamisch aushauchend das "Agnus dei".

Für das "Dominus dei" steuerte die vorzügliche Flötistin Heide Boie gleichsam gleitende Himmelstöne bei - im Duett der Sopranistin und des Tenors Johannes Eidloth. In der Altarie "Qui sedes..." war es Gerhard Gloor, der die Altistin mit ausgesuchtesten Oboen-Tönen stützte, in der Bass-Arie (Wolfgang Newerla) Wolfgang Wipfler, der mit dem Horn vorbildlich seine Töne blies, gleich dem Fagottisten Michael Held.

Klaus Reiners, wie immer, ein selbstbewußt dirigierender Verkünder geistlicher Werke, wünschte man sich eine frische Blutzuführung seines Chores - nicht von ungefähr stand im Programmblatt zu lesen, "wer Interesse an unserer Arbeit hat, der melde sich..."
Gerhard Hellwig

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18.12.01
Weihnachtsoratorium in der Stadtkirche

Berührend spannunsvolle Aufführung der Birnauer Kantorei

TUTTLINGEN - Für manchen ist erst richtig Weihnachten, wenn er Bachs Weihnachtsoratorium hört. Am Sonntag erlebte man es wieder, und zwar die Teile 1, 4, 5, 6 durch die Birnauer Kantorei unter Klaus Reiners.
Gleich sei gesagt, was verwunderte: Der große Chor sang so leicht und locker wie ein kleiner Kammerchor. Zum Beispiel „Ehre sei dir, Gott, gesungen“, wie behände liefen da die Koloraturen und in einer Einheitlichkeit, als sänge nur ein Sänger. Der festliche Eindruck Bachscher Musik hängt wesentlich von der ersten der eingesetzten drei Trompeten ab. Dafür holte Reiners Falko Schob vom Leipziger Gewandhausorchester, dem die hohen Töne hörbar Freude machten. Am Schluss der Bassarie „Großer Herr, o starker König“ drehte er die Tonleiter einfach um und spielte sie nach oben bis zum 
hohen „d“. Flöten und Oboen benützte Bach speziell für die lyrischen Arien, sie, sowie das ganze Orchester spielten mit präziser Artikulation.
Konzertmeister Roland Baldini und Naoko Oguna spielten herzerfrischend ein quasi Violin-Doppelkonzert in der Tenorarie „Ich will nur dir zu Ehren leben“, die von Jürgen Ochs mit strahlender Höhe gesungen wurde. Auch in den Rezitativen des Evangelisten bestach dieser mit natürlichem Ausdruck. Die Sopranistin Andrea Egeler ist eine ideale Bach-Sängerin durch Leichtigkeit und Brillanz ihrer Koloraturen, wie zum Beispiel in der Arie „Flößt, mein Heiland“ mit den wunderschönen Echostellen der beiden Oboen und einem Sopran im Hintergrund. Ibolya Verebics, Alt, und Rainer Pachner, Bass, sangen sehr engagiert, forcierten jedoch die hohen Töne zu sehr. Und wer saß am Orgelpositiv? Kirchenmusikdirektor Helmut Brand.
Johann Sebastian Bach dachte nicht nur musikalisch, sondern auch theologisch. Vorausblickend für Jesu Lebensziel verwendete er für den ersten und letzten Choral im Weihnachtsoratorium die Melodie von „O Haupt voll Blut und Wunden“. Doch hier in festlich großer Gestalt mit drei Trompeten und Pauken im Orchester.
Klaus Reiners, dem Gründer und Leiter der Birnauer Kantorei, ist die berührende spannungsvolle Aufführung des Werkes zu danken. Trotz der abratenden Bitte im Programm brauste nach langer Spannungspause am Schluss Beifall auf. 
Siegfried Burger


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13.12.01
Auf einstimmendem Festtagskurs
Bachs "Weihnachtsoratorium" mit der Birnauer Kantorei im Marienmünster Reichenau

Mit dem "Weihnachtsoratorium" ist das ausklingende Jahr im Marienmünster der Insel Reichenau verabschiedet worden. Im März wird das neue Jahr an gleicher Stätte mit der "Hohen Messe" auf die Reise geschickt - und zwar von der Birnauer Kantorei, die mit ihrer "Geistlichen Musik" Bach zum ständigen Begleiter hat. Von der Regel abgehend, war das "Weihnachtsoratorium" in den Teilen I, IV, V und VI zu hören. Wohl ein Zugewinn, vor allem für diejenigen, die nicht genug bekommen können vom Thomaskantor. In der ehemaligen Benediktiner-Fürstabtei Mittelzell störte ein parodistisch anmutender Zuschnitt nicht. Das heißt, dass Bach in den meisten Nummern zu den biblischen Texten weltliche Kompositionen herangezogen hat. Bisweilen glaubt man, zum Vorteil des Ganzen.
Klaus Reiners, der langjährige Leiter der Birnauer Kantorei, ließ es hören. Kraftvoll der freudig bewegte Auftakt mit Pauken und Trompeten das "Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage". Auch im Zeitmaß angezogen, ohne Nachteil für die Präzision von den mit Trillern besetzten Sechzehnteln des Chores. Generell ein Vorteil für die Umsetzung, wonach die Tonbildung nicht im gehackten Stakkato vorgenommen wurde, wie es unter anderem Philippe Herreweghe mit seinem Collegium Vocale bevorzugt. Klaus Reiners hielt auch Akzentuierungen in Grenzen. Danach begab sich alles in jener Zeit, wie es nach der Bibel in der Abfassung des nicht eindeutig nachgewiesenen Librettisten geschrieben steht. 
Greifen wir heraus, was nachhaltige Eindrücke vermittelte: Die vom Accompagnato wohl eingestimmte Arie "Bereite dich, Zion" durch die Altistin Ibolya Verebics, der Choral "Wie soll ich dich empfangen" in meditativ gestellter Frage, die kontrastierende Antwort mit "Großer Herr..." des in die Vollen gehenden Bassisten Rainer Pachner, der orchestrale Glanz des mit drei Trompeten (für den verhinderten Rolf Quinque Bernhard Kratzer) besetzten jungfräulichen Chorals "Ach mein herzliebes Jesuslein". Aufgestockter Hörnerklang für den majestätischen Eingang-Chorus "Fallt mit Danken..." mit fein abgestimmten Zwischenspielen zwischen Streichern und Bläsern. 
Und schon befand man sich im Fest der Beschneidung Christi. Die vorzüglich funktionierende Stimme des Tenors Jürgen Ochs verkündete es rezitativisch. Für die erkrankte Monika Meier-Schmid war der Sopran der Andrea Egeler zu hören, zu genießen, wie sie mit ihrem silbrigen Timbre in Akutaresse Text und Töne in Einklang brachte, wie in der so genannten Echo-Arie. Zur besten Vorgabe artikulierten die Violin-Solostimmen (Konzertmeister Roland Baldini/Naoko Ogura) und Continuo die Tenor-Arie "Ich will nur dir zu Ehren".

Gott wurde weiterhin die Ehre gegeben mit Oboe d'amore und Streichern zur Einleitung des V. Teiles. Wer den Chor der Birnauer Kantorei seit ihrem Gründungsjahr 1966 kennt, vermisste erstmals ein wenig die Substanz der Stimmen. Sie rehabilitierten sich mit der Harmonie der Choräle, vor allem mit dem Abgesang des VI. Teiles, dem Epiphaniasfest.

Zu besonderen Hörerlebnissen wurden Andrea Egeler mit ihrer Largo-Arie "Nur ein Wink" und Tenor Jürgen Ochs in seiner Vivace-Arie "Nun mögt ihren stolzen Feinde schrecken". Beifall war unerwünscht. Dann gratulieren wir halt hier zu einer insgesamt würdigen Umsetzung von Bach. 
Gerhard Hellwig

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2.Oktober 2001 
Im Kampf um die Gottesmacht 

Der Elias gilt als Gegenstück zum alttestamentlichen Paulus und ist zwar nach dessen Vollendung geplant, aber erst zehn Jahre später, 1846, in Birmingham uraufgeführt worden. Den Held, eine gotteigene Prophetengestalt der Bibel, zeigt der Text als Kämpfer, aber auch als Wundertäter, der Regen für das ausgetrocknete Land erbittet. Als Solisten erscheinen eine Witwe, sie bietet Elias (Bass, gesungen von Michel Brodard) eine Herberge, ein Knabe, der das Wetter beobachtet wird im Sopran (aus dem Chor) von Judith Stärkle gesungen, den Engel und die Königin, gesungen von der Altitstin Liliane Zürcher. Der Tenor Bernhard Gärtner singt Elias Gefährten Obadjah und König Ahab.
Eine farbig dramatische Komposition führt mitten ins Geschehen. Nach vier leitmotivischen Moll-Akkorden der tiefen Blechbläser tönt die Stimme des Propheten Elias, der verkündet, es solle weder Tau noch Regen geben, bevor er, Elias, es ansagen werde. Erst dann erklingt die Ouvertüre und leitet in den ersten Teil des ersten Chores ein, die Klage des Volkes um Hilfe für die verlorene Ernte.
Der fromme Odadjah ruft dasVolk zur Reue auf, das Volk antwortet mit einem verzweifelt erregten Chorsatz, der in der Wiedergabe der Birnauer Kantorei von Ausdruck und Echtheit geprägt ist: Aber der Herr sieht es nicht, er spottet unser. Die Dürre aber dauert an. Als auch der Bach vertrocknet ist, erweckt Elias den todkranken Sohn einer Witwe zum Leben. Die Klagen der Trauernden werden von der Sopranistin Barbara Locher als Witwe und im Gebet des Elias (Michel Brodard) ergreifend gesungen und gestaltet. Das Rezitativ des Obadjah präsentiert der Tenor Bernhard Gärtner in großen Bögen und instrumentaler Stimmführung. Auf die dramatische Szene des Duetts folgt die eigentliche Hauptszene des Werkes. 

Im dritten Jahr der Dürre kündigt Elias vor dem König von Israel Regen für sein Land an. Brodards Stimme erfüllt voll und rund den Raum der Basilika. Auch er spannt einen weiten Bogen musikalischer Symbole seiner prophetischen Sendung. Elias ruft die Priester des heidnischen Baal zu einem Wettstreit auf. Ein Brandopfer soll gelegt, aber kein Feuer daran entzündet werden, bis der als wahrer Gott verehrt werden soll, der den zündenden Blitzstrahl auf den Altar sendet.
Männerstimmen von Posaunen und Hörnern begleitet - Frauenstimmen von Holzblasinstrumenten getragen, wechseln einander ab, und musikalischer Leiter Klaus Reiners vereinigt in imposanter Manier alle zu einem auftrumpfenden Tutti- Satz. Da stürzt die Flamme vom Himmel auf den Opferaltar: Der Feuerzauber mündet in einen choralartigen Gesang des Volkes: Der Herr ist Gott, es sind keine anderen Götter neben ihm. Daraufhin lässt Elias die Priester des Götzen Baal hinrichten.
Im zweiten Teil des Oratoriums besticht Barbara Locher in der Sopran-Arie "Höre, Israel", erneut mit glasklarer Stimmführung und Virtuosität, die unter die Haut geht. "Fürchte dich nicht, spricht unser Gott", antwortet der Chor, geschlossen in Diktion und intonationsmäßig absolut sauber. Die Königin hetzt das Volk auf, den unbequemen Mahner zu töten. Elias gibt auf und flieht. Inniger Ausdruck der Celli in der Einleitung zu seiner Arie "Es ist genug". Bevor sein Lebensende in einer großen, balladesken Chorerzählung zusammengefasst wird, gelingt der Altistin Liliane Zürcher mit der Arie des Engel "Sei stille dem Herrn und warte auf ihn" eine zentrale Aussage, mit ungeheurer Kantabilität gesungen. In Terzen aufsteigende Tonleitern der Singstimmen symbolisieren Elias Auffahrt zum Himmel. Ergreifende Stille folgt in das Glockengeläut in der bis auf den letzten Stehplatz besetzten Birnauer Basilika.
Christiane Pieper 

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17. Juli 2001
Georg Friedrich Händel ohne Pomp
 
Textbezogene Wiedergaben im Konzert der Birnauer Kantorei in der Klosterkirche - Ein Loben und ein Jubilieren

Wie immer: Die bedeutendste Barockkirche am Bodensee ein Publikumsmagnet, wenn die Birnauer Kantorei zu Konzerten ruft. Und wenn dann noch Händel pur zu hören ist, dann sind Bänke und Stühle im Zisterzienser Wallfahrts-Gotteshaus mehr als sonst nahezu besetzt. Beifall untersagt. Auch ohne ihn war es den Zuhörern abzulesen, dass sie dankend aufgenommen hatten, was Chor und Orchester der Kantorei vollbrachten.
Im 35. Jahr ihres Bestehens war es ein Loben und Jubilieren, das Dirigent Klaus Reiners nicht aufs Pompöse ausgerichtet hatte. Die Texte waren Richtschnur für die Gestaltungsakte.
Der Sopran der Andrea Egeler eröffnete mit ihrer technisch abgesicherten Stimme das Lobpreisen auf den Namen des Herrn. Händel stilistisch auf die Spur gesetzt, forderte sie "alle Knechte dieser Welt" auf, und damit den Chor, das "Laudate pueri Dominum" zur Pflicht zu machen. Die Worte des dichtenden Psalmisten, auch den Geringeren aus dem Staube zu helfen, hatten in der instrumentalen Concertato- Besetzung erhöhte Aussage durch Andrea Egeler, die ihrem nachfolgenden "Qui habitare facit.." fein ausgewiesene Verzierungen zuteil werden ließ.
Erster Höhepunkt des Konzerts: Die präzisen Einwürfe des Chores ins Sopransolo zur Ehre der Dreieinigkeit und das Harmonie gesättigte "Amen". Händel, der Kosmopolit mittel-süddeutscher, italienisch- französischer Wurzeln, hat sein Konzert für Orgel und Orchester Nr. 10 in d-moll nach Umfang und Form auf kleinst mögliche Dynamik gesetzt. In diesem Sinne spielte Bernhard Ladenburger, der nach Vorschrift ohne Pedal den zarten Stimmen des Oberwerks introvertierte Ausdruckskraft verlieh; dieses Adagio gerahmt von Celli, Fagott, Kontrabass und Cembalo. Die Noten-Verkleinerung des Schönen stellte sich mit dem 1. Allegro ein und nach der Brückenfunktion von wenigen Takten hin zu einem bestens funktionierenden Wechselspiel zwischen Orgel und Orchester.
Vielleicht die imponierendste Tat des Ensembles: Das "Jubilate" nach Psalm 100.
Klaus Reiners sorgte für ein Hörbild barocken Zusammenspiels zwischen Solisten, Chor und Orchester. Aufbruch zum Jubilieren durch das instrumentale Allegro, ein Frohlocken durch den kolorierenden Alt Sophia Barts, erhöht durch das von Trompeten- Tönen (Rolf Quinque) überglänzte Orchester. Prononciert kam das "Seine Wahrheit besteht zu allen Zeiten" im Terzett
(Sophia Bart, Edzard Burchards/ Tenor, Hermann Locher/ Bass). Zum Widerglanz des barocken Weltbildes machte der Chor das "Ehre sei Gott" mit dem profunden "Amen"- Ablauf.
Zum Finale die konzertierte, konzentrierte Aktion von Soli, Chor und Orchester im "Te Deum laudamus". Da wude aus gläubiger Seele, vollem Herzen die Herrlichkeit des Herrn besungen, das Vertrauen auf die "Gnade  des Lichts" zu beredtem Ausdruck gebracht, endend in der Hoffnung, auf "ewig bei dir", dem liebenden Vater, zu leben. Und wieder einmal, diesmal mit Händel, war die Birnauer Kantorei unter Klaus Reiners, und sie tut es seit 1996, eine freigiebig Musik verschenkende "verschworene Gemeinschaft".
GERHARD HELLWIG


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27.Juni 2001
Sensibler Klang 
Konzert der Birnauer Kantorei im Salemer Münster
Im Münster "Unserer lieben Frau"' in Salem begrüßte Pfarrer Nicola die Gäste, die zum Konzert "Europäische Chor- und Orgelmusik" mit der Birnauer Kantorei gekommen waren.  Das Konzert fiel auf den 100.  Geburtstag der "Dreifaltigkeits-Orgel", die von Wilhelm Schwarz aus Überlingen erbaut worden war.
Das Programm enthielt Werke von Komponisten aus sieben verschiedenen Ländern.  Die Lebensdaten der Meister liegen zwischen 1809 und 1986.
Zur Eröffnung tönte von der Orgelempore durch Bernhard Ladenburger (Freiburg) der 1. Satz aus der Orgelsymphonie von Charles-Marie Widor (1844-1937).  Er war Begründer eines neuen Orgelstils, der viele Nachahmer fand.  Die Klänge beherrschten jeden Winkel des Kirchenraumes, traten aber zwischendurch in verhaltenere Sphären zurück. Mit zwei Psalm-Gesängen von Felix  Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) erfüllte der dichte und in sich sensible Klang des Chores die Herzen der Zuhörer.  Der Frauenchor mit Orgel bestätigte in einem dreistimmigen Psalm die Feinheit des Chorgesanges.  So eröffnete
ein deutscher Komponist die Gesänge und schloss diese mit dem Jubilar Josef Rheinberger (1893-1901) zu seinem 100. Geburtstag ab.  Obwohl in Vaduz geboren, möchte man Rheinberger als Münchner ansprechen, denn hier wirkte er unablässig sein ganzes Leben. Sein Stil ist eindeutig rnitteleuropäisch, vergleicht man ihn mit dem der anderen Komponisten im Programm.
Der Chor, der nun vier- und sechsstimmige Chöre von Zoltán Kodály (1882- 1967) erklingen ließ, war auch in dieser Mischung von östlichen Harmonien und Rhythmen wie zu Hause. Freudig erklang der Anfang, um dann ins "Piano subito" abzusinken zu neuem Aufbau und bis zu trompeten- und posaunenartiger Kraft anzuwachsen.
Durch gegensätzliche Klänge von Marc Duruflé (1902-1986) wurden die Hörer in unser gerade vergangenes Jahrhundert versetzt. Drei Motetten, op. 10, a capella gesungen, die auf altem gregorianischen Stil aufgebaut waren, schichteten sich in unglaublicher Dichte übereinender, ohne dabei laut zu werden. Tragende Klangdichte,  die verinnerlichte Gläubigkeit betonte, gab Zeugnis vom Chor-Klang, der auch im Pianissimo trägt. Durch Serge Rachmaninoff  (1873 1943) wurde man in die Weite russischer Natur versetzt, die aber dramatische Bewegtheit besitzt und mit verhaltenem Bitten in innerste Seelentiefen führt. Auch die Musik von Charles Hubert H. Parry (1848-1918), der schon achtjährig zu komponieren begann, trat mit stillen Klängen, die Verehrung offenbarten, hervor, um dann in ein sicheres Glaubensbekenntnis zu münden. Sie beeindruckte in Komposition und Wiedergabe. Da war Edvard Griegs (1843-1907) nordische Musik sehr nahe am mitteleuropäischen Stil stehend.
Der Italiener Bonaventura (1893-1960) ließ wogende Klänge aufsteigen in seinem vierstimmig gemischten Chor mit Orgel. Seine Klangwelt kündete bewegt von der südeuropäischen Seele.
In alle diese Ausdrucksstimmungen führte Klaus Reiners seine Sängerinnen und Sänger mit Gesten, nicht mit dem Taktstock, in die Seelenfarben europäischer Vielfalt. Die freie Fantasie von Louis Vierne (1870-1937) für Orgel hatte die große Gesangsreihe unterbrochen und mischte französisches Kolorit nochmals von der Orgel aus hinein. Vielfalt in musikalischer Einheit gestaltete kompositorische Seltenheiten in ausdrucksstarker beeindruckender Wiedergabe.
Friedward Blume
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